Testspiel gegen Argentinien: So trotzt Bundestrainer Joachim Löw den vielen Ausfällen

Dortmund - Natürlich ist den Erinnerungsstücken an die Heldentaten der deutschen Nationalmannschaft im Fußballmuseum von Dortmund ein besonderer Platz gewidmet. Speziell beleuchtet, multimedial inszeniert. So liegt der Schuh, mit dem Mario Götze in der 113. Minute im WM-Finale 2014 gegen Argentinien den Siegtreffer für Deutschland erzielte, nicht nur dreckverklumpt hinter Glas. Sondern aus dem Hintergrund ertönt mitunter der Originalkommentar von ARD-Mann Tom Bartels: „Mach iiiiiiihhhhn.“ Götze spielt allerdings keine Rolle, wenn die DFB-Auswahl nun mal wieder gegen Argentinien (Mittwoch 20.45 Uhr/ RTL) antritt. So lang kann die Ausfallliste gar nicht werden, dass sich Bundestrainer Joachim Löw noch einmal an den Siegtorschützen von Rio erinnert, denn der 27-Jährige bestreitet ja nicht einmal mehr bei Borussia Dortmund die wichtigen Spiele. Und ob die Westfalen ihn über die Saison behalten, ist ebenso fraglich.

Und auch für dessen Mannschaftskameraden Mats Hummels bleibt die Tür zur Nationalmannschaft definitiv zu. „An ihn habe ich nicht gedacht. Ich habe vor einigen Wochen gesagt, dass wir erst mal unseren Weg mit den jungen Spielern gehen. Es gibt jetzt keine Veranlassung, den Mats zu nominieren“, sagte Löw nach der Ankunft am Hotel l’Arrivee im Dortmunder Süden. Wenn der 59-Jährige am heutigen Dienstag im Fußballmuseum über seine Alternativen spricht, werden andere Namen behandelt. Wie die nachnominierten Neulinge Suat Serdar und Nadiem Amiri. Diesen Sommer U21-Vize-Europameister. Andere Spielertypen als Götze.

Und doch hatte Löw mit ihnen noch nicht für ein Prestigeduell geplant, das in seiner persönlichen Prioritätenliste für die Gestaltung des Umbruchs weit oben angesiedelt war. Der stets reizvolle Vergleich gegen die Argentinier, bei der WM in Russland übrigens im Achtelfinale vom späteren Weltmeister Frankreich an selber Stelle in der Tartarenstadt Kasan eliminiert, wo auch Löws Ensemble im letzten Vorrundenspiel gegen Südkorea Schiffbruch erlitt, ist eines der ganz wenigen Freundschaftsspiele, die der Terminkalender noch zulässt.

Zahlreiche Absagen

„Einspielen hat bei der jungen Mannschaft Priorität!“ Diesen Satz formulierte der Südbadener am 10. September nach dem 2:0-Pflichtsieg gegen Nordirland in Belfast mit einem solchen Nachdruck, um deutlich zu machen, dass er einen Monat später keine Experimente machen wolle. Doch auf einmal ist Improvisation gefragt. Leroy Sané, Antonio Rüdiger, Leon Goretzka, Nico Schultz, Julian Draxler und Thilo Kehrer sowie Torwart Kevin Trapp waren wegen teils langwieriger Verletzungen gar nicht berufen worden, doch dann trudelte eine Absage nach der anderen ein.

Am Sonntag sagten Toni Kroos und Jonas Hector wegen muskulärer Probleme ab, Timo Werner klagt seit Montag über einen grippalen Infekt, Ilkay Gündogan hat sich eine Muskelverletzung zugezogen und Matthias Ginter hat eine Schulterluxation erlitten. „Das tut uns natürlich weh“, sagte Löw, der nach eigenem Bekunden nur am Telefon war und schlechte Nachrichten empfing. Der Südbadener, der eigentlich mittels Einzelanalysen und flachen Hierarchien den Konkurrenzkampf schärfen wollte, muss jetzt aus der Not eine Tugend machen.

Kai Havertz, zuletzt in den Länderspielen nicht wirklich benötigt, hat Gelegenheit, seine Anlagen gegen ausgebuffte Gegner unter Beweis zu stellen. Niklas Stark darf in der Abwehr auf erste Einsatzminuten in der A-Nationalmannschaft hoffen, und vielleicht kommt im Angriff auch Luca Waldschmidt zum Zuge, dem Löw offenbar bereits mehr zutraut als dessen Vereinstrainer in Freiburg Christian Streich. Und dann ist da in letzter Instanz auch noch Marc-André ter Stegen, der nach einem zwischenzeitlich absurd anmutenden Theater um die Hierarchie im deutschen Tor mal wieder den Vorzug vor Manuel Neuer bekommt. „Gegen Argentinien spielt das Ergebnis nicht die allerwichtigste Rolle“, sagt Löw, der jetzt von einer „Weiterbildungsgeschichte für die jungen Spieler“ spricht.

Einsatzchance für Herthas Stark

Ein Muster ohne Wert ist deswegen der Leistungsvergleich gegen die Südamerikaner, die auf ihren gesperrten Weltfußballer Lionel Messi verzichten müssen, deshalb noch lange nicht, aber der Erkenntnisgewinn dürfte sich in Grenzen halten, zumal Löw ja auch noch eine gesunde Elf für das EM-Qualifikationsspiel in Tallinn gegen Estland (Sonntag 20.45 Uhr/RTL) zusammenbekommen muss. „Gegen Estland werden wir gewinnen, unabhängig davon mit welcher Mannschaft“, versprach der Bundestrainer. Mario Götze wird er also auch dann nicht brauchen.