Super Bowl: Warum die Los Angeles Rams heute gewinnen

New York - Unter den Footballfans in den USA war ein kollektives Stöhnen zu vernehmen, als die New England Patriots vor 14 Tagen im Finale der American Conference Kansas City besiegten und zum neunten Mal in 19 Jahren in den Super Bowl einzogen. Die New York Post fasste die Stimmung im Land treffend zusammen, als sie schrieb, die Patriots seien außerhalb der Staaten Massachusetts, New Hampshire, Maine und Vermont der „Public Enemy Number One“.

Man hat die Dauersieger aus Boston satt, mitsamt ihrer Selbstgewissheit und der als arrogant wahrgenommenen Ausstrahlung ihres Superstars Tom Brady. Insofern sollte man meinen, dass die Mehrheit in den Staaten vor dem Super Bowl die Los Angeles Rams anfeuert. Sie sind ein junges, frisches Team mit einem sympathischen Coach und einem energischen Quarterback. Und sie haben das Zeug dazu, die alten, selbstgefälligen Patriots endlich vom Thorn zu stürzen.

Doch auch die Begeisterung für die Rams hält sich in weiten Teilen des Landes in Grenzen. „Es ist schwierig, sich in diesem Jahr wirklich für eine der beiden Mannschaften zu erwärmen“, sagt der Sportkolumnist des Wochenmagazins The Nation, Dave Zirin.

Insbesondere in St. Louis wird man wohl kaum jemanden finden, der sich am Sonntag für die Rams begeistert. Hier hat man bitter jene Skrupellosigkeit und Kälte zu spüren bekommen, die es für die meisten Amerikaner schwer macht, aus ganzem Herzen das Team aus Los Angeles anzufeuern. „Die meisten Leute in St. Louis wollen, dass die Rams am Sonntag verlieren, auch wenn man die Patriots fast genauso hasst“, sagte Rick Freeman, ein ehemaliger Rams-Fan, gegenüber der Los Angeles Times.

Rick war ein Saisonkartenbesitzer, bevor die Rams nach der Saison 2015 St. Louis verließen. Er war dabei, als die Rams 1999 gegen die Tennessee Titans den Super Bowl gewannen. Er litt mit, als die Rams 2001 knapp 20:17 gegen die New England Patriots den Super Bowl verloren. Doch um das Jahr 2010 herum begann Rick, sich von seiner Lieblingsmannschaft verraten zu fühlen.

Es war die Zeit, in welcher der Bauunternehmer Stanley Kroenke die volle Eignerschaft der Mannschaft übernahm. Der Milliardär, dem neben den Rams die Basketballmannschaft der Denver Nuggets und die Eishockeymannschaft der Colorado Avalanche gehören, gelobte damals, alles zu tun, um die Rams in St. Louis zu halten. Doch viele trauten ihm nicht.

Im Nachhinein stellte sich das Misstrauen als gerechtfertigt heraus. Kroenke, der inzwischen auch eine Mehrheit an Arsenal London erworben hat und sich als größter Sporteigner unserer Zeit zu profilieren sucht, hatte von Anfang an andere Pläne. Er wollte weg aus der Provinz und zurück in den größten Medienmarkt des Landes, Los Angeles, das seit dem Umzug der Rams 1995 kein Footballteam mehr hatte. Trotzdem ließ er St. Louis zappeln. Er rang der Stadt Zuschüsse zur Stadionsanierung über 124 Millionen ab, nur um die Ausbesserungen dann als ungenügend abzuqualifizieren und als Ausrede dafür zu benutzen, aus dem bestehenden Vertrag auszusteigen.

In der Zwischenzeit hatte Kroenke in Los Angeles ein Grundstück gekauft und orchestrierte hinter verschlossenen Türen jenen Deal unter den Besitzern der NFL-Teams, der letztlich sowohl die San Diego Chargers als auch die Rams nach Los Angeles brachte, wo sie ab 2021 gemeinsam im wohl extravagantesten Stadion spielen werden, das die Welt bislang gesehen hat. Mehr als zwei Milliarden soll es kosten und Kroenkes Ego ein Denkmal setzen.

Die Seelenlosigkeit des Teams und des Besitzers waren anfangs ein Handicap für die Rams in Los Angeles. Die Fans, die so lange ohne Football ausgekommen waren, zeigten sich zunächst zurückhaltend. Doch der Erfolg in dieser Saison spielt Kroenke in die Hände. Der 8:0-Lauf zu Saisonbeginn, das Superspiel gegen Kansas City, in dem so viele Touchdowns erzielt wurden wie noch nie in der NFL-Geschichte, und schließlich die Conference Championship gegen New Orleans lockten die Angelinos ins Stadion. Mittlerweile kommen regelmäßig rund 75.000 Fans in das Los Angeles Coliseum.

So wird man zumindest in Los Angeles am Sonntag bei Viewing Partys die Rams bejubeln – so wie man in Boston ganz gewiss auch die Patriots anfeuert. Der Rest des Landes wird sich den Super Bowl hingegen eher teilnahmslos betrachten und hoffen, dass im kommenden Jahr sympathischere Mannschaften auflaufen.