SV Berliner Brauereien: Fusion in der Wachstumsbranche

Die Vergangenheit hat einen Ehrenplatz, ein Wandfließ im Konferenzraum, sandfarben, weiß und rot. Eine Tribüne ist darauf zu sehen, ein Sprungturm, die alte Werner-Seelenbinder-Halle. Darüber weht das Banner des Berliner TSC. „Bildung und Gründung des Turn- und Sportclub Berlin am 18. 2. 1963“ – Christopher Krähnert und Sandra Liebender sitzen vor dem Schriftzug, als wäre es kein Zufall, denn der Geschäftsführer und die Jugendleiterin der Fußballabteilung erzählen gerade, dass sich ein Kreis schließt für ihren Verein. „Drei Jahre nach der Gründung“, sagt Krähnert, „wurden die Fußballer des TSC ausgegliedert und zum 1. FC Union.“ Und nun, fünfzig Jahre später, zum Saisonstart im August, laufen erstmals wieder Männerteams im Trikot des Turn- und Sportclubs auf. Die Fußballer des SV Berliner Brauereien sind zum Nachbarn an die Paul-Heyse-Straße gewechselt.

Dass ein Verein für Frauenfußball eine Männersparte aufmacht, hat es in Berlin schon gegeben, beim FFV Spandau etwa. Dass aber eine ganze Männerabteilung einen Klub verlässt und sich den Fußballerinnen eines anderen anschließt, ist neu. Ebenso, dass der Größere beim Kleinen unterkommt. Sandra Liebender sagt: „Wir haben derzeit rund 140 weibliche Fußballer, jetzt kommen 320 männliche dazu.“ Geschäftsführer Krähnert meint: „Gemeinsam können wir mehr.“

Eine außergewöhnliche Fusion ist das in Prenzlauer Berg und ein gutes Beispiel dafür, dass Synergien neue Perspektiven schaffen im anspruchsvollen Umfeld des Berliner Sports. Alle Beteiligten können ihren Nutzen daraus ziehen. Die ehemaligen Brauer gehören jetzt zu einem Verein mit einer hauptamtlichen Geschäftsführung. Sie sind fester Bestandteil eines Systems, das Trainingszeiten regelt und damit Abläufe vereinfacht. Sie kommen in den Genuss des Sponsorenpools des TSC, der seinerseits Geldgebern eine neue Facette in seinem Angebot bieten kann.

1. FC Lübars fällt tief

Sportlich wiederum, sagt Sandra Liebender, „ist es ein Puzzle, das ineinandergreift, gerade im Nachwuchsbereich“. An die 60 Übungsleiter kümmern sich seit dem Zusammenschluss um rund 30 Teams; durch die Fusion erhält der Trainerstab neue Impulse. „Außerdem ergänzen sich Mädchen und Jungen wunderbar“, sagt Liebender. Bis zur C-Jugend wird auch in gemischten Gruppen gespielt, das ist die übliche Berliner Praxis. „Die Jungen lernen, dass Mädchen genauso gut Fußballspielen, und die Mädchen können besser gefördert werden.“ Sie lernen, sich im robusten Spiel durchzusetzen. Der Zusammenschluss hilft im Idealfall also, gestärkt aus dem Wandel hervorzugehen, der sich gerade vollzieht. „Eine Phase des Umbruchs“ nennt es Liebender.

Frauenfußball ist immer noch ein schwieriges Geschäft in der Stadt. Der Fall des 1. FC Lübars hat das jüngst wieder gezeigt. Im Juni feierte der Zweitligist die Kooperation mit dem Berliner AK. Sie sollte mittelfristig zu einem Anschluss des Teams an den Regionalligisten führen, doch währte die Freude nicht lang. Die Vereine blieben uneins in der Frage, wie die Finanzen künftig zu regeln seien und wer die Altlasten des 1. FC trage. Da Lübars nicht die Lizenz für die Regionalliga beantragt hatte, rutscht jetzt die erste Mannschaft in die Berlin-Liga ab.

Das ist die eine Seite. Andererseits gibt es aber einen Aufschwung. Seit 1998 spielen Frauen beim TSC Fußball, in den vergangenen drei Jahren hat Geschäftsführer Krähnert nun einen Zuwachs von 40 Prozent festgestellt, überwiegend schlossen sich Mädchen dem Verein an: „Das ist gigantisch“, sagt Krähnert. Die Nachfrage wächst weiter. Andere Klubs stoßen mit ihren Kapazitäten an ihre Grenzen, wie Hansa 07. Die Kreuzberger haben bereits einen Aufnahmestopp verhängen müssen, weil ihr Platz jeden Tag ausgelastet ist.

Hertha 03 steigt auf

Thorsten Dickow kann den Zeitpunkt genau bestimmen, an dem diese Entwicklung einsetzte. Der Staffelleiter der Berliner Juniorinnen sagt: „Nach der WM 2011 haben wir einen sprunghaften Anstieg bei den E-Mädchen verzeichnet.“ Das Turnier fand in Deutschland statt, die Gastgeberinnen waren Titelverteidiger, schieden zwar im Viertelfinale gegen den späteren Weltmeister Japan aus, dennoch stellte sich ein nachhaltiger Effekt ein.

Dickow sitzt derzeit an den Spielplänen für die neue Saison, verschafft sich einen Überblick. Die aktuellen Zahlen hat er noch nicht, doch er sagt: „Jahr für Jahr kommen neue Mannschaften hinzu.“ Schul-AGs und Projekte wie „Alle kicken mit“ sollen den Trend verstärken.

Rund 140 Teams, von den jüngsten bis zu den B-Juniorinnen, nahmen zuletzt am geregelten Spielbetrieb teil. „50 Mannschaften traten auf dem Großfeld, 90 auf dem Kleinfeld an“, sagt Dickow. Von den Kollegen aus den anderen Regionen des Nordostdeutschen Fußball-Verbandes wird der Berliner beneidet.

Kerstin Reymann hat da allerdings ganz andere Dimensionen kennengelernt. Sie lebte mit ihrer Familie eine Zeit lang in New York. „In den USA ist es selbstverständlich, dass die fünfjährigen Mädchen Fußball spielen.“ Reymanns Töchter kamen so zu dem Sport, den sie jetzt bei Hertha 03 betreiben. Der Zehlendorfer Oberligist macht momentan im Frauenfußball den nächsten Schritt. Die B-Juniorinnen steigen in die Bundesliga auf, weil der sportlich qualifizierte FFV Leipzig in finanzielle Nöte geraten ist.

„Der Deutsche Fußball-Bund veranschlagt pro Saison ein Budget von 25 000 Euro“, sagt Reymann. Hertha 03 hat sich in der Liga umgehört. „Mit 15 000 Euro könnte es auch gehen“, meint Reymann. Der Vereinsvorstand unterstütze das Team, „wo es nur geht“, sagt sie. Die Frauen suchen jedoch weiter nach Geldgebern. Das Sponsorengeld für die Männer ist zweckgebunden.

Finanziell spielen die Berlinerinnen in einer anderen Liga, sportlich sowieso. Hertha 03 wird in der Staffel Nord/Nordost auf Wolfsburg treffen, im Frauenfußball eine Instanz und mit entsprechenden Ressourcen ausgestattet. Das gilt auch für Turbine Potsdam, mit einem eigenen Internat.

Zu den zehn Teams der Staffel gehört auch ein naher Verwandter des Berliner TSC: die B-Juniorinnen des 1. FC Union. Noch ein Beispiel dafür, dass Frauen und Männer im Fußball voneinander profitieren.