Freude auf den ersten Blick: Liverpools Trainer Jürgen Klopp herzt Thiago Alcântara.
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ManchesterAm Ende seines Debüts im Trikot des FC Liverpool gab es kein Entkommen für Thiago Alcántara. Sein Trainer Jürgen Klopp, der gut einen Kopf größer ist, legte nach dem 2:0-Erfolg beim FC Chelsea seinen Arm um den Zugang vom FC Bayern, nahm ihn im Scherz in den Schwitzkasten und lachte dabei vergnügt. Der Anblick erinnerte an einen Vater, der stolz ist auf seinen Sohn wegen eines guten Schulzeugnisses, und in der Tat hatte Klopp berechtigte Gründe, um zufrieden zu sein mit dem spanischen Mittelfeldmann. Thiago war bei der Partie an der Stamford Bridge zur Pause für den angeschlagenen Kapitän Jordan Henderson gekommen und stellte gleich einen Rekord auf.

Er spielte mehr Pässe als jeder Chelsea-Profi über die volle Dauer der Partie, nämlich 75. Das waren die meisten Zuspiele überhaupt seit der Erhebung der Pass-Daten in der Premier League für einen Spieler, der nur höchstens eine Halbzeit auf dem Rasen stand. „Alles, was er heute tat, fühlte sich komplett natürlich an“, lobte Klopp, als er den Ex-Münchner wieder aus dem Klammergriff freigegeben hatte. Thiago hat sich wie selbstverständlich in die Mannschaft des englischen Meisters eingefügt und bei seinem ersten Auftritt angedeutet, dass er Liverpools Spiel um eine kreative Komponente erweitern kann.

Hilfreich war dabei natürlich der Umstand, dass Chelsea die zweite Halbzeit in Unterzahl spielen musste nach der Roten Karte gegen den Ex-Mönchengladbacher Andreas Christensen für seine Notbremse gegen Sadio Mané kurz vor der Pause. Mit einem Mann mehr erledigte Liverpool die Westlondoner souverän durch die beiden Treffer des starken Mané (50. und 54. Minute). Dass Thiago in der Schlussphase per Foul an Timo Werner einen Elfmeter verursachte, verschwand im Kleingedruckten, denn Liverpools Torwart Alisson entschärfte den schwachen Strafstoß von Jorginho.

Klopp will auf dem Fußball-Thron bleiben

Mit dem Sieg sendete Liverpool ein Signal an die Liga. Der Meister zeigte, dass er fest entschlossen ist, seinen Platz auf dem englischen Fußball-Thron zu verteidigen. Viel war ja im Vorlauf der Saison die Rede davon gewesen, dass Klopps Mannschaft nachlassen müsse nach dem Rausch der beiden vergangenen Spielzeiten mit 97 und 99 Punkten und ohne größere Renovierungsarbeiten am Kader. Auch nach den Transfers der vergangenen Woche – neben Thiago für knapp 30 Millionen Euro kam der Portugiese Diogo Jota für knapp 45 Millionen von den Wolverhampton Wanderers – wirken die Ausgaben der Reds moderat im Vergleich zu den mehr als 220 Millionen Euro, die Chelsea in neues Personal investiert hat.

Unter anderem wurden dafür Timo Werner bei RB Leipzig und Kai Havertz bei Bayer Leverkusen ausgelöst, doch die beiden befinden sich noch in verschiedenen Phasen der Eingewöhnung. Während Werner wie schon bei Chelseas 3:1 zum Auftakt gegen Brighton & Hove Albion viele gute Ansätze mit seinen Läufen hinter die Abwehr zeigte, konnte sich Havertz zum zweiten Mal nacheinander nicht einbringen und wurde schon zur Pause ausgewechselt, weil Trainer Frank Lampard nach Christensens Platzverweis einen weiteren Verteidiger aufs Feld schicken musste.

Die Partie legte offen, dass die Arbeiten auf Chelseas Großbaustelle längst noch nicht abgeschlossen sind. Als Ersatz für den dramatisch überforderten Torwart Kepa Arrizabalaga, der mit einem erneuten Patzer Manés zweiten Treffer verschuldete, dürfte in Kürze Édouard Mendy von Stade Rennes an der Stamford Bridge eintreffen. Außerdem sind die Zugänge Thiago Silva, Ben Chilwell und Hakim Ziyech noch nicht fit und warten darauf, in die Mannschaft integriert zu werden. Liverpool dagegen kann mit dem Saisonstart zufrieden sein. Dem wackligen 4:3 am ersten Spieltag gegen den ambitionierten Aufsteiger Leeds United ließen die Reds einen rundum ungefährdeten Sieg gegen einen möglichen Konkurrenten im Titelkampf folgen. Wer auf einen Einbruch in der neuen Saison gehofft hatte, wurde fürs Erste enttäuscht. Und mit Thiago könnte Liverpool künftig sogar noch besser sein.