Am 10. September 2013 wird das mächtigste Amt des Weltsports vergeben. Favorit auf die Präsidentschaft des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ist ein Deutscher. Es war Thomas Bach, amtierender IOC-Vizepräsident, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und FDP-Mitglied, offenbar wichtig, als erster seine Kandidatur zu verkünden. Am 6. Juni ist Meldeschluss. Bach, 59, hat ein Zeichen gesetzt. Er ist ein olympisches Schwergewicht. Und er wird bei der Wahl auf der IOC-Vollversammlung im September in Buenos Aires auf jeden Fall besser abschneiden, als der bisher einzige deutsche Präsidentschaftskandidat: Willi Daume unterlag 1980 in Moskau, als die Bundesrepublik die Sommerspiele boykottierte, mit gerade einmal fünf Stimmen gegen Juan Antonio Samaranch aus Spanien.

Daume und Samaranch haben Bach stets gefördert. Bachs Karriere war früh auf die Präsidentschaft ausgerichtet. Seit dem Olympischen Kongress 1981 in Baden-Baden, spätestens aber seit Daume für Bach 1991 den Platz im IOC freimachte, wurde er als ernsthafter Präsidentschaftskandidat gehandelt. Bach aber hat stets verneint, derlei Ambitionen zu hegen, was in der Branche nur müdes Lächeln auslöste. Überraschend an der Verkündung ist nun allein die Hektik der vergangenen Tage. Da wirkte einiges improvisiert.

Alles ist interessengeleitet

Bach hatte zuvor sämtliche IOC-Mitglieder persönlich angeschrieben. Dem DOSB-Präsidium verkündete er es per Telefonschaltkonferenz. Am Donnerstagmorgen berief der DOSB flink eine Pressekonferenz ein. Man werde „ein Statement betreffend des Prozederes der Wahl eines neuen IOC-Präsidenten abgeben“, hieß es in der Einladung in schlimmstem Bürokratendeutsch. Die Botschaft des DOSB, verlesen vom Generaldirektor Michael Vesper (Bündnis 90/Die Grünen), lautete, Bachs Kandidatur sei eine Kandidatur im nationalen Interesse – eine Kandidatur für den gesamten deutschen Sport. Politiker der Koalition, ob Bundeskanzlerin oder Sportminister, versicherten Sympathie und Unterstützung.

Ob sich die Kandidatur aber mit dem aussichtsreichen Projekt einer Münchner Bewerbung für die Winterspiele 2022 verträgt, ist eine seit Langem diskutierte Frage. Lassen sich private olympische Interessen eines Wirtschaftslobbyisten wie Bach tatsächlich mit nationalen Interessen verbinden? „Ja“, sagt Bach. Seine Wahl könne die Münchner Ambitionen befruchten.

Die meisten der Lobhudeleien aus dem Sportbusiness sind mit größter Vorsicht zu genießen, denn eines ist klar: Nicht nur Sportfunktionäre, auch Medienschaffende und Marketender erhoffen sich vom IOC-Aufstieg Bachs diverse Vorteile. Posten, Ämter, Jobs, Tagegelder. Alles ist interessengeleitet.

Vesper zum Beispiel will, wenn Bach IOC-Präsident wird, erster voll bezahlter DOSB-Präsident werden. Zum Thema Geld sagte Bach wiederum: Er würde den IOC-Vorstandsjob als Ehrenamtler ausüben und nicht als entlohnter Präsident, wie es der scheidende IOC-Boss Jacques Rogge angeregt hat.

Kein anderer Deutscher beherrscht das IOC-Vokabular so wie Thomas Bach. Er stellt seine Kandidatur unter das Motto „Einheit in Vielfalt“. Was er darunter versteht, will er im Juni in Form eines Manifests erklären – erst nach Gesprächen mit seinen Kollegen. Genau das will man im IOC hören. Kritische Kommentare zur Leistung des seit 2001 amtierenden Belgiers Rogge wird Bach genauso wenig abgeben, wie Einschätzungen zu möglichen Konkurrenten. Präzise betrachtet sind derlei Aussagen sogar verboten. Ein vierseitiges Papier der IOC-Ethikkommission aus dem Dezember 2011 untersagt solche Kommentare ausdrücklich. Öffentliche Debatten, etwa TV-Diskussionsrunden, sind ebenfalls verboten.

Bubka in der Warteschleife

In der Parallelgesellschaft IOC gelten andere Regeln – dieser Wahlkampf ist nicht mit politischen Wahlkämpfen zu verwechseln, wo sich die Kombattanten öffentlich stellen müssen. „Das läuft anders“, sagte Bach in einer internationalen Telefonkonferenz: „Die IOC-Mitglieder kennen alle Kandidaten sehr gut, sie wissen, wofür sie stehen, was sie für die olympische Bewegung geleistet haben und wie sie denken.“ Bach erklärte, er habe die Entscheidung erst vor einigen Tagen getroffen. Da nun etliche wichtige olympische Meetings anstehen, habe er Klarheit schaffen wollen, um seinen Kollegen „offen und transparent“ zu begegnen. Nun sei er erleichtert und freue sich „auf einen fairen Wettkampf“. Wie immer im Ringe-Business wird dieser Wettkampf in den Hinterzimmern der Macht entschieden.

Derzeit spricht alles für Bach. Leute wie Richard Carrion (Puerto Rico) oder der Schweizer Denis Oswald sind Außenseiter. Potenzielle Kandidaten wie die Olympiasieger Nawal El Moutawakel (Marokko) oder Sergej Bubka (Ukraine) sind zu jung und gehen noch einen Zyklus in die Warteschleife. Auch Bach war 2001 schlau genug, nicht gegen Rogge & Co zu kandidieren. Nun ist seine Zeit gekommen.