Berlin Fußballstadien sind Horte der Geselligkeit. Zumeist prall gefüllt. Und sie sind laut, das bringt das Spiel so mit sich. Das Stadion An der Alten Försterei ist da ein Paradebeispiel. Gefürchtet als Hexenkessel, berüchtigt für seine frenetischen Fans, die mit allem, was die Kehle so hergibt, ihre Fußballgötter in Rot und Weiß antreiben. Doch diesmal gegen Freiburg müssen die Stimmbänder am Sonnabend (15.30 Uhr) in Köpenick stumm bleiben. Worauf der 1.FC Union im Vorfeld auch ausdrücklich hingewiesen hat. 

Eine echte Kulisse wird so kaum möglich sein. Erleichtert darüber, dass die Partie gegen die Breisgauer nicht zu einem Geisterspiel verkommen muss, ist Unions  Trainer Urs Fischer aber nicht. „Ich finde es schön, dass Zuschauer im Stadion sein dürfen. Aber auch das ist ein neues Gefühl, wenn die ruhig sein müssen“, meinte der 54-Jährige nachdenklich. 

Ein seltsames Spiel steht da am Sonnabend an. Neben den veränderten Hygieneschutzbedingungen, die das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes nun auch am fest zugewiesenen Platz vorschreiben, sind nun also jeglicher Gesang oder auch Sprechchöre verboten. Ein Punkt, der den Unionfan gewaltig anjuckt. Allerlei Überlegungen wurden in Köpenicker Landen angestellt, wie denn das Team trotzdem mit einer hohen Phonzahl unterstützt werden könne. Klassische Percussion-Instrumente wie Bongos oder Trommeln wurden vorgeschlagen. Ein kollektives, lautes Summen hinter den Masken wird erwogen. Zumindest beim Abspielen der Hymen. Das alles ist aber mehr oder weniger eine Ersatzbefriedigung und wider der Natur des Spiels. 

Aber Corona zwingt einem derzeit ja vieles auf. Auch die Begrenzung auf rund 4400 zahlende Besucher ist so ein Fall. Abstände können damit eingehalten werden. Und doch gibt es derzeit Kräfte, die nicht müde werden, mit dem Finger gen Köpenick zu zeigen. Vokabeln wie „unverantwortlich“ sind da noch die kleinere Maßeinheit. Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) machte am Donnerstag den Vorreiter, rief die Fußballfans dazu auf, möglichst auf einen Stadionbesuch zu verzichten. „Ich verstehe die Leidenschaft zum Fußball“, behauptete  Kalayci, blieb aber in der Sache stur: „Meiden Sie soziale Kontakte. Wenn es geht, bleiben Sie zuhaus.“ 

Auch die Senatsverwaltung für Inneres und Sport stärkte der Kollegin den Rücken. Man halte die Entscheidung zur Zulassung von rund 4400 Zuschauern für ein „falsches Signal“, man hätte sich „eine andere Lösung gewünscht“, teilte ein Sprecher am Freitag mit. „Die Entscheidung darüber liegt aber bei der DFL, den Vereinen und den jeweils zuständigen Gesundheitsämtern der Bezirke (im aktuellen Fall Treptow-Köpenick). Von der Innen- und Sportverwaltungsseite haben wir da keine Handhabe“, hieß es vor der Begegnung gegen die Breisgauer. Das Bezirksamt Treptow-Köpenick verteidigte im übrigen seine Zulassung von bis zu 5000 Personen im Stadion: „Bisher gibt es keinen Nachweis für ein Ausbruchsgeschehen im Zusammenhang mit einer geregelten Veranstaltung mit eingegrenzter Personenzahl“, hieß es aus dem Köpenicker Rathaus.

Mittlerweile gibt es ja einige in der Republik, die den 1.FC Union im Lager der Corona-Leugner verorten. Was völliger Unsinn ist. Nicht umsonst haben die Köpenicker ihren Plan verworfen, am Sonntag einen Kick zur Erprobung eines Corona-Testverfahrens steigen zu lassen. Abstand halten ist das Gebot der Stunde. Gerade wegen des erhöhten Inzidenzwertes von 50,4 für Treptow-Köpenick.

Themen, mit denen sich Urs Fischer in Pandemiezeiten sicherlich beschäftigen muss. Aber sein primärer Gedanke gilt natürlich dem Kick gegen die Breisgauer und wie der Elf von Christian Streich am besten beizukommen ist. Mit Unterbindung von deren Flankenläufen zum Beispiel und dem Besinnen auf die eigenen Stärken. Selbst wenn Grischa Prömel - für ihn kickt wieder Christian Gentner - oder Loris Karius - der hätte eh nur Andreas Luthe beim Torehüten zusehen dürfen - passen müssen. Denn auch Fischer geht es um den Abstand. Den in der Tabelle natürlich. Da möchten die Köpenick zwischen sich und die Abstiegszone mit einem Heim-Dreier einen dicken Puffer legen.