Berlin - Am Mittwoch hat Pal Dardai seinen Spielern erklärt, wie man eine Fußballmannschaft auspresst. Das ist natürlich ungleich schwieriger als bei einer Orange, da so eine Fußballmannschaft aus elf Einzelteilen besteht, die zudem immer in Bewegung sind. Zumal am Sonnabend um 15.30 Uhr niemand Geringeres ausgepresst werden soll als der Tabellenzweite RB Leipzig. Viel herauszuholen war da für die Gegner in dieser Saison ja nicht. Zu schnell sind die Aufsteiger auf den letzten Metern zum Tor, zu aggressiv in den Zweikämpfen. Viel schneller als es die Fußballer von Hertha BSC sind. Das weiß auch Dardai. Eigentlich.

Doch am vergangenen Wochenende, so scheint es, haben findige Spielentwickler in Ingolstadt wider Erwarten doch noch kurz vor Jahresende ein ertragreiches Werkzeug entdeckt: die defensive Achtmannfußpresse (Marktwert mehrere Millionen Euro). Die braucht es, um den nötigen Druck aufzubauen. Dazu zwei Angreifer, die herausgequetschte Tropfen verwerten, und einen Torwart, falls es doch mal in die falsche Richtung spritzt.

John Anthony Brooks und Sebastian Langkamp fallen ohnehin aus,

Dieses Werkzeug also hat der Trainer von Hertha BSC am Mittwoch mal aus seinen verfügbaren Abwehr- und Mittelfeldspielern probeweise zusammengebastelt: drei Innenverteidiger plus zwei Außenverteidiger plus drei Störer vor der Abwehr. Macht acht Spieler à zwei Pressfüße, die dem Gegner den Raum verstellen und den Ball nach Eroberung hoch und weit zu den zwei Angreifern schlagen. Im Training waren das Vedad Ibisevic und Julian Schieber. „Wir fahren nicht für 60 Prozent Ballbesitz nach Leipzig, sondern um Punkte zu klauen“, begründete Dardai die Umstellung hinterher.

Wenn der Coach wirklich dieses Mittel wählt, das an das englische Kick and Rush erinnert, wäre das in doppelter Weise eine Überraschung. Zum einen, weil es die Abkehr von der üblichen Viererabwehrkette und von Dardais Automatismen-Mantra wäre. Und zum anderen, weil das Acht-Mann-Pressing einen Innenverteidiger mehr notwendig macht, obwohl doch gerade im Abwehrzentrum derzeit Personalmangel herrscht: John Anthony Brooks und Sebastian Langkamp fallen ohnehin aus, und Jugendspieler Florian Baak verletzte sich bei einem Trainingszweikampf mit Julian Schieber.

Die Sicherheit im Spielaufbau fehlt

So kommt für die linke Seite der Dreierkette nur der 19-jährige Jordan Torunarigha infrage. Was für ihn spricht? „Er ist Innenverteidiger und hat einen linken Fuß“, sagte Dardai. Mehr braucht es momentan nicht. Der nigerianische Vater des Berliner Nachwuchsspielers war ebenfalls Fußballer und beendete seine Karriere 1998 bei Sachsen Leipzig; sein Bruder, 26 Jahre alt, spielt derzeit als Mittelstürmer in der zweiten niederländischen Liga.

Bei Jordan Torunarigha sehen die Hertha-Verantwortlichen jedoch Potenzial für mehr, seit Oktober ist er eine Stammkraft in der U23. Dardai kennt ihn noch aus seinen Jugendtrainertagen und bescheinigt ihm „gute Spiele“ und „Siegeswillen“. Das bisschen Naivität, das ein junger Spieler immer mitbringt, ist einkalkuliert. „Erfahrung bekommt er nur, wenn er spielt“, sagte Dardai. Er ist sich sicher: „Er kommt mit Stresssituationen klar.“

So abwegig es im ersten Moment klingt, gerade die Personalknappheit in der Innenverteidigung könnte für die Vergrößerung der Abwehr sprechen. Ohne Brooks und Langkampf fehlt der Viererkette eine entscheidende Qualität: die Sicherheit im Spielaufbau. Diese Aufgabe würde bei drei Innenverteidigern auf mehr Füße verteilt, es bieten sich mehr Anspielstationen. Außerdem wäre gemäß der Mittwochseinheit weniger Ballkontrolle gefragt, stattdessen schnelle weite Pässe zur Mittellinie.

„Wir wollen es schwer haben“

Oder war der Übungsaufbau doch eine reine Schulungsmaßnahme und die große RB-Presse ein Täuschungsmanöver? „Wir haben einen A- und einen B-Plan“, sagte Dardai. „Wir müssen das Spiel lesen und schauen, wie die Tagesform ist.“ Und: „Wir sind nicht so schnell, aber spielfähig.“ Soll heißen: ball- und passsicher. Man sollte sich nämlich nicht täuschen lassen vom Überraschungserfolg der Ingolstädter. Zwar haben die den Leipzigern mit Dreierkette die erste Saisonniederlage zugefügt, doch Schalke 04 und der SC Freiburg waren zuvor mit demselben Mittel leer ausgegangen.

Mehr Punkte, nämlich insgesamt sechs, haben die Leipziger durch drei Unentschieden gegen Teams mit Viererkette verloren. Und Angst vor der Raumverengung haben die Leipziger schon mal gar nicht. „Wir wollen es schwer haben“, sagte RB-Coach Ralph Hasenhüttl vor dem Aufeinandertreffen mit den Berlinern.