Alexander Zverev wird im Juli in Berlin an den Start gehen.
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BerlinDie Haare sind ein wenig in Unordnung geraten, das Lächeln zurückhaltend, aber sonst wirkt Alexander Zverev hellwach. Der deutsche Tennisprofi sagt am Freitagmorgen ungefähr das, was vor ihm schon Andrea Petkovic und Julia Görges gesagt haben: dass er sich sehr freut auf dieses Turnier, das vom 13. bis 19. Juli in Berlin stattfinden wird, zunächst im Steffi-Graf-Stadion an der Hundekehle und danach in einem Hangar auf dem Tempelhofer Feld; Hartplatz wird dort der Belag sein. „Ich bin sehr gespannt, wo mein Tennis steht“, sagt Zverev auf Englisch in eine Kamera. Es spricht auf einer virtuellen Pressekonferenz über ein internationales Turnier.

Die Corona-Pandemie hat den Sport weltweit zum Erliegen gebracht. Die hierzulande einsetzenden Lockerungen führen nun zu Experimenten, die für die Zukunft des Sports, für neue Formate eine Vorlage sein könnten. Und die Bett1Aces, wie das Turnier in Berlin nach einem Sponsor heißt, will dazu einen Beitrag leisten. Das sagt Edwin Weindorfer in der Videokonferenz. Er ist der Geschäftsführer jener Agentur, die das Pilotprojekt organisiert und erläutert, dass es darum gehe, „nach dem Beispiel der deutschen Bundesliga Akzente im Tennissport zu setzen“.

Jeweils sechs Männer und sechs Frauen werden am Start sein. Den Frauen zumindest könnte es als eine Art Ersatz dienen für das WTA-Event, das im Juni an der Hundekehle hätte stattfinden sollen, aber wegen Corona ausfallen musste. Elina Svetolina will diese Chance nutzen, die Nummer fünf der Weltrangliste aus der Ukraine. Ebenso die zwei Plätze dahinter geführte Niederländerin Kiki Bertens. Dominic Thiem aus Österreich wird nach Berlin kommen, der Dritte bei den Männern. Nick Kyrgios schlägt auf, der Australier, ein Enfant terrible. Auch Jannik Sinner will unbedingt dabei sein, sagt er auf der virtuellen Pressekonferenz. Der 18 Jahre alte Südtiroler ist so etwas wie ein Versprechen an die Zukunft des Tennis, somit eigentlich genau der Richtige für das Projekt.

Das wäre auch Roger Federer genau der Richtige, trotz seines Alters, aber wegen seiner herausragenden Stellung im Tennis. „Roger spielt bekanntlich gerne auf Rasen“, sagt Weindorfer. Wie die Kielerin Angelique Kerber jedoch will auch der 38 Jahre alte Schweizer abwarten, ob, wann, wie und wo die Saison weitergeht, will vor einer Zusage mögliche Alternativen prüfen.

Die sind momentan kaum in Sicht. Wobei die Lage sich allerdings entspannt, wie Organisator Weindorfer erfreut feststellt. Mit dem Berliner Senat ist die Agentur „in ständigem Austausch“, sagt er. Das Turnier wird aber ohne Zuschauer stattfinden. Etwa 70 bis 100 Personen dürfen sich pro Tag in und um das Steffi-Graf-Stadion sowie im Bereich des Tempelhofer Hangars aufhalten. „Nach jetzigem Stand“, sagt Weindorfer. Wie weit die Lockerungen in Berlin noch gehen, weiß schließlich niemand derzeit.

Es wird keine Linienrichter geben, Elektronik übernimmt ihren Job. Ein sogenanntes Hawk eye wird über den Profis schweben, beste Sicht soll garantiert sein, wenn nicht am Platz, so doch daheim vor dem Bildschirm. Umso zahlreicher, hoffen alle Beteiligten.

Für das Fernsehen ist das Experiment in Berlin hochspannend. „Wir führen gerade mit mehrere Interessenten Gespräche“, sagt Weindorfer, ohne ebendiese Gespräche durch Indiskretionen behindern zu wollen. Nur so viel verrät der Österreicher: Neben deutschen TV-Stationen gibt es auch Anfragen aus den USA, Österreich, Schweiz, England.

Wimbledon hilft beim Rasen

Der Termin Mitte Juli ist mit Bedacht gewählt. Das Turnier startet einen Tag nach dem Ende des Grand-Slam-Turniers von Wimbledon. „Virtuelles Wimbledon-Finale“, sagt Weindorfer, will heißen: Es entfällt. Die Fußball-Bundesliga wird ihre Saison abgeschlossen haben. Die Tour de France, sonst ein fester Programmpunkt im Juli, ist verschoben worden. Es gilt für die Fernsehanstalten, Sendeplätze zu füllen.

Wimbledon ist immerhin über die Spielfläche in Berlin dabei, wie Weindorfer hervorhebt. Er sagt „cool“ und spricht von „urban style“, als es um den Hartplatz im Hangar geht. „Cool“ findet auch Barbara Rittner die Veranstaltung, deren sportliche Leiterin sie nun ist. „Ich freue mich, plötzlich die Turnierdirektorin eines Frauen- und Männer-Turniers sein zu können“, sagt sie und lacht. Turnierdirektorin des reinen Frauen-Events an der Hundekehle ist sie ja schon.

Anders als bei dem ausgefallenen WTA-Turnier vom Juni hat das Turnier im Juli keine Bedeutung für die Weltrangliste. Das Format ist verknappt. Gespielt wird nach dem Modus Best of three. Der dritte Satz wird ein Match-Tie-Break sein. Mit einem Viertelfinale geht es los, zwei Topspiele sind fürs Halbfinale gesetzt. Der Wechsel des Belags immerhin verspricht Spannung. „Da wird sich zeigen, wer sich am besten umstellen kann“, sagt Thiem.

Wie alle anderen, die an diesem Projekt teilnehmen, ob nun mit oder ohne Tennisschläger in der Hand, wird sich Thiem an die strikten Hygieneregeln zu halten haben. 40 Seiten umfasst der Katalog mit Bestimmungen. „Wir wollen“, hat Organisator Weindorfer am Freitag gesagt, „dass die ganze Tenniswelt auf Berlin schaut.“  Und da soll nichts und niemand stören, vor allem nicht dieser unsichtbare Herausforderer namens Corona.