Berlin soll bald wieder ein großes internationales Tennis-Turnier bekommen. Auf Rasen soll es ausgetragen werden, eine Art Klein-Wimbledon für die Hauptstadt. Vieles spricht dafür, dass die Entscheidung in der kommenden Woche verkündet wird. Der Berliner Senat ist dafür. Doch droht das Profi-Turnier ausgerechnet einen Teil der Basis im Berliner Tennis hart zu treffen treffen.

Dies ist die Geschichte vom hellen Glanz eines großen Sportevents, von Vielfalt, von Chancen. Und von einem Verein im Schatten. Sie beginnt an einem Vormittag gegen halb elf. Die Spätsommersonne brennt auf die drei Tennisplätze im Berliner Olympiapark, die zwischen ehemaligem Wurfplatz, dem Klubhaus-Pavillon und dem Reitplatz in einer von Natursteinen ummauerten Senke liegen. Es ist still hier. Nichts zu hören bis auf das Ploppen des Tennisballs. Ein Sportschüler der Poelchau-Schule trainiert auf der Anlage, die von der Tennisabteilung der Wasserfreunde Spandau 04 genutzt wird. Plopp, trifft der Ball auf den Schläger. Plopp, auf dem roten Sand. Ziegelmehl staubt auf.

„Hallo“, ruft eine Spandauer Spielerin im Tennisrock, die eben lachend festgestellt hat, dass im Klubhaus-Kühlschrank nur Bier, aber leider kein Wasser kaltgestellt ist. Sie winkt dem Trainer zu. Man kennt sich. Der Umgang hier ist unkompliziert.

Wobei die Stimmung gerade am Schwanken ist, denn wie es aussieht, wird das Ploppen auf Sand für die 89 Mitglieder der Tennisabteilung von Spandau 04 hier bald nicht mehr zu hören sein. Sowohl die Abteilung mit ihren zwei Jugend- und zwei Männermannschaften im Spielbetrieb sowie die Sportschüler, viele darunter Toptalente, müssen dem großen, glanzvollen Profitennis weichen.

Am Hundekehlsee sollen wieder große Tennisturniere stattfinden

Vorübergehend. So lautet der Plan, den Markus Zoecke, der Sportdirektor des großen, traditionsreichen LTTC Rot-Weiß der kleinen Spandauer Tennisabteilung erläutert hat, als er kürzlich auf Einladung der Spandauer mit dem Fahrrad aufs Olympiagelände zu deren Klubhaus-Pavillon gefahren kam.

Der Besuch des früheren Tennisprofis, der seit 2013 als Sportdirektor bei Rot-Weiß fungiert, ist ein Zeichen dafür, dass am Hundekehlesee, dort, wo früher Cilly Aussem, 1931 erste deutsche Wimbledonsiegerin, Hans-Jürgen Pohmann, Boris Becker, Steffi Graf oder auch Sabine Lisicki die Schläger schwangen, bald wieder der Glanz des internationalen Tenniszirkus einzieht.

Allerdings nicht auf Sand, sondern auf Rasen, was die Sache verkompliziert – und die Tennisplätze im Olympiapark, die der Senatsverwaltung für Inneres und Sport unterliegen, begehrenswert macht.

Der frühere Davis-Cup-Spieler Zoecke, 51, der gerade die US Open in New York fürs Fernsehen kommentiert, sagt, dass er zum neuen Profitennisturnier in Berlin im Moment nichts sagen könne: „Da sind höhere Mächte im Spiel. Klar, da ist was im Gang. Klar, ich war in letzter Zeit viel damit beschäftigt. Früher oder später werden wir da noch drüber sprechen können.“

Es soll wieder ein hochklassiges Tennis-Turnier nach Berlin kommen

Darüber etwa, ob Berlin nun für die kommenden fünf Jahre die Lizenz des Frauenturniers auf Mallorca erhält, wie es der österreichische Vermarkter und Chef der Emotion GmbH Edwin Weindorfer angedeutet hat. Oder ob es einen Tausch mit dem Turnier in Birmingham gibt. In der Mallorca Zeitung wird Weindorfer zitiert: „Wir machen jedes Jahr mit den Mallorca Open Minus. Die Fehlbeträge werden von meiner Firma Emotion getragen. Zum Glück verdienen wir mit den Turnieren in Stuttgart und Wien genug.“ Diese Hoffnung dürfte er wohl auch mit einem Turnier in Berlin verbinden.

Den Plan, wieder ein hochklassiges Tennisturnier, wie es von 1979 bis 2008 die German Open der Frauen waren, nach Berlin zu holen, wird im Grunewald schon länger verfolgt. Zuletzt mit Nachdruck. Im Juni titelte die Bildzeitung: „Tennis-Sensationsplan enthüllt: Berlin kriegt das Mini-Wimbledon.“

Drei Tennis-Trainingsplätze als Voraussetzung

Tatsächlich spricht vieles dafür, dass diese Entscheidung innerhalb der kommenden Woche offiziell verkündet wird. Schon 2020 soll das Frauenturnier als Vorbereitung auf das Londoner Turnier in Wimbledon im Berliner Steffi-Graf-Stadion stattfinden. Wie man hört, sollen noch im September die Bagger anrücken –auf der Anlage des LTTC Rot-Weiß. Und auf der Tennisanlage, die Spandau 04 im Olympiastadion nutzt.

Denn drei zusätzliche Rasenplätze zu Trainingszwecken für die Profis sind Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Turnierbewerbung bei der Women’s Tennis Association (WTA). Und dort, so hat es Zoecke den Tennisspielern von Spandau 04 erzählt, habe er die Turnierpläne aus Berlin vor den US Open eingereicht.

Berliner Senat befürwortet neues Tennis-Profiturnier in Berlin

Der Berliner Senat befürwortet ein neues Profiturnier in der Stadt. „Die Sportverwaltung sieht in der Ausrichtung dieses Turniers die Chance, die Vielfalt der sportlichen Events in der Sportmetropole Berlin um eine weitere Facette zu bereichern. Zudem haben Gespräche mit dem Berliner Tennisverband gezeigt, dass unter den Tennisspielerinnen und -spielern grundsätzlich ein großes Interesse an Rasentennis besteht“, teilt ein Sprecher der Sportverwaltung mit.

Auch bei Spandau 04 haben sie nichts gegen ein großes, neues Frauenturnier in Berlin. Eines mit Strahlkraft, mit attraktiven Namen. Aber sie fragen sich: Weshalb werden für diese kommerzielle Veranstaltung ihrer Abteilung dreist alle drei Plätze genommen? Und: Wann und wo werden die zwei neuen Sandplätze gebaut, die ihnen dafür im Olympiapark versprochen wurden?

Spandau 04 bangt

Sie stellen sich weitere Fragen: Müssen wir sofort unsere Schränke räumen? Ist es wahr, dass wir Spandauer vorübergehend auf der Anlage des LTTC Rot-Weiß trainieren dürfen? Warum reagiert dort niemand auf den Kooperationsvertrag, den die kleine Abteilung dem großen Klub vorgelegt hat?

Viele Wasserfreunde fürchten, dass es die Tennisabteilung zerreißt wenn sie ein, zwei, vielleicht gar drei Jahre lang keine Plätze, keine Heimat mehr hat. Sie ahnen, dass es viele Austritte geben wird – von Mitgliedern, die der Verein erst mühsam gewonnen hat. Sie haben bemerkt, dass Greenkeeper aus Wimbledon in Berlin gewesen sind. Sie fragen: Wer bewässert die Rasenplätze, die sie vor dem Turnier, in Wimbledon, das üblicherweise von Anfang bis Mitte Juli stattfindet, nicht betreten dürfen und deren Unterhaltskosten sich auf 120 000 Euro im Jahr belaufen? Und sie wollen wissen: Was passiert da gerade mit Steuergeldern?

Prestige der Stadt

Es ist eine Frage des Blickwinkels, ob man die Vorgänge als Verdrängung einer Breitensport-Gemeinschaft durch einen kommerziellen Anbieter für gerechtfertigt halten kann, wenn es letztlich ums Prestige einer Stadt geht, die sich gern als Sportmetropole präsentiert. Umgekehrt lässt sich behaupten, dass der Profisport als Magnet wirkt, als Inspiration für die Jugend.

Spandaus Vereinspräsident Hagen Stamm, sagt, er sei noch immer zuversichtlich, dass die drei Partner „Senat, Rot-Weiß und Spandau 04 eine gute Lösung finden, unsere Tennisabteilung am Leben zu halten“, schließlich sei man ein Verein, der der Sportmetropole gerne hilft.

Glanzvolle Momente

Natürlich waren es glanzvolle Momente, als Steffi Graf an der Hundekehle spielte, Martina Navratilova, Martina Hingis, Arantxa Sánchez-Vicario. Allein der Marktwert, den der Schriftzug Berlin bei TV-Übertragungen einspielen werde, soll Millionen von Euro betragen, wurde den Spandauer Tennisspielern gesagt.

Berlin will sportlich weiter allumfassend glänzen, sich weiter in Stellung bringen für eine mögliche Olympiabewerbung. Warum sollte das Potenzial des Steffi-Graf-Stadions also nicht genutzt werden?

Fragen an den Senat

Andererseits haben sie beim LTTC Rot-Weiß mit den German Open 2008 die Erfahrung gemacht, dass es schnell gehen kann, auf einer Million Euro Defizit zu sitzen – bis der damalige Veranstalter aus Katar seine Schulden doch noch beglich. Die Mitglieder von Rot-Weiß votierten in diesem Juni laut RBB mit einer Zweidrittelmehrheit für die Austragung eines neuen Profiturniers. Danach ging alles schnell. So schnell, dass der Berliner CDU-Abgeordnete An-dreas Statzkowski hinsichtlich der Pläne im Olympiapark einige Fragen an Sport-Staatssekretär Aleksander Dzembritzki (SPD) hat.

Deshalb stellte Statzkowski vor zwei Wochen eine Anfrage an den Senat, 15 Punkte, darunter diese: „Mit welchen Kosten aus welchen Haushaltsansätzen ist beim Umbau zu rechnen?“ „Wann, wo und aus welchen Haushaltsansätzen sollen in welcher Höhe die zusätzlichen Tennisplätze aus Sand gebaut werden?“ „In welcher Form ist eine Nutzung der Rasenplätze außerhalb des geplanten Rasenturniers vorgesehen?“ Und Statzkowski will wissen, ob auch Anlagen wie die Tennisplätze in der Harbigstraße oder in der Thüringer Allee als Alternative für das Profitraining geprüft worden seien. Die Antworten darauf stehen noch aus.

600.000 Euro für Umbau der Tennisplätze

Gegenüber dieser Zeitung teilte ein Sprecher der Sportverwaltung mit: „Die Senatsverwaltung für Inneres und Sport wird auf Kosten des Landes Berlin drei Trainingsplätze für Rasentennis durch Umwandlung von drei Ascheplätzen auf dem landeseigenen Gelände des Olympiaparks errichten. Die Rasen-Trainingsplätze sind Voraussetzung für dieses Turnier der Damen. Für den Umbau der Ascheplätze, die derzeit vorrangig von der Tennisabteilung der Wasserfreunde Spandau genutzt werden, werden die Kosten auf 600.000 Euro geschätzt. Die drei Turnierplätze errichtet der LTTC auf seinem Vereinsgelände und auf eigene Kosten.“ Hierfür, so war zu lesen, sind 700.000 Euro veranschlagt.

Zum Bau zweier neuer Sandplätze im Olympiapark konstatiert der Sprecher der Sportverwaltung zudem: „Im Rahmen der Erstellung eines Gesamtnutzungs- und Entwicklungskonzeptes für den Olympiapark Berlin soll u. a. der Bau von zwei neuen Sandplätzen auf dem Gelände berücksichtigt werden. Von daher kann der konkrete Standort erst im 2. Quartal 2020 benannt werden. Der Bau der Sandplätze ist für 2020/2021 geplant und wird von der Senatsverwaltung für Inneres und Sport finanziert werden.“

Da sie als Berliner wissen, wie lange sich Bauvorhaben dieser Art in der Hauptstadt ziehen können, sind die Tennisspieler von Spandau 04 nicht sicher, ob und wann sie das Ploppen eines Tennisballs jemals wieder im Olympiapark hören – und wie viele Mitglieder ihre Abteilung dann überhaupt noch hat.