Der Rennwagen des Teams Racing Point ist zwar rosa lackiert, erinnert aber sonst stark an den Mercedes aus dem letzten Jahr.
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SilverstoneMercedes die positiven Schlagzeilen streitig zu machen und Ferrari die negativen Headlines, das schafft vor dem Jubiläums-Grand-Prix der Formel 1 am Wochenende in Silverstone nur ein anderer Formel-1-Rennstall: Das Überraschungsteam heißt Racing Point, jenes Team, für das Nico Hülkenberg wieder als Ersatzchauffeur einspringen könnte. Der pinkfarbene Rennwagen ist eine Kopie des Weltmeister-Silberpfeils aus dem Vorjahr. Ein cleverer Trick oder ein Regelverstoß? Die Konkurrenz schäumt, der Automobilweltverband ermittelt. Es geht um das Ur-Prinzip der Königsklasse: Schlägt billiges Kopieren die Ingenieurskunst? Ein Rennen um Original und Fälschung.

Motoren leasen, kein Problem für jemanden, der 15 bis 20 Millionen Dollar Leihgebühr im Jahr aufbringen kann. Kleinteile kaufen, auch nicht weiter schwierig. Aber wer sich im Teilelager bei Mercedes oder Ferrari bedienen darf, hat damit nur Einzellösungen, nicht zwingend einen chancenreichen Rennwagen. Den aber hat der Mittelfeld-Rennstall Racing Point plötzlich und mischt damit das Establishment auf. Schon von außen ist auf den ersten Blick klar: Das Auto aus Silverstone ist dem Mercedes von 2019 nachempfunden (um es freundlich auszudrücken). Weshalb sich nach den ersten Rennen der Corona-Saison jedes Mal ein Procedere wiederholt: Renault legt Protest ein gegen die Briten. Die Bremsbelüftungen gehören nach Ansicht der Franzosen zu jenen Teilen, die jeder Rennstall selbst bauen muss. Das Konzernteam will so verhindern, dass man selbst teuer alles entwickeln muss und sich andere vergleichsweise günstig den Erfolg kaufen können.

Chancengleichheit oder Wettbewerbsverzerrung?

Die Formel 1 basiert auf dem Gedanken einer Konstrukteurs-Weltmeisterschaft. Aber alles selbst zu fabrizieren, das ist kostspielig. Deshalb sind seit Jahren nur zehn Teams am Start, zwei Plätze im Feld noch frei. Mit der Ankunft des US-Amerikaners Gene Haas, der seine Milliarden mit Automations-Maschinen gemacht hat, wurde die Regel vor vier Jahren aufgeweicht. Ferrari transferierte deutlich mehr Know-how als nur das für den Antriebsstrang, etwa 70 Prozent der Teile wurden in Maranello eingekauft. Geboren war das Kundenauto – praktisch ein B-Team. Mehr Chancengleichheit oder klare Wettbewerbsverzerrung? Eine Grundsatzfrage.

Racing Point ist viel weiter gegangen und hat das Erfolgsauto von Lewis Hamilton 2019 komplett durchfotografieren lassen, zigtausende von Detailaufnahmen dann in die Designcomputer eingespielt. Klingt wie Wirtschaftsspionage, machen aber alle Rennställe so. Nur war bisher niemand so mutig – oder dreist – wie die Briten. Bei dem Team mit Sitz in Silverstone beteuern sie, sich an die Grundregeln zu halten – nach der müssen das Chassis, die Aerodynamik, die Rennwagenverkleidung, Kühler und Bremsen in Eigenleistung entstehen. Den Kommissaren des Automobilweltverbandes, die in dieser Woche den Fall erstmals verhandelt haben, hatte Racing Point bereits im Frühjahr alles präsentiert, auch die offenbar nachgebauten Bremsbelüftungen. Der offene Umgang mit der Kopiervorlage macht die Angelegenheit noch komplizierter: Denn erst seit Januar 2020 ist es verboten, diese Teile nachzumachen, bis Ende Dezember 2019 war es erlaubt. Die Regeln überlappen sich unglücklicherweise, denn Rennwagen werden über den Winter konstruiert. Der Streit wird auch nach einem Urteil weitergehen.

Renault investiert seit Jahren dreistellige Millionenbeträge in sein Werksteam, doch der Automobilhersteller kommt nicht recht vom Fleck. Von kleinen Rennställen vorgeführt zu werden, torpediert den Stolz und das Selbstverständnis. Außerdem fürchten sie in Paris die politische und sportliche Macht, die Mercedes oder Ferrari plötzlich mit den Satelliten gewinnen könnten. Am Verhandlungstisch und auf der Rennstrecke könnte durch das enge Beziehungsgeflecht Loyalität eingefordert werden. In vielen Motorsportserien ist das immer wieder ein Problem.

Ob der Trend zur Kopie noch aufzuhalten ist, scheint angesichts des Aufstiegs von Racing Point fraglich. FIA-Präsident Jean Todt hat – in Sorge um ausreichende Starterfelder in wirtschaftlich schwierigen Zeiten – bereits sein grundsätzliches Wohlwollen erklärt, auch Formel-1-Geschäftsführer Ross Brawn: „Alle machen es.“ Racing Point eben ein bisschen mehr. Teamchef Otmar Szafnauer findet nichts dabei, wie er „auto, motor und sport“ gesteht: „Wenn wir schon diesen Weg gehen, machen wir, was das Reglement hergibt.“

Die vom kommenden Jahr an geltende Budget-Deckelung spielt dabei eine Rolle, Teile-Leasing wäre nicht nur günstiger, sondern böte auch den kleinen Rennställen eine bessere sportliche Chance – siehe Force India. Red Bull wittert plötzlich die Möglichkeit, auch sein Nachwuchs-Team Alpha Tauri mit identischen Rennwagen auszustatten und plötzlich vier eigene Autos am Start zu haben. Ferrari will ebenfalls Klarheit. Der vierfache Weltmeister Alain Prost, Berater von Renault, erachtet den unverhohlenen Ideenklau grundsätzlich als schlecht für den Sport an sich: „Welche Formel 1 wollen wir in Zukunft?“