BerlinJoachim Löw hatte sich für sein Plädoyer in eigener Sache einen weinroten Rollkragen-Pulli angezogen - und der schwerste Angriff des „verärgerten“ sowie „wütenden“ Bundestrainers galt dem DFB-Präsidium um den Winzer Fritz Keller. Die Durchstechereien der vergangenen Tage hätten ihn „persönlich maßlos enttäuscht“, schimpfte er. An seinem Weg, das betonte Löw in seinem einstündigen Auftritt in der Frankfurter Verbandszentrale mehrfach, halte er trotz aller Kritik fest.

Rückkehr des Weltmeister-Trios nur im Notfall

DFB-Direktor Oliver Bierhoff hatte für den mit Spannung erwarteten ersten Auftritt Löws nach der 0:6-Schmach in Spanien „Feuer“ versprochen - und Löw lieferte. Der Gedanke an einen Rücktritt sei ihm „nicht“ gekommen, betonte Löw, der seine „rote Linie“ vehement verteidigte - und austeilte. Vor allem Richtung eigener Führung, von der er „Geschlossenheit“ forderte statt „Störfeuer“. Denn: „Da herrscht Explosionsgefahr bei mir, wenn Dinge nach außen gehen, die nicht nach außen gehören!“

Das viel diskutierte Comeback des einstigen Weltmeister-Trios Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels, stellte Löw klar, werde es nur im Notfall geben. „Vor der Nominierung machen wir uns über alles Gedanken und drehen jeden Stein um. Wir gucken, was uns den größtmöglichen Erfolg bringt“, sagte Löw. Er betonte, dass er immer gesagt habe, er werde alles tun, um erfolgreich zu sein: „Wenn ich das Gefühl habe, werde ich im Sinne des Erfolges alles Erdenkliche tun, was möglich ist.“

Der Bundestrainer hatte Müller, Hummels und Boateng im März 2019 aussortiert, eine Rückkehr aber nie kategorisch ausgeschlossen. Löw erklärte allerdings auch, dass wir „von dem Weg überzeugt sind“. Man folge auch nach dem 0:6-Desaster in der Nations League in Spanien weiter „unserer roten Linie“ und wolle daran bis zur Europameisterschaft im nächsten Jahr festhalten.

Der interne Vorstoß Kellers, ihn nach der bevorstehenden EM vor Vertragsende loszuwerden, sei „so nicht in Ordnung gewesen“, betonte Löw am Montag, er habe sich „nicht einverstanden erklärt“ damit. In einem Telefonat mit Keller habe er „deutlich gemacht, was mich gestört hat“. Nach dieser Aussprache sei die Sache für ihn erledigt.

Das gilt aber ganz offensichtlich nicht für die vielen Indiskretionen. „Das hat mit Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu tun“, betonte Löw. Dass Interna an die Öffentlichkeit gelangten, habe ihn sehr geärgert, und „das habe ich auch klar und deutlich gesagt“. In der Präsidiumssitzung am Montag vergangener Woche sei ihm aber auf seinen Wunsch hin das Vertrauen ausgesprochen worden, „das war mir wichtig“.

Löw verärgert über DFB-Mitteilung

Ebenso zeigte sich Löw über eine DFB-Mitteilung nach dem Spanien-Debakel verärgert. Dass ihm dort „emotionale Distanz“ verordnet wurde, „war für mich unverständlich“. Diese habe er nicht gebraucht, betonte der 60-Jährige. „Ich habe gesagt: ‚Gebt mir einen Tag Zeit‘.“

Löw trat auch entschieden der Deutung entgegen, er sei nach dem Spiel in Sevilla abgetaucht. Darüber habe er sich „ein bisschen gewundert. Ich entscheide, wann ich rede. Und ich muss ja nicht ständig in der Öffentlichkeit stattfinden.“

Das 0:6, auch das wurde deutlich, nagt noch an Löw. Die Wut, die er danach empfunden habe, „brodelt immer noch in mir“, sagte er. Gründe für die historische Pleite nannte er auch, etwa jenen, dass seine Elf nach dem 0:1 seine „taktische Vorgabe verlassen“ habe.

Zweifel an der verjüngten Auswahl habe er deshalb jedoch nicht. Das Vertrauen sei „absolut vorhanden“. Die Mannschaft habe sich „sehr, sehr gut entwickelt“, auch wenn sie 2020 „ein bisschen stehengeblieben“ sei. Um sie zu beobachten, würde er „am liebsten zu Fuß in jedes Stadion laufen“ - die Pandemie aber verhindere dies.

Löw sprach unmittelbar vor der Auslosung der Qualifikation für die WM 2022 am Abend in Zürich, die im März startet und damit Löws nächste Herausforderung noch vor der EM im Sommer darstellt. Die DFB-Auswahl war als einer von zehn Gruppenköpfen gesetzt. Doch vor dem Hintergrund des Löw-Auftritts rückte die Frage nach den Quali-Gegnern in den Hintergrund.

Dass sich Löw erst drei Wochen nach der Schmach von Sevilla äußerte, hatte vielfach Kritik provoziert. Auch, weil er nach der Jobgarantie durch den DFB zu Beginn der vergangenen Woche abermals kommentarlos abgetaucht war. Statt Löw redete zunächst nur Bierhoff - und verteidigte den langjährigen Weggefährten wortreich.