Das gab es noch nie. Zehn der 18 Zweitligatrainer haben den 1. FC Union zum Aufstiegsfavoriten erklärt, und so beginnt die Saison für die Berliner am Sonnabend um 13 Uhr beim FC Ingolstadt gleich mit dem Duell der vermeintlich stärksten Teams. Der Bundesligaabsteiger aus Bayern wurde in der Umfrage als einziger Konkurrent noch häufiger (15-mal) genannt als Union. Exemplarisch sei der Coach des 1. FC Nürnberg zitiert. „Union Berlin und dann kommt Ingolstadt ins Ziel“, sagte Michael Köllner.

Nun kann es sich auszahlen, dass in Köpenick seit einem Jahr einer das sportliche Sagen hat, der sich gut auskennt mit Vorschusslorbeeren und dem bitteren Geschmack, den sie entfalten können. Denn das von den Gegnern verteilte Lob ist vergiftet, Union ist in dieser Saison in der Favoritenrolle gefangen. Die Rivalen werden auf dem Platz vor allem nach der Zerstörung des Spiels der Eisernen sinnen, und natürlich wirkt sich das veränderte Anspruchsdenken auf das Mannschaftsinnere aus. Was passiert, wenn es einen Dämpfer gibt, vielleicht sogar gleich in der herbeigesehnten ersten Partie? Sie soll ja der Anfang einer langen, euphorischen Reise in die Erstklassigkeit werden. „Die Erwartungshaltung im Umfeld ist deutlich höher“, sagt Jens Keller.

Jakob Busk hütet das Tor

Der 46-Jährige blickt dennoch entspannt von seinem Stehpult auf die sitzenden Pressevertreter. Die Schuhbänder hängen ungebunden auf den Boden. „Das macht mich aber nicht unfassbar nervös“, fügt er an. Nicht unfassbar nervös bedeutet in seinem Duktus: Nichts könnte mir egaler sein. Denn erstens hat er als Trainer von Schalke 04 schon sämtliche Hoch- und Tiefdrucks durchlebt, die sich als Vereinsklima zusammenbrauen können.

Und zweitens lässt er sich das Saisonziel Bundesligaaufstieg nicht von der Konkurrenz und dem Klub-Umfeld auferlegen. „Die Erwartungshaltung habe ich an mich selbst, und auch die Mannschaft hat sie“, sagt Keller. „Wenn man Vierter wird und wenig Stammspieler abgibt, ist es normal, dass man zum Favoritenkreis gehört. Ich weiß jetzt, dass die Mannschaft die Qualität hat, wenn sie frei und mit Herz spielt und nicht zu viel nachdenkt.“

Dass Keller selbst die Ruhe bewahrt, wenn es doch anders kommt, ist anzunehmen. Aber wie steht es um die Spieler? Haben sie wirklich ihre Lehren aus den schmerzvollen Frühjahrswochen gezogen, in denen der Aufstieg verspielt wurde. Die Gespräche während der Vorbereitung lassen darauf schließen. Die wahre Antwort wird jedoch erst auf dem Platz gegeben, und da ist der Coach guter Dinge: „Die Mannschaft war mit der Situation überfordert. Jetzt weiß sie, was auf sie zukommt“, sagt er. Und: „Wir haben Qualität dazugeholt und die Mannschaft charakterlich und fußballerisch gut aufgestellt. Mit Marc Torrejón haben wir einen, der den Aufstieg mitgemacht hat und den so schnell nichts aus der Ruhe bringt.“

Fest steht auch: Hinter dem aus Freiburg zu Union gewechselten Innenverteidiger Torrejón kehrt Jakob Busk, 23, ins Tor zurück. Nach seiner Oberschenkelverletzung im Februar hatte er seinen Stammplatz an den ein Jahr jüngeren Daniel Mesenhöler verloren, in der Vorbereitung aber den um Nuancen besseren Eindruck hinterlassen. „Das war das Gefühl, das wir alle im Trainerteam hatten“, erklärt Keller. „Im Pokal wird Mesi spielen. Das hat er verdient. Der Qualitätsunterschied ist nicht groß.“ Der Beweis, dass zwischen seinem Team und einem Bundesligaabsteiger ebenfalls keine Welten liegen, will Union jetzt gleich zum Auftakt liefern. Im einzigen Saisonspiel, in dem Union nicht der Favorit ist.