Stefan Kretzschmar: „Es ist nervlich aufreibender“

Der 46-Jährige erzählt über seinen Job als Sportchef beim Handball-Bundesligisten Füchse Berlin, den Bau des Kaders und ein Wiedersehen mit dem SC Magdeburg. 

Berlin-Schräge Frisuren, Tätowierungen, Piercings – Stefan Kretzschmar sorgte in seiner aktiven Zeit als Handballer durch sein Äußeres für Aufsehen. Mittlerweile ist sein Auftritt schlichter, im Fokus steht der Sportvorstand der Füchse trotzdem. Der neueste Coup des 46-Jährigen ist der Transfer des Letten Dainis Kristopans, der am Sonntag gegen Magdeburg (Max-Schmeling-Halle, 14.05 Uhr) sein Debüt für die Berliner geben wird.

Stefan Kretzschmar.
Stefan Kretzschmar.

Herr Kretzschmar, was erwarten Sie von Dainis Kristopans?

Dainis ist ein absoluter Weltstar und in meinen Augen einer der besten Halbrechten. Das ist eine Kategorie, in die wir aber gerne wollen. Umso glücklicher sind wir, ihn bis zum Saisonende an uns binden zu können. Er hat einen hohen Handball-IQ und versteht es, den Kreis zu bedienen und sich im Rückraum zu bewegen. Aber vor allem, und das ist fast wichtiger als der Angriff, weiß er, wie er die Abwehr zu spielen hat und besitzt trotz seiner Größe eine enorm starke Beinarbeit. Er kann uns relativ schnell helfen.

In einer Liga, die in der Spitze so ausgeglichen ist wie selten zuvor.

Wenn man berücksichtigt, dass die Spitzenmannschaften alle noch gegeneinander spielen und sich die Punkte untereinander abnehmen, ist da viel Brisanz vorhanden. Bei der aktuellen Tabellensituation und Punkteausbeute, haben wir eine gute Ausgangsposition, um uns international zu qualifizieren.

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Foto: dpa/Andreas Gora
Zur Person
Stefan Kretzschmar, 46, ist seit Januar offiziell Sportchef des Handball-Bundesligisten. Als Linksaußen spielte er für die Bundesligisten SV Blau-Weiß Spandau (1991-1993), VfL Gummersbach (1993-1996) und SC Magdeburg, dem er elf Jahre die Treue hielt und mit dem er 2002 die Champions League sowie dreimal den EHF-Pokal gewann.

Kann man das Niveau mit der reduzierten Mannstärke halten?

Man provoziert die Leute andauernd im roten Bereich. Es ist Wahnsinn, was die Jungs für ein Pensum gehen müssen – auch teilweise angeschlagen. Das ist natürlich ein gesundheitliches Risiko für jeden Bundesliga-Spieler. Da geht es den Champions-League-Teilnehmern genauso wie denen im EHF-Cup. Wir müssen etwa bei Paul Drux gucken, dass seine Einsätze dosiert werden. Er ist, meiner Meinung nach, nach dem Ausfall von Fabi Wiede unser wichtigster Spieler. Andererseits gibt es keine Partie, bei dem man ihn guten Gewissens draußen lassen kann.

Lässt sich die Belastung reduzieren?

Dafür gibt es nur die Lösung, dass die Mannschaften ihre Kader breiter aufstellen. EHF und IHF werden kein großes Turnier auslassen, die Champions League wurde nur geringfügig minimiert, eine Reduzierung der Liga würde den kleineren Klubs schaden. Was die Spieler fordern, und da stimme ich zu, ist ein komprimierter Spielplan und eine längere Sommerpause für eine bessere Regeneration. Genauso sollten die Vereine daran arbeiten, den Reisestress zu minimieren.

Wie zufrieden sind Sie mit der Kaderplanung für die neue Saison?

Viele haben gesagt, bei den ganzen Neuverpflichtungen verliere man vielleicht diese Saison aus dem Auge, aber da braucht man sich keine Sorgen machen. Was Petko momentan leistet, ist bemerkenswert. Besonders wenn man sich anschaut, auf wie viele Spieler er immer wieder verzichten muss. Da kann man ihm keine Vorwürfe machen. Doch ich freue mich wahnsinnig auf den Kader nächstes Jahr. Da steht das Gerüst. Das war teilweise ein Nervenspiel mit vielen schlaflosen Nächten, weil man weiß, dass das Schicksal deines Vereins von einer Unterschrift abhängen kann. Wenn die dann allerdings da ist, hat man einen umso schöneren Abend und sich das Martyrium gelohnt.

Im Vorwärtsgang für den SC Magdeburg: Für Stefan Kretzschmar ist der Handball-Bundesligist immer noch das Maß aller Dinge 
Im Vorwärtsgang für den SC Magdeburg: Für Stefan Kretzschmar ist der Handball-Bundesligist immer noch das Maß aller Dinge Imago Images/Frank Sorge

Wie groß war die Umstellung auf Ihre neue Funktion bei den Füchsen?

Es ist vor allem nervlich aufreibender, weil von Personalentscheidungen die Zukunft abhängt. Man geht viele Szenarien durch, schaut sich die Spieler an und guckt, ob sie zur Mannschaft passen. Da ist man bei einigen Verhandlungen sehr nervös. Ich war zum Beispiel im September in Portugal, um mit Spielern von Porto und Lissabon zu sprechen und beide Deals haben nicht funktioniert, obwohl die Gespräche gut gelaufen sind. Das ist dann ein kleiner Nackenschlag und nimmt einen schon mit.

Ist das Duell mit dem SC Magdeburg für Sie emotional herausfordernd?

Magdeburg ist für mich immer noch der größte Verein aller Zeiten. Selbst wenn ich heute in die Bördelandhalle gehe, bekomme ich sofort Gänsehaut. Das ist das Mekka des Handballs und der Leuchtturm des Ostens. Aber meine Motivation liegt jetzt hier und der Antrieb, das, was ich irgendwann einmal mit aufgebaut habe, wieder in die Schranken zu weisen, ist groß. Ich werde sicher nicht Magdeburg die Daumen drücken, sondern mich umso mehr freuen, wenn wir gewinnen.