Der Abstand auf den Tribünen war zum Auftakt größer als erhoft.
Foto: dpa/Andreas Gora

BerlinDass die Tennisanlage des LTTC Rot-Weiß an der Hundekehle in diesen Tag einem Art Hochsicherheitstrakt ähnelt, bekam zu spüren, wer sich dem Areal über den Gottfried-von-Cramm-Weg näherte. „Was führt Sie hierher“, gehörte zur Standardfrage der Sicherheitsleute, die jeden genau in Augenschein nahmen, der sich hier aufhielt. Die anliegenden Villen mit ihren hohen Zäunen waren wohl selten so gut wie bewacht wie im Moment.

Der Grund für das erhöhte Sicherheitsbedürfnis liegt daran, dass im Steffi-Graf-Stadion bis Mittwoch der erste Teil eines sogenannten Einladungsturniers stattfindet, das ab Freitag im Hangar des alten Flughafens Tempelhof fortgesetzt wird. Eine Veranstaltung mit international dekorierten Spielerinnen und Spielern sowie Zuschauern. Turnierdirektorin Barbara Rittner hatte dieser Zeitung gesagt, dass man hoffe, „vielen damit weiterhelfen zu können, nicht nur dem Sport, sondern der ganzen Eventwelt.“ Es geht um den Beweis, dass auch unter schwierigen Umständen eine Sportveranstaltung auf hohem Niveau durchgeführt werden kann.

Wie ernst es hier allen ist, das Hygienekonzept einzuhalten und bloß keine Kritik aufkommen zu lassen, offenbart die Einlasskontrolle. Selbst Turnierveranstalter Edwin Weindorfer wird nicht bevorzugt, wenn es darum geht, die Temperatur mit einem kleinen elektronischen Fieberthermometer messen zu lassen. Jeder, der die Anlage am Grunewald betritt, muss zudem einen QR-Code abscannen und täglich sein Wohlbefinden protokollieren. Um abschließend in einer kleinen Kabine mit Sprühnebel desinfiziert zu werden. Der Mund- und Nasenschutz gehört ohnehin zur Standardausrüstung.

Ganz entschieden geht es den Machern dieses Turniers auch um Distanz. Zum einen symbolisch, um nach den Vorgängern bei der Adria Tour „das Gegenteil vom Image der laxen Tennisprofis zu beweisen“, wie Rittner sagt. Mit Turnierdirektor Weindorfer übte sie sich in Zeichensprache, weil beide ganz korrekt in verschiedenen Logen, die vom Plexiglas getrennt waren, Platz genommen hatten.

Deutsches Aus

Mit Andrea Petkovic verpasste am Montagabend auch die letzte deutsche Vertreterin den Sprung ins Halbfinale an der Hundekehle. Die Darmstädterin unterlag der zweifachen Wimbledonsiegerin Petra Kvitova (Tschechien) mit 4:6 und 1:6.
Zuvor hatte sich Tommy Haas, der seine Karriere als Profi beendet hat, ein intensives Match mit dem Italiener Jannik Sinner geliefert. 4:6, 6:3, 8:10 hieß es am Ende für den Südtiroler.  „Die Beine spüre ich schon sehr", sagte der Oldie.

Es geht aber auch um realen Abstand. Dass es am Eröffnungstag doch sehr luftig wirkte im Stadion, lag zum einen daran, dass der Funke nach der Coronapause auf das Berliner Sportpublikum offensichtlich noch überspringen muss, rund 150 Besucher - erlaubt sind 800 - hatten sich im altehrwürdigen Stadion eingefunden. Dass maximal zwei Besucher nebeneinandersitzen durften, verstärkte den Eindruck noch mal, dass sich dieser erste Tag auf dem Center Court eher anfühlte wie ein Nebenplatz in Wimbledon, wo sich vor allem Anhänger von Spielern einfinden, die in der Weltrangliste jenseits der Topplatzierungen rangieren. Auf den Nebenplätzen tummelten sich hier zahlreiche Kinder, die im Training an ihrer Technik feilten.

Das Turnier in Berlin beheimatet dieser Tage trotz der Absagen von Alexander Zverev und Nick Kyrgios ein Feld, über das sich jeder Veranstalter eines regulären WTA- oder ATP-Turniers freuen würde. Zum Auftakt duellierte sich Jan-Lennard Struff mit Roberto Bautista Agut, aktuell und Corona bedingt seit vielen Wochen die Nummer zwölf der Welt. Dass Struff sich mit 3:6, 6:3 und 7:10 geschlagen geben musste, war schnell abgehakt. Der deutschen Nummer zwei war vielmehr stellvertretend die Erleichterung anzumerken, dass zumindest in Ansätzen wieder Normalität herrscht. Letzte Woche spielte er auf Sand in Kitzbühel, nun auf Rasen in Berlin. „Das ist ein bisschen wie auf dem Tourkalender“, sagte er.

Aber natürlich geht es auf dem Platz streng hygienisch zu. Die Ballkinder, die zwischen den Sätzen getauscht werden, hecheln mit Mundschutz und Handschuhen dem Spielgerät hinterher. Nachdem ein Ball im Publikum gelandet war, bekam der Fänger den dezenten Hinweis vom Schiedsrichter, diesen doch bitte nicht zurück aufs Feld zu werfen. Auf Linienrichter wird in hygienisch schwierigen Zeiten ebenfalls verzichtet. Dafür ertönten bei Aufschlägen und Bällen, die im Aus landeten, „Hooo"- und „Out"-Rufe aus den Lautsprechern. Erste von einer Frau gesprochen, zweite von einem Mann.

Für die Frauen ist diese Veranstaltung ja zugleich eine Generalprobe für die Premiere des WTA-Turniers auf Rasen, dessen Premiere nach der Terminänderung in diesem Jahr auf das nächste Jahr verschoben wurde. Und Julia Görges wird keine besonders gute Erinnerungen an diese Tage in Berlin behalten. Im Spiel gegen Anastasija Sevastova knickte sie unter den Augen ihres Probetrainers Raemon Sluiter um und musste beim Stand von 3:6 und 3:4 aufgeben. Es war ihrer Gegenspielerin anzumerken, wie gerne sie ihr tröstend die Hand auf die Schulter gelegt hätte. Solche Gesten der Annäherung sind im Hygienekonzept allerdings nicht vorgesehen.