Berlin - Vielleicht war es der Wind, vielleicht kam er meist von hinten. Christian Prudhomme hat ja mal eine westliche Strömung angeführt, der Direktor der Tour de France erklärte damit das hohe Tempo bei einer Frankreich-Rundfahrt und trat jeglichem Verdacht auf Doping entgegen. An diesem Sonntag jedenfalls ist die jüngste Auflage ins Ziel gerollt. In Paris kletterte Tadej Pogacar als Gesamtsieger vom Rennrad. Der Slowene hat die zweitschnellste bei einer Tour gefahrene Durchschnittsgeschwindigkeit hingelegt, rund 41,2 Stundenkilometer, schneller war nur Lance Armstrong 2005, als die Statistik exakt 41,654 km/h für den Texaner auswies. Das Tempo sonst lag im Schnitt unter der Marke von 41.

Armstrong trieben verbotene Substanzen und Praktiken an, für Pogacar gilt die Unschuldsvermutung. Bemerkenswert ist die Vorstellung des 22 Jahre alten Fahrers aus Komenda dennoch. Für jedermann sichtbar wurde zum Beispiel seine Fähigkeit, selbst auf steilsten Rampen während kurzer Phasen sein Tempo extrem zu steigern, und das mehrfach. Beim Anstieg hinauf nach Luz Ardiden zum Finale der 18. Etappe kam Pogacar während 35 Minuten und 47 Sekunden auf 422 Watt im Mittel. Kurzzeitig brachte er dabei sogar um die 1000 Watt auf.

Pogacar selbst gibt seine Daten nicht heraus, die Konkurrenz könnte davon profitieren, sagt er. Ausgerechnet hat die Wattzahlen Antoine Vayer, ehemals Trainer jener Equipe Festina, die Auslöser des Dopingskandals bei der Tour 1998 war. Auf der Suche nach verdächtigen Leistungen glaubt Vayer in Pogacar einen bemerkenswerten Fall gefunden zu haben, die Darbietungen des Slowenen verbucht er unter „miraculeuse“ – wundersam.

Vielleicht war es aber nur der Wind. Oder die zunehmende Reife. Gegenüber seinem ersten Gesamtsieg bei der Tour im vergangenen Jahr hat Pogacar seine überragende Position deutlich gesteigert. Damals sicherte er sich den Erfolg erst im letzten Zeitfahren, diesmal kontrollierte er das Geschehen von Anfang an. Drei Etappensiege hat der Profi mit Wohnsitz Monaco errungen. Er hat Jonas Vingegaard auf Platz zwei des Klassements mehr als fünf Minuten abgenommen. Im Schlussanstieg nach Luz Ardiden hatte er den Dänen ebenso stehen gelassen wie Richard Carapaz aus Ecuador. „Es ist unglaublich, wie es für mich läuft“, hat er an jenem Donnerstag voriger Woche gesagt. Und nachdem sein Gesamtsieg nun feststand: „Das war das Maximum. Ein größerer Vorsprung wäre nicht möglich gewesen.“

Le Cannibale Merckx sieht in Pogacar einen Kannibalen

Das konnten in der Geschichte der Tour tatsächlich andere bisher besser. Der Belgier Eddy Merckx etwa hatte 1969 stolze 17:54 Minuten Vorsprung auf den Franzosen Roger Pingeon. Den Kampfnamen „Le cannibale“ hatte sich Merckx da schon verdient. An diesem Wochenende kürte er den diesjährigen Titelverteidiger zu seinem Nachfolger, der inzwischen 76 Jahre alte fünfmalige Toursieger sagte der Gazzetta dello Sport: „Ich sehe in ihm den neuen Kannibalen. Er ist extrem stark. Ich denke, er wird in den kommenden Jahren die Tour mehrmals gewinnen. Wenn ihm nichts passiert, kann er die Tour ganz sicher mehr als fünfmal gewinnen.“

Siebenmal hat Lance Armstrong das weltweit bekannteste Radrennen für sich entschieden und ebenso rekordverdächtig die sieben Erfolge wegen seiner Dopingvergehen wieder eingebüßt. Tadej Pogacar hält nichts von Vergleichen mit Merckx oder Armstrong, bewegt sich dennoch im Dunstkreis von Personen aus einer überwunden geglaubten Ära. Sein Chef beim Team UAE ist Mauro Gianetti, als Sportchef firmiert Matxin Fernandez. Beide standen dem Rennstall Saunier-Duval vor, der eine tragende Rolle im Dopingskanal der Tour 2008 spielte. Hauptdarsteller war Riccardo Ricco, der wiederum zu jenen zehn Fahrern zählt, die Matxin Fernandez betreute und die als Doper aktenkundig wurden.

Ebenfalls bei UAE angestellt ist Inigo San Millan. Der ehemalige Radsportler forscht zu Therapien gegen Diabetes und Krebs und befasst sich deshalb mit Mitochondrien. Diese Bestandteile der Zellen produzieren Energie. Miraculeuse Wattzahlen erklärt ihre effizientere Aussteuerung nicht, sagen Experten, wenn dies mit erlaubten Methoden geschieht.

Vielleicht ist es zum Teil auch der Wind, der im übertragenen, im medialen Sinne über einen solchen Erfolg wie den des Tadej Pogacar hinwegfegt. Die Schweizer Zeitung Le Temps trieb Mitte vergangener Woche im Peloton Zeugen auf, die aus dem Rahmen von Pogacars Fahrrad verdächtige Geräusche vernommen haben wollen. Ein Motor? Technikdoping? Witzbolde vermuten, es habe sich lediglich um die Art Wind gehandelt, die der  Verdauungstrakt produziert.

Ist Tadej Pogacar nun also ein ehrenwerter Champion? Die Antwort darauf dürfte die Zukunft liefern. Bei den meisten Tour-Siegern hat sie es jedenfalls getan. Und nicht selten war mit einem Mal die ganze Herrlichkeit wie vom Winde verweht.