Steffen Baumgart und Cristian Fiél: Zwei Herzensunioner als Schicksalgötter

Es war Höflichkeit und vielleicht auch ein kleines bisschen alte Verbundenheit zum ehemaligen Klub, die durch die sich Cristian Fiél, Trainer von Dynamo Dresden, im April nach dem 0:0 gegen den 1. FC Union zu Worten hinreißen ließ, die plötzlich Folgen hatten. „Urs“, sagte Fiél mit Blick auf Unions Trainer Fischer, „was ich dir noch wünschen wollte − dass ihr es hoffentlich schafft.“ Es, das ist der Aufstieg in die Bundesliga. Und folgenschwer sind diese Worte, weil es am letzten Spieltag der Saison ausgerechnet vom Schaffen der Dresdener Fiéls abhängt, ob es für Union direkt ins Oberhaus geht oder ob die Eisernen den Umweg über zwei Relegationsspiele gegen den VfB Stuttgart nehmen müssen.

Ein Stein im Spielertunnel

Vorausgesetzt, Union gewinnt das Spiel in Bochum, dürfte die Mannschaft des früheren Köpenickers Fiél ihrerseits gegen den SC Paderborn nicht verlieren. Da hat allerdings ein nicht weniger populärer früherer Unioner ein Wörtchen mitzusprechen. Denn der Trainer des Köpenicker Aufstiegskonkurrenten heißt Steffen Baumgart und hat eine noch bedeutsamere Vergangenheit bei den Eisernen als Fiél. Zwischen 2002 und 2004 lief der gebürtige Rostocker in 68 Pflichtspielen für die Rot-Weißen auf, erzielte dabei, zwischenzeitlich als Kapitän, 22 Tore, war in seinen beiden Saisons jeweils „Unioner des Jahres“ und − viel wichtiger − wurde an der Wuhle heimisch. Noch heute wohnt Familie Baumgart knapp anderthalb Kilometer vom Stadion An der Alten Försterei entfernt. Ehefrau Katja leitet die Fanshops der Eisernen, die meisten Freunde und Bekannten der Familie sind eingefleischte Unioner.

Auch Baumgart selbst ist weiterhin Mitglied im Verein, sagt über sich: „Der Verein ist eine Herzensangelegenheit für mich, das wird sich auch nicht ändern.“ Unter der manuellen Anzeigetafel, im historischen Zuschauertunnel, hat er neben vielen anderen einen eigenen Stadion-Gründerstein. „Steffen Baumgart − Wir sehen uns!“ steht darauf.

Ganz so tief verwurzelt ist Cristian Fiél bei den Eisernen wiederum nicht. Anderthalb Jahre spielte der einstige Mittelfeldmann, in dessen Adern spanisches Blut fließt (voller Name: Cristian Ramon Fiél Casanova) in Köpenick, ein halbes davon gemeinsam mit Baumgart. Dann zog es den talentierten Kicker für ein Jahr zum VfL Bochum, ausgerechnet, ehe er in sechs Jahren am Aachener Tivoli bei der Alemannia zum Helden wurde.

Und trotzdem betonte er zuletzt seine große Sympathie für die Eisernen: „Ich hatte in Köpenick eine super Zeit, konnte mich da für die Bundesliga empfehlen und habe nur gute Erinnerungen an Union.“ Auch Fiél hat eine enge private Verbindung nach Berlin, lernte hier seine Frau Diana kennen. „Wenn es die Zeit erlaubt, bin ich sehr gerne hier, meine Schwiegereltern leben ja auch noch in Berlin“, sagte er.

Viel Zeit für Besuche hatte der 39-Jährige, der nach einem Spiel als Interimstrainer im vergangenen August erst im Februar als Nachfolger Maik Walpurgis’ zum Dynamo-Cheftrainer befördert wurde, allerdings nicht. Die Sachsen spielten keine gute Saison, fanden über den kompletten Verlauf weder unter dem früheren Union-Trainer Uwe Neuhaus noch unter Walpurgis oder Fiél zu konstanten Leistungen und kämpften bis zuletzt gegen den Abstieg.

Ein ganz anderes Bild boten hingegen Steffen Baumgarts Paderborner. Als designierter Drittliga-Absteiger 2017 und nur wegen des Zwangsabstiegs von 1860 München in der Liga verblieben, erkämpfte sich sein Team nicht nur den sofortigen Aufstieg in die Zweite Bundesliga, sondern auch in dieser Saison eine historische Chance zum direkten Sprung ins Oberhaus.

Die Ostwestfalen setzten aus Kostengründen unter der Leitung Baumgarts konsequent auf günstige Nobodys und scheinbar gescheiterte Talente. Mittelfeldspieler Kai Pröger, ein alter Freund von Union-Stürmer Sebastian Polter, gelangte über den Umweg BFC Dynamo und Rot-Weiß Essen nach Paderborn. Christopher Antwi-Adjej, der zwei seiner zehn Saisontore zuletzt beim 4:1 gegen den HSV erzielte, kam von der TSG Sprockhövel. Dauerläufer Jamilu Collins wurde unter Baumgart vom Ergänzungsspieler in der kroatischen Liga zum Nationalspieler Nigerias. Und an Topscorer Philipp Klement (15 Tore, 7 Vorlagen) war zuletzt sogar der FC Schalke 04 interessiert − wie Gerüchten zufolge auch an Baumgart selbst.

Der betonte zwar, dass er in Paderborn sehr glücklich sei und weder Angebote sondiere noch vorliegen habe. Allerdings weiß auch Baumgart, dass viele seiner vormals Unbekannten nicht zu halten sind: „Dafür sind wir als Verein aktuell wohl noch zu klein. Aber wir haben immer gesagt: Bei uns können die Jungs den nächsten Schritt machen. Und wenn sie ihn gemacht haben, profitieren beide Seiten davon. Der Spieler wechselt zu einem größeren Klub, Paderborn kassiert vergleichsweise viel Geld für ihn.“

„Hoffentlich schafft ihr es beide“

Ein System, was wiederum den Unionern sehr bekannt vorkommen dürfte. Und überhaupt ist es beeindruckend, wie sehr sich die Strategie des 1. FC Union mit der des SC Paderborn deckt, wenngleich Union zuletzt sein Erfolgsgeheimnis in jungen, talentierten Spielern wie Grischa Prömel, Marvin Friedrich oder Joshua Mees fand, die nicht sofort den Sprung in den Kader eines Bundesligisten geschafft hatten.

Umso mehr wäre es eine echte Bereicherung für die Bundesliga, wenn beiden Vereinen der Sprung ins Oberhaus gelingen könnte. Das sieht übrigens auch Cristian Fiél so und ergänzte seine Glückwünsche an Urs Fischer unter der Woche noch einmal: „Beide haben es verdient aufzusteigen. Union, hoffentlich schafft ihr es. Steffen, hoffentlich schafft ihr es auch.“