Berlin-Lichtenberg - Das Wellenwerk darf nach der aktuellen Hygieneverordnung des Senats seit Monaten keine Welle machen. Surfen in Berlin? Geht daher derzeit nicht. Dafür fahren Autos langsam hintereinander über den Hof der ausgebauten Lagerhalle an der Landsberger Allee. Sie halten. Fahren weiter. Halten wieder. Das Gelände dient derzeit als Corona-Schnelltest-Drive-in. „Hey, Afri“, ruft eine junge Frau, die Schutzanzug und Maske trägt. Statt sich um Neoprenanzüge, Bretter oder Surfkurse im Wellenwerk zu kümmern, hilft sie jetzt bei den Mund- und Nasenabstrichen. Afri winkt ihr zu, bevor er nach oben geht Richtung Café, das kühl und leer über dem Schwimmbecken das lässige Flair der coronafreien Tage vermisst. „Hey!“, antwortet Afri. Man kennt sich. Daumen hoch.

Afridun Amu ist, als sie noch rauschte und auf 1,60 Meter Höhe wuchs, oft auf der statischen Welle in Lichtenberg gesurft. Die langen, lockigen Haare hingen ihm da nass über die Schultern. Die Knie angewinkelt, den Oberkörper im schwarzen Neoprenanzug nach vorne gebeugt, zirkelte er mit großer Körperbeherrschung Kurven, Bögen, Drehungen und andere Tricks in die stehende Welle. Jetzt ruhen die weißen Surfbretter alle aufgereiht im Ständer. Die Wasseroberfläche im Becken kräuselt sich allenfalls sacht.

Afridun Amu surfte als Erster für Afghanistan bei einer WM

Oben, im ersten Stock des Wellenwerks, wo sich der Surfer an einen riesigen runden Holztisch gesetzt hat, riecht es nach einem Hauch von Chlor. Amu sagt, das falle ihm gar nicht auf. Er ist ja eigentlich Ozeansurfer. Einer, der das Draußensein liebt, die Energie der Natur, die dynamischen Wellen, die kilometerweit wandern. Er liebt es, ihre Bewegung zu beobachten, um dann im perfekten Moment mit dem Brett hinein zu paddeln.

Der Spaß am Surfen hat Amu zum ersten Mal in Frankreich durchflutet, als er nach dem Abi mit Freunden zum Atlantik fuhr. Die Leidenschaft des Wellenreitens hat ihn nach Australien gezogen, nach Indonesien, zuletzt hat er beinahe ein Jahr auf den Azoren gelebt, die nächsten Wochen verbringt er auf Madeira, er kennt die typischen Fleckchen an den Stränden, an denen sich Wellenreiter um die besten, höchsten, gewaltigsten Wellen streiten. Er hat das Surfen dann an einen untypischen Ort gebracht: nach Afghanistan. Amu war der Erste, der für Afghanistan bei einer Weltmeisterschaft auf dem Surfbrett stand. Vielleicht nimmt er in diesem Sommer an den Olympischen Spielen in Tokio teil. Wenn sie stattfinden. Wenn er sich im Juni bei einem Wettkampf in El Salvador dafür qualifiziert.

Wellenreiten gehört erstmals zum olympischen Programm. „Ich finde es ein interessantes Abenteuer, da mitzumachen. Ich freue mich darüber, dass ich mit meiner Passion auch beruflich klarkommen, damit einigermaßen überleben kann. Aber ob ich dann wirklich bei Olympia teilnehme oder nicht, davon wird meine Lebensfreude nicht abhängen“, sagt der 33-Jährige.

Er hat sein bisheriges Leben nicht, wie es andere Athleten aus olympischen Sportarten tun müssen, in Olympiaden unterteilt. Hat sich nicht, wie es Schwimmern, Leichtathleten, Ringern oder Fechtern auferlegt ist, ins Korsett des olympischen Leistungs- und Fördersystems gezwängt. Nur auf ein Ziel, nur auf Olympische Spiele hinzuarbeiten, entspräche nicht seinem Wesen, nicht seiner Überzeugung, nicht seiner Palette an Interessen. „Ich glaube, es gibt so viel Spannendes, so viel Schönheit im Leben, dass es für mich vertane Zeit wäre, nur noch diese eine Sache zu machen, mich nur auf eins zu konzentrieren. Wenn ich ein Ziel habe, dann ist es, keine Ziele zu haben“, sagt Amu.

Zum Studieren kam Afridun Amu nach Berlin

Er ist in Kabul geboren. Aus politischen Gründen flüchtete sein Vater, ein Diplomat, mit der Familie zuerst nach Moskau, dann nach Deutschland. Afri, wie ihn eigentlich alle nennen, wuchs in Göttingen auf. Zum Studium kam er nach Berlin, er wählte: Jura an der Humboldt-Uni, Kulturwissenschaft an der FU und spielte Schach beim SC Kreuzberg. „Ich habe mich lange als Berliner identifizieren können“, sagt Amu. „Was ich an Berlin auch geschätzt habe, ist das Partyleben.“ Das fällt seit einem Jahr coronabedingt aus. Seine wilde Zeit, meint Amu, sei sowieso vorbei.

An der Wand neben dem schweren, runden Cafétisch hängen Fotos, Bilder in Rahmen, die Momente festhalten. Immer wieder andere Motive, andere Winkel, neue Orte, neue Ideen. Wie Amus Leben. Von festen Rahmen hält er allerdings nicht so viel. Lieber öffnet er, was geschlossen wirkt, was andere Perspektiven bietet. So ist auch sein Job am Potsdamer Hasso-Plattner-Institut zu verstehen. Sein Lehrauftrag: Design Thinking. Dieser agile, nutzerzentrierte Denkansatz orientiert sich an der Arbeit von Designern. Es ist ein kreativer, ein iterativer Prozess aus Verstehen, Beobachtung, Standpunktdefinition, Ideenfindung, Prototypentwicklung und Testen. Was ist wirtschaftlich? Was ist machbar?

Surfen in Afghanistan? Warum nicht!

Ist es machbar, das Surfen nach Afghanistan zu bringen? In ein Binnenland? „Wenn man sich das genauer anguckt, ist das gar nicht mehr so abstrus“, meint Amu. „Surfen ist ein Sport, der nicht nur an den Ozeanen stattfindet. Deutschland hat ja auch keinen Zugang zum Ozean. Wie auch in Österreich und der Schweiz ist das Flusswellensurfen etwas, was boomt.“ Außerdem gibt es immer mehr künstliche Wellen wie im Berliner Wellenwerk, das im November 2019 eröffnet wurde. Und so könne man in Afghanistan zwar nicht klassisch hawaiianisch surfen, aber so wie in Deutschland, der Schweiz und Österreich.

Und dann, Amu unterstreicht, was er sagt, mit ausholenden Armbewegungen, mit Ausdruck in den Augen: „Dann ist Afghanistan ein Land, das seit fast 40 Jahren im Kriegszustand ist. Man kann fragen: Hey, ist das sinnvoll, das Surfen dahin zu bringen? Ich finde, das ist eine sehr kurzfristige Sicht. Denn was heißt das denn in der Konsequenz? Dass in Afghanistan nichts mehr stattfinden kann, was nicht mit dem Krieg zu tun hat?“

Nein, findet Amu, der eine Zeit als Entwicklungshelfer in seinem Geburtsland verbrachte. Die Taliban hatten zwischen 1996 und 2001 das Sporttreiben verboten. Nach dem Sturz folgte die Gegenbewegung. „Ein Großteil der Menschen in Afghanistan ist sportverrückt“, sagt Amu. „Das, was global Normalität bedeutet, funktioniert in Afghanistan oft nicht. Genau diese Normalität dann trotzdem für sich in Anspruch zu nehmen, gibt vielen Leuten Kraft, wenn nicht sogar Hoffnung darauf, dass irgendwann mal doch bessere Zeiten kommen. Wenn man das berücksichtigt, macht Surfen sehr viel Sinn in Afghanistan. Weil es möglich ist. Weil es auch für Afghaninnen möglich ist. Es ist ein Symbol dafür, dass irgendwann mehr möglich ist, dass Ruhe einkehrt und vielleicht das, was überall Normalität ist, auch in Afghanistan normal wird.“

Amu steht auf, um sich ein Glas zu holen, das er an der unbesetzten Theke des Cafés im Wellenwerk mit Leitungswasser aus dem Hahn füllt. Er hat viel geredet. Und er will noch viel mehr darüber erzählen, was ihn bewegt, was ihn antreibt. Davon, wie er vor zweieinhalb Jahren mit zwei Flusssurfern und einem Filmemacher ins Pandschschir-Tal im Nordosten Afghanistans reiste, um den Dokumentationsfilm „Unsurfed Afghanistan“ zu drehen. Drei junge Männer auf der Suche nach der Welle. „Wir sahen aus wie Außerirdische mit Wetsuit und Brettern. Es hatte an die 40 Grad, aber es war Eisschmelzwasser und hatte nur vier, fünf Grad. Die Leute dachten: Was geht denn jetzt ab? Wollen die sich umbringen?“

Schwimmen und surfen zur Traumata-Bekämpfung

An einer Brücke zogen sich die Surfer mit einem Seil auf den reißenden Fluss. Als sie das erste Mal auf dem Brett standen, schrien die Zuschauer. Sie jubelten. Immer mehr Menschen kamen. Aus einer Schule in der Nähe strömten die Kinder zum Fluss, um die „Maudsch Swoor“, die Wellenreiter, zu bestaunen. „Die Augen der Kinder zu sehen, war sehr, sehr cool“, sagt Amu.

Er wartet jetzt ab, ob die Olympiaqualifikation stattfindet. Und er wartet darauf, dass die Corona-Auflagen es zulassen, ein weiteres Projekt zu starten: Amu möchte Kindern schwimmen und surfen beibringen. Er engagiert sich in der Organisation „Wir machen Welle“ des Big-Wave-Surfers Sebastian Steudtner. Gemeinsam mit dem Berliner Verein Yaar will er ein Pilotprojekt mit afghanischen Geflüchteten im Alter zwischen 13 und 19 Jahren starten. Es geht dabei um Schwimmtraining, Atemtraining, Balance, Stretching, „das wird alles durch Psychologinnen betreut sein, denn es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse, dass man mit den Surf-Therapien unglaubliche Ergebnisse im Bereich von Traumata-Bekämpfung erzielen kann“, sagt Amu. „Gleichzeitig soll das auch ein Projekt der Inklusion sein, dass es für geflüchtete Menschen in Berlin möglich ist, Anknüpfungspunkte in die Gesellschaft zu finden.“

Ein Wahrnehmungsschub für das Surfen

Kürzlich hat Amu mit einem Freund einen Polit-Podcast aus der Sicht von Menschen mit Migrationshintergrund gestartet. Er heißt: „Politisch konfekt“. Das Engagement des Surfers ist vielfältig, facettenreich. Die Pandemie hat sein Vorhaben, in Bamiyan und in Pandschschir, wo er in Afghanistan surfen war, mit einer anderen NGO Schwimmbäder zu bauen, gestoppt. „Gleichzeitig hat sich die Sicherheitssituation in Afghanistan dramatisch verschlechtert. Wenn die Taliban in die Regierung kämen, wären die ganzen Projekte mit Mädchen obsolet. Es wird darauf hinauslaufen, dass Frauenrechte massiv eingeschränkt werden und sonstige Projekte, die etwas Weltoffenes haben, nicht mehr umzusetzen sind“, sagt Amu.

Er ist als Surfer in Afghanistan bekannt geworden. Er hat den afghanischen Surf-Verband gegründet. Er hat ein Stipendium vom Internationalen Olympischen Komitee und Sponsorenverträge. Jetzt ist Surfen erstmals olympisch und in vielen Ländern populärer, in denen es vorher kaum eine Rolle gespielt hat. In China zum Beispiel, wo Surfen für diejenigen, die künftig olympische Goldmedaillen gewinnen sollen, mehr Drill als Spaß bedeutet. Auch in Deutschland entstehen immer mehr künstliche Wellen wie jene in Berlin. Mit der Olympia-Perspektive gab es einen Wahrnehmungsschub, der nicht jedem aus der alten Surfwelt gefällt, weil sich mehr Surfer an den besten Surfstränden die besten Wellen streitig machen. Amu schaut aus dem Fenster des Wellenwerks in Berlin-Lichtenberg, wo sich ein paar kahle Bäume nach dem Frühling sehnen. Er sagt: „Man muss immer auf die Welle warten.“