Auf dem Sprung zu Olympia: der Berliner Schwimmer Ramon Klenz.
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Berlin - Die vergangenen drei Wochen hat Ramon Klenz im anatolischen Schnee verbracht. Es war kalt im Höhentrainingslager in Erzurum, wo die besten Berliner Schwimmer auf 2 100 Metern schliefen und auf 1 950 Metern in einem olympischen Becken trainierten, sehr kalt sogar. „Minus 26 Grad hatte es in einer Nacht“ erzählt Ramon Klenz. Unweit der Schwimmhalle steht die Skisprungschanze von Erzurum, und der Berliner Stützpunkt-Cheftrainer Lasse Frank nutzte die Gelegenheit, auf seinen Alpinski die türkischen Pisten auszuprobieren, die meistens „tierisch leer“ waren.  

Klenz durfte wegen der Verletzungsgefahr nicht Skifahren. Er war ja zum Schwimmen in der Höhe. Die ersten Tage fand er schlimm, weil sich der Organismus schwertat mit der Anpassung, weil schon das Tauchen, das lockere Schwimmen überaus anstrengend erschien. Nach vier Tagen lief es besser, wobei in der Stunde, in der er 16 Mal 50 Meter mit Start jeweils nach 1:15 Minuten hinter sich bringen musste, sauer auf seinen Trainer wurde, „ich musste einfach auf jemanden wütend sein“, sagt Klenz lachend. Die Wut diente ihm als Motivation. Er hielt durch.

Zu Olympia wie die Mutter und die Großmutter

Der 21 Jahre alte Schmetterling- und Lagenschwimmer, der aus Leipzig stammt, seit einem Jahr in Berlin lebt und für die SG Neukölln startet, weiß, wofür er seinen Körper durchs Wasser treibt. Er will zu den Olympischen Spielen. Wie seine Mutter Sabine Herbst, wie seine Großmutter Eva Herbst, wie sein Großvater Jochen Herbst. Urgroßmutter Lotte war auch Schwimmerin, sein Onkel Stefan Herbst gewann WM-Medaillen im Schwimmen, sein Vater Karl-Heinz Klenz welche bei Deutschen Meisterschaften.

Dass die Sommerspiele in Tokio wegen des Coronavirus auf der Kippe stehen könnten, sei zwei-, dreimal Thema gewesen im Höhentrainingslager, sagt Klenz. Aber den negativen Gedanken haben die Athleten keinen Platz eingeräumt. „Niemand kann sich vorstellen, dass so ein Mega-Event abgesagt wird. Das wäre der Supergau für so ein Sportlerleben“, meint Trainer Frank.

Platz zwei beim Weltcup und der Kurzbahn-EM

In seinem Sportlerleben hat Ramon Klenz vor knapp zwei Jahren ein erstes, bemerkenswertes Glanzlicht gesetzt. Über 200 Meter Schmetterling knackte er in 1:55,76 Minuten den 32 Jahre alten deutschen Rekord von Michael Groß. Mit 19 hatte er sich plötzlich ins Rampenlicht katapultiert. Für die EM in Glasgow wurde Klenz nachnominiert, dort schaffte er es  ins Halbfinale.

Er wechselte Anfang 2019 nach Berlin, wo es weiterging mit Wechseln: Erst ging Stützpunkttrainer Stefan Hansen zurück nach Dänemark, dann kündigte Bundestrainer Henning Lambertz seinen Job. Alles war anders als gedacht, Klenz verpasste die WM. In Berlin übernahm Lasse Frank mitten im Jahr. Im November 2019 machte Sportsoldat Klenz dann wieder auf sich aufmerksam: Platz zwei beim Weltcup in Berlin nach dem ersten Höhentrainingslager seines Lebens, im Dezember folgte die Silbermedaille bei der Kurzbahn-EM über 200 Meter Schmetterling.

Idealgewicht von 91 Kilo

Der junge Mann mit dem voluminösen Brustkorb habe sich sehr gut entwickelt, sagt Frank. „Er ist ein Typ, der über die Motivation kommt. Er lebt von seinem Talent, seiner Körperlichkeit, seinem Willen.“ Schon an diesem Wochenende will Klenz bei den Berlin Swim Open die Olympianorm für Tokio  über 200 und 100 Meter Schmetterling angreifen. Die Kilos, die er sich über Weihnachten  in Leipzig bei Familie, Freundin und „fünfmal essen am Tag“ angefuttert hatte, sind weg. „Ich habe mein Idealgewicht von 91 Kilo“, sagt Klenz, der als Jugendlicher sein Rhythmusgefühl beim Turniertanzen geschult hat, seine Körperspannung beim Turnen.

„Ramon ist ein Bewegungstalent“, sagt Trainer Frank, eines, das viel Abwechslung im Training brauche, die Kraftraum-Einheiten genießt, sich mit seiner Schwester im Wasserspringen duelliert und Salti vom Zehnmeterturm schlägt. Beim Höhentraining in Erzurum hatte Frank versucht, seine Schwimmer mit Kartfahren für das harte Training zu belohnen. Er drehte Motivationsvideos, eines wurde eine Art Werbefilm für das dortige Hotel. An einem anderen Tag ging es mit der Gondel bis auf 2 900 Meter hinauf auf den Palandöken.

Dort oben im Schnee mit freiem Blick ringsum hat Ramon Klenz sein Ziel noch mal fest ins Auge gefasst: die Qualifikation für Tokio. An diesem Wochenende hat er die erste von drei Möglichkeiten, die Olympianorm zu schaffen.