Berlin - An einem Sonntag in diesem Sommer soll Rudolf Molleker aus Oranienburg den größten Auftritt seiner Tenniskarriere haben, aber dann erscheint sein Gegner nicht. Rudolf Molleker ist 14 Jahre alt, hat fast alle Titel geholt, die man in diesem Alter holen kann: Europameister im Einzel, Europa- und Weltmeister mit der Mannschaft, und jetzt soll er im Grunewald das erste Mal in einem Stadion vor mehreren Hundert Zuschauern spielen.

Der Tennisclub Rot-Weiß hat ehemalige Stars aus aller Welt zu seinem Legenden-Turnier nach Berlin eingeladen: Pat Cash, Jim Courier, Henri Leconte, Michael Stich. Es wird Einzel und Doppel geben, Junge gegen Alte. Rudolf Mollekers erster Gegner soll Jim Courier sein, 44 Jahre alt, Amerikaner, fünffacher Grand-Slam-Sieger. Aber wenige Stunden vor Spielbeginn kommt die Nachricht: Courier hat abgesagt. Rückenprobleme, heißt es.

Es ist ein Wochenende 2015, eines der vielen, die nicht in die Geschichte des deutschen Tennissports eingehen werden, aber deutsche Tennisgeschichte erzählen kann man am Beispiel dieses Wochenendes gut. Weil Steffi Graf hier draußen neunmal gewann, weil Boris Becker hier seinen ersten großen Schaukampf ablieferte, weil hier einst 50.000 Zuschauer auf den Rängen saßen, damals, als es noch die German Open gab und deutsche Tennisspieler zu den besten der Welt gehörten.

Mehr als 20 Jahre ist das her. Boris Becker hat zwei neue Hüften, Steffi Graf mit Andre Agassi in Las Vegas eine Familie gegründet, die German Open fanden vor sieben Jahren das letzte Mal statt, einen deutschen Tennisspieler sucht man vergeblich unter den ersten zehn der Weltrangliste, und nun kommt nicht einmal Jim Courier, dessen letzte große Turniere auch schon fast 20 Jahre zurückliegen.

Die Moderatorin kreischt

„Rudi war schon enttäuscht“, sagt Roman Molleker, der Vater. Er lehnt am Zaun des Tennisplatzes Nummer vier und sieht zu, wie sein Sohn versucht, einer Kika-Moderatorin die Vorhand beizubringen. Der Kinderkanal will einen Beitrag über ihn machen: Rudolf Molleker, die neue deutsche Tennishoffnung. Alle sagen das jetzt. Dass er es an die Weltspitze schaffen wird, dass er der neue Boris Becker ist.

Er hat bereits eine eigene Website, Sponsoren, und sein Trainer, Benjamin Thiele, ist gleichzeitig sein Manager. Rudolf Molleker macht alles mit, trainiert sechs Tage in der Woche, spielt Turniere, gibt Interviews. Gerade spielt er der Kika-Moderatorin Bälle zu, sie trifft den Ball entweder gar nicht oder so, dass er ins Netz geht oder ins Aus. Molleker nimmt einen neuen Ball und versucht es erneut, fünf Minuten geht das so, dann holt er aus, knallt den Ball ins Netz, direkt vor ihre Nase. Die Moderatorin springt zur Seite. „Rudi“, kreischt sie. Rudolf Molleker lacht. Sein Vater grinst, die anderen Zuschauer auch.

Es ist der zweite Tag des Legendenturniers. Langsam trudeln die Gäste ein, Rot-Weiß-Familien, Frauen in Sommerkleidern, Herren in hellen Anzügen, aufgespritzte ältere Damen. Auf Platz eins spielt sich Pat Cash ein, rotes Shirt, schwarze Hose. Henri Leconte, Rudolf Mollekers heutiger Gegner ist auch gerade aufgetaucht, ein bisschen müde noch, er hat gestern lange gefeiert. „Freust du dich auf das Spiel gegen Henri Leconte“, fragt die Kika-Moderatorin, „er ist ja eine richtige Legende.“ – „Ich freu mich“, sagt Rudolf Molleker. „Echt.“

Der Vater am Zaun sagt, dass Rudi aufgeregt ist. „Er weiß nicht, wie er spielen soll. Mit vollem Gas oder einfach Show machen.“ Das ist das Problem bei Turnieren wie diesem. Es ist wie ein Zirkusspektakel, die Altstars kommen, weil sie für ihren Auftritt bezahlt werden, und machen ein paar lustige Einlagen. Die Jungen wollen sich zeigen, messen, entdeckt werden. Sie haben ja alles noch vor sich. Vielleicht.

Man kann nie mit Sicherheit sagen, ob aus einem Tennistalent ein Topspieler werden wird. Es könnte sein, dass Rudolf Molleker in ein paar Jahren in Paris Novak Djokovic und Andy Murray vom Platz fegt oder jedes Wochenende ein paar Bälle mit seinem Bruder spielt. Vielleicht lebt er immer noch in Oranienburg, vielleicht auch in Monaco.

Der Vater kümmer sich um das Sportliche

Er hat schon jetzt einen ziemlich weiten Weg zurückgelegt. In der Ukraine wurde er geboren, seine Vorfahren sind Russlanddeutsche, seine Eltern nannten ihn Rudolf, sein Bruder heißt German. Als er drei war, zog die Familie nach Deutschland. In den ersten Wochen wohnten sie in einem Heim in Brandenburg, zu neunt in einem Zimmer, Eltern, Kinder, Großeltern, Tante, Onkel, Neffe. Die Wohnung, die ihnen zugewiesen wurde, lag in Oranienburg, Plattenbau. Da lebt er heute noch. Im Kindergarten und in der Schule lernte er deutsch, mit den Eltern sprach er weiter Russisch. Seine Mutter, eine Zahnärztin, bringt das Geld nach Hause. Sein Vater kümmert sich um seine sportliche Karriere.

Es hat sich so ergeben, so erzählt es Roman Molleker, der in der Ukraine ein eigenes Lebensmittelgeschäft führte und auch in Deutschland gerne wieder was Eigenes gemacht hätte. Aber es ging nicht, sagt er. „Wegen des Sprachfehlers.“ Roman Molleker, ein großer Mann mit breiten Schultern und kahlgeschorenem Kopf, stottert. Im Russischen kaum, aber im Deutschen bleiben ihm, vor allem wenn er aufgeregt ist, die Worte im Hals stecken. Er kann keine Anrufe machen, keine Verhandlungen führen. Er begann, sich um die Kinder zu kümmern.

German, der ältere Sohn, trainierte in Frohnau, nicht weit von Oranienburg. Rudi, gerade vier, kam mit und lief den Bällen hinterher. Irgendwann drückte ihm Germans Trainer auch mal einen Schläger in die Hand. Der war fast größer als Rudi selbst, aber der Junge, das sah man gleich, hatte Talent. Sogar mehr als sein Bruder, der es immerhin unter die Besten in Berlin brachte, aber bald die Lust verlor und aufhörte.

Seitdem hat Rudolf Molleker zwei Trainer. Benjamin Thiele ist für die Technik zuständig, sein Vater trainiert Ausdauer, Fitness und spielt Bälle zu. Roman Molleker, der selbst nie Tennis gespielt hat, erkennt jeden Fehler. Er hat Tennisvideos gesehen, die Schläge der Stars studiert, Bücher gelesen, und wenn sein Sohn etwas Neues lernt, lernt er es mit, von der Bank aus.

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