Neuruppin - Eine Stoßrichtung, mit welcher Formation Hertha BSC in der kommenden Spielzeit hauptsächlich auftreten wird, war aus dem ersten Test der Vorbereitung noch nicht abzulesen. Ante Covic will in seiner Debütsaison als Bundesligatrainer möglichst flexibel sein. Auch deswegen war es dem kroatischen Trainer in Diensten von Hertha BSC ein Anliegen, gegen Drittligist Eintracht Braunschweig drei Halbzeiten mit einer jeweiligen Dauer von 35 Minuten zu spielen. Die Abschnitte beim 4:1-Sieg (3:1, 0:0, 1:0) des einzigen Tests während des Trainingslagers vor 2742 Zuschauern in Neuruppin nutze Covic entsprechend, um drei verschiedene Systeme (3-5-2, 3-4-2-1, 4-3-3) einzustudieren.

Grundsätzlich soll es auf ein 4-3-3-System hinauslaufen, in dem die erste getestete Variante, eine Doppelspitze aus Vedad Ibisevic, 34, und seinem zehn Jahre jüngeren Kollegen Davie Selke, wohl nicht allzu häufig Platz findet. „Das 4-3-3-System ist eines der Lieblingssysteme von Ante Covic. Dass Davie und ich darin zusammenspielen, glaube ich nicht“, vermutet auch Ibisevic. Das Duell um den Platz im Sturm ist eine der kniffligsten Personalentscheidungen für den Trainer. Es wird spannend, wie der gebürtige Berliner den Positionskampf der beiden Alpha-Angreifer moderiert, wie er auch denjenigen bei Laune hält, der zunächst nur auf der Bank sitzen wird.

Gelassener Ibisevic

Ibisevic geht vor seiner fünfzehnten Profisaison gelassen mit der Situation um. Vor allem, weil er schon oft genug in seiner Karriere erlebt hat, dass sich das Blatt innerhalb weniger Wochen wenden kann. „Wer von uns spielt, entscheidet der Trainer“, sagt er und fügt mit all seiner Routine noch an: „Wir sind Profis, das ist Fußball. Wir brauchen diesen Konkurrenzkampf.“

Auch deswegen ernannte Covic den Bosnier erneut zum Kapitän. Die Eindrücke der ersten Woche hätten ihm genügt. „Die Frage hat sich überhaupt nicht gestellt“, sagt Covic, „Vedad hat das nötige Standing in der Kabine und unheimlich viel Erfahrung. Das spürt man sofort“, begründet er seine Wahl. Und auch deshalb sucht Covic Ibisevics Nähe. „Wir sprechen ja beide noch eine andere Sprache, haben schon früher viel über Fußball geredet und sehen viele Dinge ähnlich“, erklärt Ibisevic. Einen besonderen Draht zum neuen Trainer will er deswegen aber nicht haben. „Klar ist“, betont Ibisevic, „wir haben trotzdem ein ganz normales Trainer-Spieler-Verhältnis.“ Erneut die Binde zu tragen, erfülle ihn mit Stolz. „Meine Rolle ändert sich aber nicht. Ich werde Verantwortung übernehmen und auf dem Platz alles reinwerfen, was ich habe.“

Zukunft soll Selke gehören

Dass das immer noch einiges ist, hat der mittlerweile mit 119 Toren viertbeste ausländische Angreifer der Bundesliga erst in der vergangenen Saison bewiesen, als er nach Selkes schwerer Lungenverletzung in die Bresche sprang und am Ende der Spielzeit mit zwölf Treffern Herthas bester Torschütze war. Für Manager Michael Preetz Anlass genug, seinen im Sommer auslaufenden Vertrag um ein weiteres Jahr zu verlängern.

Dabei ist klar, dass die Zukunft im blau-weißen Sturm Selke gehören soll. Deswegen überwies Preetz im Sommer 2017 die klubinterne Rekordablöse von achteinhalb Millionen Euro an RB Leipzig. Nach einem starken ersten Jahr , in dem Selke mehr Startelfeinsätze und mehr Tore feierte als Ibisevic, wendete sich das Blatt in der vergangenen Saison, nicht zuletzt wegen Selkes in Neuruppin erlittenem Lungenkollaps. Pal Dardai fand dabei stets die richtige Mischung, um Konflikte im Angriff erst gar nicht aufkommen zu lassen. Obwohl beide ehrgeizig sind, fiel nie ein böses Wort – selbst, wenn man die Unzufriedenheit des jeweiligen Bankdrückers spüren konnte.

Stand jetzt sind beide zum Bundesligastart beim Deutschen Meister Bayern München Mitte August fit. Selke zeigte gegen Braunschweig bereits eine auffällige Frühform, überzeugte mit gutem Tempo und einer Torvorlage. Ibisevic, der gegen die Niedersachsen mit einem Fallrückzieher am Pfosten scheiterte, verspricht mit seinen fast 35 Jahren keinen Deut nachzulassen. „Ich bin nie zufrieden und will immer mehr. Vom Toreschießen habe ich nie genug.“