Tempelhofer Feld: Wie Sport Flüchtlingen das Tor zu einem neuen Leben öffnet

Berlin - Die Trophäe in der Mitte, die hat er gewonnen. Sie wird auf dem Foto ein wenig verdeckt von all den anderen Pokalen, aber sein Name auf dem Messingschild ist deutlich zu lesen: Mujtaba. Darüber auf dem Sockel ein silberner Fußballer beim Schuss. „Den habe ich bei einem Turnier bekommen, weil ich der beste Spieler war“, sagt Mujtaba. Er ist stolz darauf. Sie alle hier in Hangar 1 des früheren Flughafens Tempelhof sind stolz auf ihre Pokale. Deshalb hängt das Foto auch gleich am Eingang zu dem Bereich, in dem die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft Sport treiben können.

Mujtaba ist zwölf Jahre alt. Er kommt aus Afghanistan. Er ist über den Iran geflohen und lebt seit neun Monaten mit seinen Eltern und drei Brüdern in Hangar 7. Er liebt Fußball, gilt als sehr talentiert und hat große Pläne. Er möchte Profi werden. „Erst beim 1. FC Union, von da aus will ich zu Hertha BSC.“ Die Reihenfolge ist ihm wichtig. Derzeit trainiert er in der D-Jugend des Regionalligisten Viktoria 1889. Mujtaba ist vielleicht ein gutes Beispiel für die Kraft, die der Sport bei der Integration von Flüchtlingen entwickeln kann. Sport erleichtert den Sprung in ein neues Leben, in eine fremde Welt mit einer fremden Sprache. Weil er, wie Fußball, selbst eine Sprache ist, Kommunikation mit Ball und global gültigen Regeln. So gesehen könnte Hangar 1 auf dem Tempelhofer Feld eine Brücke sein.

Training bei Viktoria 1889

Etwas verloren sehen Mujtaba und seine afghanischen Freunde an diesem Nachmittag in der gigantischen Halle aus. Hamid, 12, ist Torwart und wird bald bei Türkiyemspor trainieren. Magid, 17, gehört zur A-Jugend von Viktoria 1889. Sie sitzen am Kleinfeld und sprechen. Über Fußball, was sonst. Bleiches Licht fällt durch die Fenster der Hangartore. Es ist kühl, die Belüftung summt, als befände sich ein Hornissennest unter dem Dach. Walid Oumairad hat sich zu ihnen gesetzt und erzählt gerade, wie er sich vor einem Monat bei den Leuten von Viktoria für Mujtaba eingesetzt hat. Oumairad kommt von der Senatsverwaltung für Arbeit und Integration, auf dem Tempelhofer Feld kümmert er sich ehrenamtlich um all jene, die Fußball spielen wollen. Oumairad ist ein Brückenbauer.

„Wir haben mit Hertha gesprochen“, erzählt er. Der Bundesligist lädt oft Flüchtlinge zu Heimspielen ein. „Aber bei Hertha haben sie uns geraten, erst einmal zur Viktoria, zu einem Regionalligisten zu gehen. Später würden sie dann schauen.“

Viele müssen weggeschickt werden

Eigentlich sind Oumairad und seine Fußballer ja selbst schon so etwas wie ein kleiner Verein. Unter dem Namen Tamaja treten die Mannschaften an. Tamaja heißt der Betreiber der Flüchtlingsunterkunft auf dem Tempelhofer Feld. Die Kicker von Tamaja, Jugendliche und Erwachsene, nehmen regelmäßig an Turnieren teil. Oumairad erklärt, dass diese Turniere für Mujtaba die einzige Möglichkeit sind, sein Können zu zeigen. „Er hat noch keinen Spielerpass, weil der Aufenthaltsstatus seiner Eltern noch unklar ist.“

Diese Hürde gilt nur für Klubs ab einer bestimmten Größe, sagt Marc-Philipp Quandt, der bei Viktoria für den Flüchtlingssport zuständig ist. „Wir unterliegen den Regularien der Fifa. Es muss nachgewiesen werden, dass die Spieler nicht aus fußballerischen Gründen das Land gewechselt haben. So soll ein Transfer-Geschacher verhindert werden.“ Integration braucht Geduld und manchmal Umwege.

Quandt erzählt, dass bei der Viktoria fast täglich Flüchtlinge anfragen, oft sind es Väter oder Betreuer wie Oumairad. „Wir haben 150 Kinder und Jugendliche, unsere Kapazitäten sind begrenzt. Viele müssen wir wegschicken.“

Für all jene Flüchtlinge, die nicht in einer Mannschaft unterkommen, bieten sie bei Viktoria montags eine Übungseinheit an. „Aber da ist die Fluktuation hoch“, sagt Quandt, der es ohnehin besser findet, wenn die Jugendlichen am regulären Training und Spielbetrieb teilnehmen. „Nur so funktioniert Integration.“ Für März plant der Regionalligist einen Tag der offenen Tür. Irgendwie müssen Vereine und Spieler ja zusammenkommen. Das klingt banal, ist in der Praxis aber nicht ganz einfach.

Deshalb kam Andreas Schneider auch auf die Idee mit Hangar 1. Er koordiniert bei Tamaja die ehrenamtliche Arbeit im Sport. Seit dem 27. Juli nun bieten sie ein Programm an. Am Anfang hängten sie die angebotenen Kurse aus, doch niemand kam. Umso größer war das Angebot. „Wir wurden von einer enthusiastischen Welle erdrückt“, sagt Schneider. „Es gab viele Leute, die etwas machen wollten, dieser Fülle an Informationen konnte man nicht gerecht werden.“

Sichtschutz für die Frauen

Sie haben daraus gelernt. Zum Beispiel, dass weniger mehr ist. Und dass Mund-zu-Mund-Propaganda am besten wirkt. Das Krafttraining erfreut sich bei Männern inzwischen großer Beliebtheit. Unter den Frauen spricht sich herum, dass es Angebote eigens für sie gibt. Und dass ein Sichtschutz vorhanden ist. „Das ist sehr wichtig.“ Auch das hat Schneider gelernt. Er selbst muss draußen bleiben, wenn die Frauen trainieren. Zu Spitzenzeiten treiben an einem Tag an die 50 Bewohner in Hangar 1 Sport. Beim Tischtennis hat sich inzwischen eine kleine Gruppe gebildet, die regelmäßig trainiert. „Zwei sind dabei, die können wir in ein paar Wochen mit zu Turnieren nehmen“, sagt Schneider.

Der TTC Neukölln regelt das dann. Der Verein aus der Nachbarschaft hat Hangar 1 als Plattform für sich entdeckt. So wie der Berliner Leichtathletik-Verband und Champions ohne Grenzen, wie RheinFlanke und der Verein KidBike. „Ich kann Vereine nur einladen, zu uns zu kommen“, sagt Schneider. Er hat es auf einem anderen Weg versucht, hat Bewohner zu den Vereinen gebracht, aber schnell gemerkt, dass das nicht funktioniert. „Man kann die Leute nicht vor die Unterkunft stellen und einem Verein sagen: ,So, nehmt die mal mit.‘ Die Bewohner sagen: ‚Wer sind die Leute? Was soll ich da? Tischtennis? Wozu?‘.“

Schneider macht einen Rundgang durch Hangar 1. Er öffnet die Tür zu einem Verschlag. Regale stehen darin, aus Bettgestellen gezimmert. Inlineskates liegen dort, Turnmatten, Tischtenniskellen. Bei einigen löst sich der Belag. Schneider zieht das Gummi von einem Schläger. „Da muss ich mal wieder mit Leim ran.“ Integration ist manchmal Improvisation. Nebenan in einem zweiten Verschlag lagern 20 Paar Turnschuhe, gebraucht. Einige Flüchtlinge kommen in Badelatschen zum Sport.

Wasser in den Fußballschuhen

Die Ausrüstung, das ist auch so ein Problem. Der Betreiber Tamaja bekommt vom Land Berlin Geld für die Unterbringung, Verpflegung und Betreuung. Sportangebote kann die GmbH damit nicht finanzieren. Sie ist auf Spenden angewiesen. Und auf Vereine. Die erhalten Geld, wenn sie sich für Integration engagieren. Die Leute von Viktoria zum Beispiel bekommen 16 Euro für jede Übungseinheit am Montag. Der Senat hat bis zum Jahresende insgesamt 45 000 für den Landessportbund Berlin in Aussicht gestellt, der das Geld weiter verteilt.

In Hangar 1 kam neulich ein Fotograf. Er hat Aufnahmen für einen Bildband des europäischen Fußballverbandes Uefa gemacht. Der Fotograf arbeitet zugleich für einen großen Sportartikelhersteller. Schneider sagt: „Vielleicht stellt der uns ein paar hundert Schuhe hierhin.“ Vielleicht.

Auch Mujtaba trägt gebrauchte Fußballschuhe. Das letzte Paar war derart durchgelaufen, dass er bei Regen nasse Füße bekam. „Jetzt habe ich bessere“, sagt er. Inzwischen ist es später Nachmittag. Durch die Fenster der Tore fällt kaum noch Licht. Morgen früh müssen Mujtaba und seine Freunde wieder zur Schule. Magit, der 18-Jährige, geht zurück zu Hangar 2, wo er mit seiner Familie eine 25 Quadratmeter große Wabe bewohnt. So heißen die Holzverschläge, in denen Doppelstockbetten stehen. Manche, sagt er, mache die Atmosphäre verrückt. Am Vortag haben sich zwei Afghanen beim Fußball geprügelt. Das Training wurde abgebrochen.

Magit wohnt seit acht Monaten in Hangar 2. „Das Leben hier ist sehr schwer: Ich schlafe schlecht, kann mich nicht konzentrieren.“ Magit ruft es fast in das Summen hinein. Und dann sagt er leise: „Aber ich liebe Fußball.“ Das ist sein Glück.