Tennis: Kerber spielt um die Krone

Istanbul - Die letzte Turnierwoche begann mit einer neuen Ziffer hinter ihrem Namen, seit Montag ist Angelique Kerber die Nummer fünf der Tenniswelt. Sie überholte die Tschechin Petra Kvitova, vor ihr stehen jetzt nur noch vier: Viktoria Asarenka, Maria Scharapowa, Serena Williams und Agnieszka Radwanska. Aber noch bevor in Istanbul bei den WTA Championships der erste Ball gespielt wurde, wurden die Zahlen des Jahres bei der Auslosung glamourös dekoriert.

Im langen schwarzen Kleid, links schulterfrei, und bühnenreif geschminkt, kam sich Angelique Kerber im Kreise der ebenfalls feingemachten Konkurrenz vor, als sei sie bei der Oscarverleihung gelandet. Sie sei aufgeregt gewesen, erzählte sie am Morgen danach: „Das war wirklich eine unglaubliche Sache.“

Die Zeremonie in einem direkt am Bosporus gelegenen Nobelhotel, bestätigte auf schillernde Weise ihr Gefühl, oben angekommen zu sein.

Es gibt ja immer noch Tage, an denen sie nach dem Aufwachen kaum glauben kann, dass sie tatsächlich zu den Besten des Tennis, den Top Ten gehört. Aber an diesem Abend im ehemaligen osmanischen Sultanspalast blickte sie in die prächtig dekorierte Wirklichkeit.

Asarenka, Williams und Na warten

Doch Oscar und Osmanen sind schon wieder Vergangenheit. Nach der Auslosung fuhr sie eine Stunde zurück in die Vorstadt zum Spielerhotel und hängte das lange Schwarze in den Schrank. Dieses letzte Turnier des Jahres sei in jeder Hinsicht ein Bonus, hatte Kerber vorher gesagt, sie sei stolz auf die Qualifikation und wolle versuchen, jeden einzelnen Auftritt im Sinan Erdem Dome zu genießen. Doch das dürfte angesichts der Besetzung der roten Gruppe, in der sie bei der Auslosung landete, noch schwerer als erwartet werden. Sie wird heute (16 Uhr) auf Williams treffen, dann auf Asarenka und Li Na – die gefühlte Nummer eins, die aktuelle Nummer eins und die unberechenbare Chinesin.

Obwohl es bei einem Turnier der Besten nie die Gelegenheit gibt, in den ersten Runden gegen nicht ganz so starke Gegnerinnen den Rhythmus zu finden, sieht die Besetzung dieser Roten Gruppe auf den ersten Blick bedrohlicher aus als die der Weißen Gruppe mit Scharapowa, Radwanska, Kvitova und Italiens Sara Errani.

So oder so, Kerber sagt, sie werde die Herausforderung annehmen, und sie glaubt, auch wieder die Form dazu zu haben. Jene Fußverletzung, die sie beim Turnier in Peking kürzlich zur Aufgabe im Viertelfinale gegen Scharapowa gezwungen und derentwegen sie auf den geplanten Start in Luxemburg verzichtet hatte, ist ausgeheilt. Zu Beginn hatte sie sich Sorgen gemacht, das könne ein Ermüdungsbruch sein, doch die Ärzte sagten, es handele sich nur um eine Überlastung des Fußes. Ein paar Tage Pause taten gut, um noch mal zur Ruhe zu kommen und sich zu sammeln. Um auf Nummer sicher zu gehen, hat sie einen Physiotherapeuten nach Istanbul mitgenommen.

Graf und Huber waren die Letzten

In gewisser Weise steht ein historischer Auftritt bevor. Im vergangenen Jahr hatte Andrea Petkovic, damals Nummer zehn der Welt, die Qualifikation für Istanbul nur knapp verpasst, nun ist Angelique Kerber also die erste deutsche Spielerin bei den WTA Championships seit Anke Hubers letztem Auftritt im Jahre 2001 in der Münchner Olympiahalle. Der letzte Sieg einer deutschen Spielerin liegt noch ein Weilchen länger zurück, er stammt aus dem Jahr 1996, und damit aus jener Zeit, in der das Turnier im New Yorker Madison Square Garden gespielt wurde, und wie selbstverständlich landet man bei der Suche beim Namen Steffi Graf. Damals spielten die Frauen noch über drei Gewinnsätze. Am Ende einer langen Saison sind die besten Acht des Jahres bei aller Klasse froh über jedes Spiel, das nicht ganz so lang dauert.
Am Morgen nach dem großen Auftritt sah Angelique Kerber wieder so aus, wie man sie kennt. Der Glamour war abgeschminkt, aber der Glanz in den Augen war noch da. „Ich will zeigen“, sagte sie, „dass ich hierher gehöre.“ Der Satz stand ihr so gut wie das Kleid.