Berlin - Der Rost ist aufgemalt, der Backstein nur Fassade. Ist der 1. FC Union deswegen weniger echt? Die Fußballer ziehen sich nicht mehr in zugigen Metallcontainern um, sondern in einem geräumigen Kabinentrakt. Und sie baden nach getaner sportlicher Betätigung in Entspannungsbecken. Die Container dienen seit dem Bau der schmucken Haupttribüne dem Verkauf von Merchandise, also dem Kommerz. Sind die Eisernen deswegen weniger Arbeiterklub? Und zu allem Überfluss steht der ewige Leidensverein auf Rang eins der Zweiten Liga, nur noch neun Spieltage entfernt von der Bundesliga. Und die Fans singen neuerdings „So ’ne Scheiße, wir steigen auf“. Zur Melodie der Frank-Zander-Hymne von Stadtrivale Hertha BSC. Was ist da los im Osten von Berlin?

Ein Wunschkind

Union ist in. Aus etwa 1000 Mitgliedern Ende 1998 sind aktuell 14.463 geworden. Das Stadion ist in der laufenden Saison zu 94 Prozent ausgelastet und nicht mal vier Jahre nach seiner Erweiterung auf 22.012 Plätze zu klein für künftige Anforderungen. Neben 346 Sponsoren haben Politiker aller Couleur die imagefördernde Wirkung erkannt. Den Anfang machte Gregor Gysi (Vereinsmitglied) von den Linken mit einem Wahlkampf-Interview 2013. Dilek Kolat (SPD) gastierte regelmäßig hier, ihr damaliger Senatskollege Mario Czaja (CDU) las vor einem Jahr im Presseraum des Vereins Flüchtlingskindern Geschichten vor. Und sein Parteifreund Thomas Heilmann, zu der Zeit ebenfalls Senator, überreichte der Stiftung „Union vereint − Schulter an Schulter“ die Gründungsurkunde.

Wenn zu viele Interessen zusammenkommen, kann das gefährlich werden für einen Sportverein, zumal für einen so besonderen wie Union. Dieser Klub, ins Leben gerufen 1966 und zurückzuführen auf den 60 Jahre zuvor gegründeten SC Union Schöneweide, war von Beginn an ein Wunschkind der Bevölkerung und nicht der Politik. Das Führungspersonal der DDR bevorzugte den BFC Dynamo.

Das Stadion als "Wohnzimmer"

Echtheit, Ehrlichkeit, eiserner Zusammenhalt − das ist das Pfand, das jeder bekommt, wenn er das Stadion An der Alten Försterei betritt, und das eingelöst werden kann, wo immer man in dieser unübersichtlichen Welt auf andere Unioner trifft. Fern von Köpenick reichen die Farben Rot und Weiß zusammen mit dem schwarzen Bären auf gelbem Grund, um sich zu erkennen und zu verstehen. Zu Hause in dem zu großen Teilen von den Fans selbst gebauten Stadion betont die Optik der Haupttribüne die Nähe zur Oberschöneweider Industriearchitektur: aus Tradition und Erinnerung werden hier Gemeinschaft und Zuversicht. Das Stadion ist nicht nur eine Austragungsstätte für Fußballspiele, es ist Quell des Zusammenhalts. Als „Wohnzimmer“ verehren es die Unioner.

Rostig ist dieser Sehnsuchtsort längst nicht mehr. Die Schilder, die auf dem Vorplatz des Stadions auf den „Förstereiweg“ oder die „Eiserne Promenade“ weisen, sehen nur auf den ersten Blick so aus, als würde die Farbe an den Ecken abblättern. Der vermeintliche Schaden ist nicht der Verwitterung geschuldet. Er ist Absicht, das Ergebnis von perfektem Design. Hinter den gelben Klinkersteinen der Haupttribüne ist Beton, von innen ist am Treppenaufgang eine Art Tapete geklebt – Ziegelsteine mit Graffiti. Auch die Eisenpfeiler im VIP-Bereich täuschen. Sie sind aus Holz und mit künstlicher Patina versehen. Sieht der Verein nur so aus als ob? Oder ist er tatsächlich ein Wesen aus dem Schweiß und Blut seiner Anhänger geblieben, eine Rarität im Profisport − dem Erfolg zum Trotz?

Das Ende des Scheins?

Sie wären bei Union ja nicht die Ersten, die daran zerbrechen, die sich von außen locken lassen von Investoren und langsam innerlich zerbröseln. Haben Aufsichtsrat und Präsident deshalb am Donnerstag eingeladen? Um das Ende des Scheins zu verkünden?

Die Spannung ist groß an diesem Morgen, die Stühle an der langen Tafel im zweiten Stock reichen nicht für alle Pressevertreter. Die Fernsehkameras laufen. Präsident Dirk Zingler sitzt am Rand, schaut aus dem Fenster und beißt sich auf die Zunge. Dann endet die Geheimniskrämerei nach zwei Minuten unspektakulär. Die Nachricht des Tages verkündet Aufsichtsratschef Thomas Koch: Es bleibt alles beim Alten. Zinglers Amtszeit endet am 30. Juni 2017 und beginnt am 1. Juli neu. Vier weitere Jahre – mit dem Unterschied, dass sich zu den drei ehrenamtlichen Präsidiumsmitgliedern Zingler, Dirk Thieme und Jörg Hinze zwei hauptamtliche Kräfte gesellen: Oskar Kosche (Geschäftsführer Lizenzierung) und Lutz Munack (Geschäftsführer Sport).