Die Bundesliga hat einen neuen Superstar: Erling Braut Haaland, drei Tore in 20 Einsatzminuten.
dpa

AugsburgAuch nach seinem beeindruckenden wie traumhaften Bundesligadebüt mit drei Toren binnen 20 Minuten ließ sich fernab der großen Bühne beobachten, dass es sich bei Erling Braut Haaland um einen ziemlich außergewöhnlichen Stürmer handelt. Während eines Interviews mit dem norwegischen Fernsehen hielt der Winterzugang von Borussia Dortmund in einer Hand eine überdimensionierte Trinkflasche, wie sie in Fitnessstudios gemeinhin grimmige Gestalten verwenden, die Mühe haben, sich durch einen Türrahmen zu zwängen. Haaland nahm immer wieder kräftige Schlucke während des Interviews, und als der mutmaßliche Proteinshake geleert war, ließ er sich umgehend eine Wasserflasche nachreichen. Um den halben Liter mit drei Zügen in seinen 1,94 Meter großen Körper zu schütten, benötigte er keine Minute, was auch daran lag, dass er parallel dazu nur wenige Worte darauf verwendete, über seinen bemerkenswerten Auftritt in Augsburg zu sprechen.

„Absolut fantastisch“ fühle er sich nach seinen Toren (59., 70. und 79. Minute), sagte der 19 Jahre alte Norweger strahlend mit dem Spielball in der anderen Hand und berichtete, dass er sich bei seiner Einwechselung in der 56. Minute nichts weniger vorgenommen habe als „zu versuchen, das Spiel zu verändern und zu drehen“. Das war Haaland trotz Fitnessrückstand nach Kniebeschwerden auf beachtliche Weise gelungen, zumal der FCA zu diesem Zeitpunkt durch die Tore von Florian Niederlechner (34. und 55.) und Marco Richter (46.) sowie Julian Brandts zwischenzeitlichem 2:1 (49.) bereits 3:1 führte. Dann aber kam Haaland und verwandelte ein ohnehin schon besonderes, weil wildes Bundesligaspiel mit vielen Dortmunder Defiziten in der Defensive, im Aufbau und beim Verwerten von Großchancen in ein denkwürdiges Spektakel. Haaland gelang sogar gleich ein Rekord mit dem schnellsten Dreierpack bei einem Bundesligadebüt und übertraf auch den früheren BVB-Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang, der im August 2013 in seinem ersten Spiel ebenfalls drei Tore in Augsburg für die Borussia erzielt hatte, ebenso mit der Trikotnummer 17, allerdings in 55 Minuten.

Heiland, Erlöser, Naturgewalt

Mit seinem dritten Ballkontakt traf Haaland nach 183 Sekunden mit links zum 3:2, klemmte sich den Ball unter den linken Arm und animierte den Anhang auf der Tribüne mit seinem rechten Arm und raumgreifenden Gesten zur Unterstützung seiner gefühlt fast schon ganz persönlichen Aufholjagd. Und nachdem Jadon Sancho der Ausgleich gelungen war (61.), sorgte Haaland mit seinem zweiten und dritten Tor für den Dortmunder Sieg und Jubel über die Investition von 20 Millionen Euro, die als Ablösesumme an RB Salzburg überwiesen worden waren. Als Heiland, Erlöser, Naturgewalt und Gladiator wurde Haaland danach in den Medien bezeichnet. Dortmunds Trainer Lucien Favre sprach gar von einem „Wunder“ und Augsburgs Coach Martin Schmidt von einem „Haaland-Schock“, der seine Mannschaft „rausgerissen“ habe. Haaland selbst, berichtete Michael Zorc, habe zu ihm gesagt: „Das ist der Grund, warum ihr mich gekauft habt.“ Das stimme, sagte der Sportdirektor vergnügt und befand: „Das positiv Verrückte, das er ausstrahlt, tut uns sehr gut. Seine Körpersprache ist 1A.“

All die Elogen und Überhöhungen, mit denen Haaland bedacht wurde, waren auch deshalb durchaus gerechtfertigt, weil ihm gelungen war, was Trainer mit ihrem Coaching oft nicht erreichen. Haaland verlieh dem Spiel der gesamten Dortmunder Mannschaft eine neue Dimension, die ihr zunächst nicht nur in Augsburg, sondern auch in vielen Begegnungen zuvor gefehlt hatte. Mit Haaland kamen Tiefe und seine unnachahmlich schnörkellose Zuspitzung hinzu, wodurch sich „die ganze Statik verändert“ habe, wie Schmidt nach den vorher vielen Dortmunder Aktionen in den Halbräumen feststellte, „plötzlich hast du einen Spieler, der in die Tiefe läuft.“ Auch Favre verwies auf dieses neue Element im Spiel seiner Mannschaft: Haaland sei „eine Lösung für uns, denn uns fehlt die Tiefe, wir spielen quer, quer, quer.“ Haaland aber zeigte immer wieder energisch und mit ausgestreckten Armen an, dass er Steilpässe haben will, wie auch vor seinem dritten Tor. Als er den Ball erhalten hatte, lief er los, „brandschnell“, wie es Favre formulierte, und schob mit einer Kühle vorbei an Augsburgs Torwart Tomas Koubek zum 5:3 ein, als sei es 200. und nicht sein erstes Bundesligaspiel.

Nach den Eindrücken aus Augsburg könnte dieser Haaland mit der Empfehlung von acht Toren aus sechs Spielen in der Champions League für Salzburg tatsächlich dazu beitragen, dass aus der hochtalentierten, aber wankelmütigen Dortmunder Mannschaft noch ein ernsthafter Kandidat auf den Ligatitel wird. Allerdings, mahnte neben Favre vor allem Zorc, müsse auch die Defensive deutlich besser werden. „Das Abwehrverhalten ist alles andere als gut, das macht mir Sorgen“, sagte Zorc, „so können wir unsere Ziele nicht erreichen.“ Vorne aber scheinen die Probleme durch Haaland vorerst gelöst.