Der Tränenpalast hat für Thomas Kroenert eine besondere Bedeutung.
Foto: camcop media / Andreas Klug

BerlinHektisches Treiben am S- und U-Bahnhof Friedrichstraße. Gehetzte Geschäftsleute und orientierungslose Touristen gehen im Sekundentakt aus dem Gebäude heraus, in das Gebäude hinein. Thomas Kroenert, 56 Jahre alt, bleibt an diesem Oktobertag für einen Moment draußen stehen. Zeit, innezuhalten. Zeit, sich zu erinnern. Er schaut hinüber zum Tränenpalast, einst deutsch-deutscher Grenzübergang oder genauer: Ausreisehalle der Grenzübergangsstelle Bahnhof Friedrichstraße. „Hier habe ich den zweiten Geburtstag meines Lebens gefeiert“, sagt er, und es klingt froh.

Im Tränenpalast verabschiedeten sich einst Großmütter und Großväter, Onkel und Tanten, wenn sie für einen Tag ihre Verwandten im Ostteil der Stadt besucht hatten und dann mit der U-Bahn in den Westen zurückfahren mussten. Hier, im Tränenpalast, bohrte der Schmerz der Teilung besonders arg, hier Menschen weinten gemeinsam, bevor es für einen West-Verwandten in eine enge Passkontrollkabine ging. Hier traten aber auch ausgewählte DDR-Bürger die „ständige Ausreise“ an.

Zwei Jahre auf gepackten Koffern

Thomas Kroenert verbindet eine besondere Reise-Geschichte mit dieser Halle, die gerade angemessen feierlich von der Herbstsonne beschienen wird. Für ihn verkörpert sie nicht nur den Wunsch nach Freiheit. Für ihn, den Mann, der damals Anfang zwanzig war, ist an diesem Mai-Tag im Jahr 1986 ein Traum wahr geworden. Er reiste nicht nur in den Westen. Er reiste auch zu seiner Hertha.

Ein Beweis, wie stark die Fan-Freundschaft zwischen Hertha und Union einst war.
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Die Familie Kroenert hatte damals, vor mehr als dreißig Jahren, eine Ausreise-Genehmigung erhalten, um aus der DDR „rüberzumachen“ in den Westen. Am 2. Mai 1986 war es so weit. Mit seinen Eltern und seinem Bruder Michael siedelte Kroenert von Weißensee im Ostteil der Stadt nach West-Berlin um.

Jahrelang war er zum 1. FC Union nach Köpenick gegangen, um Fußball zu schauen. Dabei war er doch seit dem elften Lebensjahr Hertha-Fan – und das im Osten. Jetzt würde sich alles ändern. Endlich würde er seinen Verein besuchen, sein Team anfeuern können. Das war die Hauptsache in diesem Frühling 1986. Sein Traum vom Glück.

In den ersten Monaten des Jahres 1986 hatten sich die Katastrophen und die Sensationen in schneller Frequenz aneinandergereiht. Im Januar kam es zun Challenger-Unglück, 73 Sekunden nach dem Start brach die Raumfähre in 15 Kilometer Höhe auseinander. Alle sieben Astronauten starben. Die US-Amerikaner und nicht nur sie erfuhren mit aller Brutalität, dass das Streben nach dem „Schneller, höher, weiter“ tödlich enden kann. Im Februar dann verkündete Michael Gorbatschow auf dem 27. Parteitag der KPdSU Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umstrukturierung) in der Sowjetunion.

Jahr der Katastrophen

Im April reiste Gorbatschow zum SED-Parteitag nach Ost-Berlin und mahnte die deutschen Genossen, mehr Selbstkritik zu betreiben. Als Gorbatschow wieder in Moskau war, ereignete sich die nächste Katastrophe: Es war der Super-GAU im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl. Und in der Bundesrepublik waren zwei Millionen Menschen erwerbslos.

„Um Arbeit habe ich mir keine Sorgen gemacht, als wir ausgereist sind. Ich war Lkw-Fahrer, und die werden immer und überall gebraucht“, sagt Kroenert heute.

Als er den Tränenpalast jetzt wieder betritt, wird er am Eingang von einer freundlichen Frau mit diesen zwei Sätzen begrüßt: „Der Eintritt ist frei. Aber den Rucksack müssen Sie abgeben.“ Wie sich die Zeiten ändern.

33 Jahre und fünf Monate zuvor hat für den Hertha-Fan und seine Verwandten einen neues Leben begonnen. „Wir haben am 10. April 1984 den Ausreiseantrag im Rahmen der Familienzusammenführung gestellt. Meine Oma lebte seit 1980 in Reinickendorf. Zwei Jahre lang saßen wir quasi auf gepackten Koffern. Alles wurde nach und nach verkauft. Am 28. April 1986 kam dann das Schreiben: Ständige Ausreise genehmigt, Sie haben fünf Tage Zeit, die DDR zu verlassen.“

Fünf Tage – andere Menschen würden in Panik geraten, weil so viel zu organisieren ist. Und zugleich sentimental werden, weil ein altes Leben mit Freunden, Bekannten und natürlich den Kumpels aus der Fankurve zwar geplant und doch abrupt beendet wird.

Liebe zur Hertha

Thomas Kroenert hat in diesen 120 Stunden keinen Gedanken daran verschwendet. Die Liebe zum Fußball war zu stark. Und die zur Hertha. Wie es zu dieser Anhänglichkeit gekommen ist? „Mit elf Jahren bekam ich ein Kicker-Sonderheft in die Hand. Irgendjemand hatte es über die Grenze geschmuggelt“, erzählt Kroenert. „Ich schaute mir alle Mannschaften an. Und dann sah ich es: Hertha BSC, gegründet am 25. Juli 1892. Ich dachte nur: 25. Juli, das ist mein Geburtstag. Von diesem Tag war Hertha mein Verein. Woche für Woche habe ich Westradio gehört, die Sportschau geguckt und mitgefiebert.“

Am Tränenpalast kommen bei Thomas Kroenert die Erinnerungen hoch.
Foto: camcop media / Andreas Klug

Doch das alleine reichte nicht lange. Der Teenie aus Weißensee wollte Stadionatmosphäre erleben. Drei Jahre später war es soweit. „Ein paar Freunde hatten mir erzählt, dass beim 1. FC Union viele Hertha-Fans aus dem Ostteil der Stadt sind, um Fußball zu schauen. Ich ging mit und war danach fast immer an der Alten Försterei. Wir hatten auch einen Fan-Klub gegründet, die Union-Löwen. Die Fahne habe ich an diesem 2. Mai 1986 in meinem Koffer gesteckt und nach West-Berlin mitgenommen.“

Ein Fan-Utensil im Ausreisegepäck – der Fußballbegeisterte konnte es nicht lassen. Auch nicht den letzten Besuch an der Försterei am 30. April, zwei Tage vor dem Abschied aus dem Osten. „Union hatte das FDGB-Pokal-Halbfinal-Hinspiel. Da musste ich doch noch hin. 1:2 gegen Dynamo Dresden, das Rückspiel wurde sensationell in Dresden gewonnen. Da war ich schon im Westen. Die meisten Kumpels im Stadion haben sich an diesen Tag mit mir über meine bevorstehende Ausreise gefreut und beglückwünscht. Nur ein paar wenige waren neidisch“, erinnert er sich.

Museale Passkontrolle im heutigen Tränenpalast. Kroenert schaut sich die lebensgroßen Fotos der Grenzpolizisten von damals an. „Ich habe mich in der DDR als Mensch immer fremd gefühlt. Ähnlich müssen sich auch Männer in Frauenkörpern fühlen oder Frauen in Männerkörpern. Mit 13 Jahren hatte ich den Wunsch, Arzt zu werden. Da hat man mir erklärt, dass ich mindestens drei Jahre zur NVA müsse, um studieren zu dürfen. Da hatte ich mit diesem Staat abgeschlossen. Aber Flucht über die Mauer? Nein, dazu war ich viel zu feige.“

Damals ging es nach der Passkontrolle, bei der er seine Ausreise-Dokument vorzeigen musste, ein paar Schritte die Treppe herunter zur U-Bahn-Linie 6. Zwei Stationen rumpelte die Bahn dann durch die verriegelten Bahnhöfe Französische Straße und Stadtmitte, dann waren die Kroenerts im Westen.

Ziel der Sehnsucht

In den ersten 24 Stunden ging es dort ums Ankommen, darum, einen Schlafplatz für jedes Familienmitglied zu finden. „Eine Nacht haben wir im Auffanglager Marienfelde übernachtet. Danach sind meine Eltern zunächst zu meiner Oma gezogen. Mein Bruder kam bei einem Freund in Neukölln unter und ich in Moabit in der Perleberger Straße“, berichtet Kroenert. Weitere 24 Stunden später war er endgültig am Ziel seiner Sehnsucht – im Olympiastadion.

Goldener Westen in Westend? Keine Spur davon. Sein erstes Spiel endete im Frust. „Hertha war im Abstiegskampf in der Zweiten Liga, ein Heimsieg musste am 37. Spieltag gegen den SC Freiburg her. Wir spielten nur 1:1, eine Woche später war Hertha nach einem 0:2 in Aachen drittklassig. Für den Verein war es die absolute Katastrophe – Berliner Oberliga, zwei Jahre lang. Für mich persönlich war es aber ein Glücksfall. Nur noch der ganz harte Kern an Fans hielt zu dieser Zeit Hertha die Treue. Es war familiär, und ich bekam sofort Anschluss und fand neue Freunde.“

Von Union konnte er sich im Sommer 1986 nicht ganz trennen. „Die Eisernen spielten im Intertoto-Cup in Lausanne und bei Bayer Uerdingen. Ich bin mit ein paar Kumpels in die Schweiz gefahren. Im Stadion hat mich dann der Stürmer Leo Seier gesehen und erkannt. Er kam aus dem Staunen nicht heraus und fragte nur: Wie kommst du denn hierher? Ich habe ihm dann erzählt, dass ich in den Westen ausgereist bin.“

Seier spielte bis 1991 noch für Union. Auch Kroenert ging in der Nachwendezeit manchmal zu Union. Und sagt: „Die Stimmung war nicht mehr dieselbe wie früher. Die Menschen hatten andere Sorgen. Union spielte unterklassig und hatte kein Geld. Ganz ehrlich: Es wurde mir damals zu viel gejammert. Das hat mir nicht mehr gefallen. Und dann wurde aus der Fanfreundschaft langsam Feindschaft. Hertha war bei Unionern der Stasi-Verein, weil Bernd Stange (1995 enttarnt als IM, d. Red.) erst als Trainer und später als Sportdirektor verpflichtet wurde.“

Das ist 14 Jahre her. Union hat sich nach oben gekämpft und ist jetzt wie Hertha ein Bundesliga-Verein. Hertha-Fan Kroenert hat Sympathie für die Köpenicker Kicker. Er sagt aber auch: „Der Hype um Union ist zu viel.“ Beim Derby am Sonnabend in der Försterei wird er im blau-weißen Gästeblock dabei sein: „Ich hoffe, dass wir gewinnen!“

Nach dem Abpfiff geht es zurück in den Westteil der Stadt – ohne Mauer, ohne Ausreisegenehmigung, einfach so.