London - Rund dreieinhalb Stunden braucht der Zug vom Kurbad Ilkley in West Yorkshire bis in die Metropole nach London. Und dreieinhalb Stunden sind eine lange Zeit, wenn man es kaum erwarten kann anzukommen. Mit einem Sieg bei einem Challengerturnier im Norden hatte Dominik Köpfer vor knapp zwei Wochen nicht nur rund 18 000 Euro gewonnen, die bis dahin größte Summe seiner Karriere. Unbezahlbar dagegen war der Freifahrtschein, den er damit auch gewann; nicht für den Zug, sondern für das berühmteste aller Tennisturniere. Im vergangenen Jahr war er beim Qualifikationsturnier für Wimbledon im fünften Satz der letzten Runde gescheitert, diesmal aber bescherte ihm der Erfolg in Ilkley einen Platz im Hauptfeld, und das ist eine Aussicht, die einen Tennisspieler aus den hinteren Rängen ziemlich glücklich machen kann.

Die Geschichte des 25 Jahre alten Schwarzwälders ist eine schöne Vorlage für alle Teenager, die noch nicht so recht wissen, was sie wollen. Bis er 16 war, konnte sich Köpfer nicht zwischen Fußball, Tennis und Golf entscheiden, im Winter fuhr er jeden Tag Ski. Doch weil er dann fand, die Verletzungsgefahr beim Skifahren und Fußballspielen sei zu groß und weil ihm Golfspielen zu langweilig war, entschied er sich für Tennis. Nach dem Abitur war ihm zwar klar, dass es für einen Versuch auf der Profitour nicht reichen würde, doch dank der Vermittlung seiner Heimtrainer in Villingen erhielt er ein Teil-Stipendium der renommierten US-Universität Tulane in New Orleans, und den Rest der Kosten übernahmen seine Eltern. Köpfer sagt, in den ersten beiden Jahren habe er sich schwergetan, in den Jahren drei und vier sei es dann prima gelaufen; von der Nummer sechs im Team stieg er zur Nummer eins auf, gewann Titel und fasste den Entschluss, ins Profitennis einzusteigen.

Spitzname "Pitbull"

Weil er auf dem Platz in seiner zupackenden Energie kaum zu bremsen war, hatten ihm die Trainer in Juniorentagen den Spitznamen „Pitbull“, gegeben, die Coaches in Tulane rieten ihm, weil er mit zu viel Unruhe und Nervosität allen beweisen wollte, was er drauf hatte, er solle vor jeder Trainingseinheit ein Puzzle legen. „Bis vor einem Jahr hab ich das machen müssen, damit ich geduldiger werde“, erzählte er dieser Tage in Wimbledon, „und das zahlt sich langsam aus.“

Mit großen Augen und beeindruckt wie alle vor ihm passierte er Anfang vergangener Woche zum ersten Mal die schmiedeeisernen Eingangstore des All England Clubs, und zum ersten Start im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers schenkte er sich den ersten Sieg in überzeugenden vier Sätzen gegen den Serben Filip Krajonovic.

Nie gekannte Planungssicherheit

Heute in Runde zwei gegen Diego Schwartzman aus Argentinien, Nummer 24 der Weltrangliste, folgt der Prüfung zweiter Teil, doch unabhängig davon, wie die Sache ausgeht weiß Dominik Köpfer längst, dass seine Premiere in jeder Hinsicht ein großer Gewinn war. Mit dem Erreichen der zweiten Runde hat er ein Preisgeld in Höhe von rund 81 000 Pfund sicher.

Das ist auf einen Schlag mehr als die Einnahmen aus den ersten sechs Monaten dieses Jahres, und der Gewinn gibt ihm eine bisher nie gekannte Planungssicherheit.
In der Weltrangliste ist er seinem Ziel, bald zu den besten Hundert zu gehören, ein gutes Stück näher gerückt; auf jeden Fall ist Köpfer jetzt schon der fünftbeste deutsche Spieler. Und die Quintessenz der Geschichte? In einem Gespräch mit dem Tennis Magazin beantwortete Köpfers Villinger Jugendtrainer Oliver Heuft kürzlich die Frage, ob Botschaft in dieser Annäherung im zweiten Anlauf stecke. „Ruhe bewahren“, sagte er. „Ab 18 geht’s erst richtig los. Eltern müssen nicht in Panik verfallen, wenn es in der Jugend mal nicht so rund läuft.“ Oder, um bei Fahrten von Ilkley nach London zu bleiben: Auch Züge, die später abfahren, erreichen ihr Ziel.