Markus Zschiesche dirigiert sein Team während des Testspiels gegen die VSG Altglienicke.
Matthias Koch

Berlin-WestendMarkus Zschiesche ist viel unterwegs gewesen in diesen Tagen. In Sachsen-Anhalt zum Beispiel. Sein Klub Tennis Borussia Berlin hat dort eine Partie gegen den Oberligisten Lok Stendal bestritten, weil in Berlin noch keine Testspiele erlaubt waren. Für den 38-Jährigen kein Wettbewerbsnachteil: „In der Regionalliga werden wir früh genug auch Auswärtsspiele bestreiten müssen“, sagt er am Telefon. Zschiesche sitzt wieder mal im Auto.

Seit Anfang Juli ist der frühere Spieler des 1. FC Union Trainer beim Viertliga-Aufsteiger. Er übernahm das Amt vom nach England gewechselten Dennis Kutrieb, mitten in den Nachwirkungen der Corona-Pandemie. „Das ist alles in allem schon eine besondere Herausforderung“, sagt Zschiesche. Er trainierte 2015 und 2017 bereits die A- und B-Jugend von TeBe. Als Cheftrainer war er an der Entwicklung eines Hygienekonzeptes ebenso beteiligt wie an der grundsätzlichen Weiterentwicklung des Vereins. „Ich unterstütze den Klub nicht nur auf dem Rasen, sondern auch daneben. Bei TeBe halten wir zusammen.“

Das ist auch notwendig, denn den Ruf als Unruheverein wurde der Klub bis zuletzt nicht los. „Teilweise wird noch heute die Geschichte mit der Göttinger Gruppe (die mit dem Klub damals bis in die Champions League wollte, ehe ihm die Lizenz entzogen wurde, d. Red.) hervorgeholt“, sagt  Zschiesche. Zuletzt war es der Großsponsor Jens Redlich, Chef einer Fitnessstudiokette, der TeBe zurück in den Profifußball führen wollte, mit seinen Plänen für den Klub aber beim treuen Anhang aneckte und sich bei einer Mitgliederversammlung im Januar 2019, auf der kurzfristig akquirierte Neu-Mitglieder dabei halfen, einen Aufsichtsrat nach Wunsch Redlichs durchzudrücken, selbst ins Abseits schoss. Ein halbes Jahr später wurde Redlich entmachtet, es folgte ein Gerichtsverfahren, das der Mäzen verlor.

„Jetzt sehen wir zu, dass der Verein zur Ruhe kommt“, sagt Zschiesche. Doch so einfach ist das nicht. Denn nach Redlichs Ausscheiden lief der Sponsoringvertrag mit dessen Unternehmen zum Saisonende aus, dazu kam die Corona-Krise. Nun steht den Lila-Weißen ein geringerer Etat zur Verfügung als noch in der Oberliga. Angepeilt sind 500.000 bis 600.000 Euro, der insolvente Drittliga-Absteiger Chemnitz rechnet – zum Vergleich – mit dem Vierfachen. „Das sind derzeit sicherlich spezielle Umstände, wir sind im Vergleich zum Rest der Liga nicht gerade auf Gold gebettet“, vergleicht Zschiesche die derzeitige Situation mit der im Aufstiegsjahr. Schlüsselspieler haben den Verein deshalb zwar nicht verlassen, aber namhafte und vor allem erfahrene Verstärkungen konnte TeBe nicht nach Westend lotsen.

Auch hier half Zschiesche so gut es ging mit. Mit Torwart Jens Fikisi arbeitete er bereits beim Bonner SC zusammen, Stürmer Nathaniel Amamoo trainierte er in der Jugend von TeBe, ehe es den Deutsch-Ghanaer unter anderem nach Freiburg und Karlsruhe zog. Dennoch: „Es war schon schwer, den Kader zusammenzustellen, auch wenn die Strukturen bei TeBe eigentlich super sind.“ Acht der neun Neuzugänge kommen von einem anderen Berliner Klub oder haben ihre Wurzeln in der Hauptstadt, was für die Identität des Traditionsklubs ein echtes Pfund ist, aber auch zeigt, wie eingeschränkt die Kaderplanung eben zwangsläufig war.

Die Rahmenbedingungen für die Rückkehr in die Viertklassigkeit sind anspruchsvoll. Gerade in der aufgepumpten Regionalliga mit großen Namen wie Carl Zeiss Jena, dem Chemnitzer FC, dem BFC Dynamo oder Energie Cottbus. „Moment mal“, wehrt sich Markus Zschiesche, „wenn es nach den Namen geht, sind wir auch kein kleiner Verein.“ Er will mutig auflaufen, sein Team nicht kleinreden lassen. „Ich will, dass meine Spieler frech in die Spiele gehen und der Liga zeigen, wie echte Berliner Fußball spielen. Wir werden mit jungen Spielern antreten, die die Möglichkeit haben, sich auf diesem Niveau zu zeigen, zu etablieren und für uns und den Verein Ausrufezeichen zu setzen. Und wenn am Ende, vielleicht sogar frühzeitig, der Klassenerhalt steht, wäre das sehr schön.“

Wie bei den zwangsläufig anberaumten Testspielen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt sieht Zschiesche die Umstände der ungewöhnlichen Saisonvorbereitung mehr als Chance denn als Wettbewerbsnachteil. Und zumindest die Testspiele geben ihm damit recht. Lok Stendal schlagen die Lila-Weißen an diesem Abend mit 4:1. Womöglich ein gutes Omen.