Staffellauf mit Sternchen: Thomas Poller, Vorsitzender der Deutschen Schulsportstiftung und das Maskottchen von „Jugend trainiert“.
Foto: Jürgen Engler

BerlinViele kennen den Spruch: „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“ aus der Schulzeit. Ziel ist das Bundesfinale. So ist es bisher bei „Jugend trainiert für Olympia und Paralympics“ gewesen, dem größten Schulsport-Wettbewerb der Welt, an dem jährlich 800.000 Schüler teilnehmen. Corona hat „Jugend trainiert“ 2020 ausgebremst. Um auf die Bedeutung von Schulsport und Wettbewerb hinzuweisen, hat sich die Deutsche Schulsportstiftung, die seit Montag in Thomas Poller einen neuen Vorstandsvorsitzenden hat, etwas ausgedacht.

Berliner Zeitung: Herr Poller, so wenig „Jugend trainiert für Olympia“ wie in diesem Jahr gab es in den vergangenen 51 Jahren nicht, oder?

Thomas Poller: Wir hatten mit dem 50. Jubiläum von „Jugend trainiert für Olympia“ im vergangenen Jahr sehr viel Erfolg und Freude und durch den Besuch des Bundespräsidenten im Berliner Olympiastadion eine tolle Öffentlichkeit. Wir waren in ganz Deutschland mit der Bustour an 20 Orten unterwegs und wollten diese Tour in diesem Jahr mit weiteren 30 Orten fortsetzen. Aus einem Hoch sind wir direkt in die Corona-Sache gefallen. Die trifft sehr hart, weil der Gesundheitsschutz natürlich im Mittelpunkt steht. Das gilt für Kinder und Jugendliche doppelt. Und da kann man nicht sagen, man versucht, bei einem Bundesfinale von „Jugend trainiert für Olympia“ mit einem Hygienekonzept zu retten, was zu retten ist, weil der Wettbewerb ja auf einer sehr regionalen Schulebene beginnt. Wir haben 16 Länder mit 16 länderspezifischen Maßnahmen zum Gesundheitsschutz. Das ist schon ein ganz schwieriges Jahr.

Sie haben zuletzt die Bundesfinals von „Jugend trainiert“ organisiert?

Ich trage seit 1991 Verantwortung für den Schulsport im Land Berlin und war von 2002 bis 2018 Organisationsleiter der Bundesfinalveranstaltungen „Jugend trainiert für Olympia und Paralympics“. Ich hätte nicht gedacht, dass „Jugend trainiert“ mal so zum Erliegen kommt. Es betrifft ja auch insgesamt den Schulsport.

Foto: Jürgen Engler
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Zur Person: Thomas Poller (l.) wurde am Montag zum Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Schulsportstiftung gewählt. Der 67-Jährige aus dem Erzgebirge war bis 2018 Schulsportreferent im Land Berlin und trug von 2002 bis 2018 die Verantwortung für das Bundesfinale des Schulsportwettbewerbs „Jugend trainiert für Olympia und Paralympics“. In der Deutschen Schulsportstiftung übernimmt der frühere Leichtathlet das Amt von Thomas Härtel (r.), dem Präsidenten des Berliner Landessportbundes. Zum Aktionstag: Unterstützt wird der Aktionstag der Deutschen Schulsportstiftung von den Kultusministerien der Länder, den an „Jugend trainiert“ beteiligten Sportverbänden und vom Deutschen Sportlehrerverband. Am Aktionstag gibt es hochwertige Preise zu gewinnen, 91 Berliner und Brandenburger Schulen nehmen daran teil.

Also hat sich die Deutsche Schulsportstiftung etwas ausgedacht?

Es muss ein Anliegen sein, aufzurütteln, nachzudenken, wie man Schulsport sicherer machen kann. Das ist schwierig. Es hängt mit den Sporthallen zusammen, mit der Lüftung. Man hat das gleiche Problem, wie es an den Schulen diskutiert wird. Wir haben gesagt: Na, dann lasst doch die Schulen überlegen. Das macht den Aktionstag „Jugend trainiert – gemeinsam bewegen“ aus, an dem sich bundesweit fast 1300 Schulen beteiligen. Wir haben nichts vorgegeben. Ich glaube, das ist die Zukunft, ein neuer Ansatz, dass man sagt: Wir wollen Schulen motivieren, ihren Schülerinnen und Schülern vielfältige schulsportliche Angebote zu machen und über das gemeinsame Sporttreiben in den Wettbewerb „Jugend trainiert“ einzutreten und dabei auch sportliche Talente zu finden. In erster Linie geht es darum, Schüler mit und ohne Behinderung für einen lebenslangen Sport zu begeistern. Schulsport sollte ein zentraler Baustein einer zeitgemäßen Schulkultur sein – auch in Zeiten von Corona.

Der Aktionstag an diesem Mittwoch soll helfen, dass Schulen, Eltern, die Öffentlichkeit die Bedeutung des Schulsports erkennen?

Sie erinnern sich an die Pisa-Studie? Da hat alles über Mathematik, Englisch, die Sprachen gesprochen. Aber Bewegung an Schulen spielte gar keine Rolle. Genauso ist es jetzt auch in der Corona-Zeit: Man spricht über die Tablets, die angeschafft werden, über Homeschooling. Aber man vergisst, dass ein so elementares Bewegungsbedürfnis von Kindern nicht vernachlässigt werden kann. Bewegung hat durchaus etwas mit den anderen Unterrichtsfächern zu tun. Und das kann man nicht damit abtun, dass sich die Kinder halt am Nachmittag mit den Eltern bewegen sollen. Ich als passionierter Läufer sehe zwar Kinder mit ihren Eltern joggen. Aber man muss doch alle Kinder erreichen. Wie in anderen Fächern eben auch diejenigen, die keine Eltern haben, die sie motivieren.

Als Homeschooling angesagt war, sind an vielen Schulen die Fächer Kunst, Sport und Musik völlig ausgefallen.

Kunst, Musik und Sport treffen sich immer. Sport hat in der Regel noch den Vorteil, bundesweit drei Unterrichtsstunden zu haben. Es ist ja nachgewiesen: Lernen und Sport gehören zusammen. Es sind durchaus kognitive Fähigkeiten, die durch Bewegung beeinflusst werden. Das ist nicht das Credo eines Berufsstandes, darüber gibt es wissenschaftliche Untersuchungen. In Corona-Zeiten ist nun die Frage: Wie mache ich den Schulsport sicher?

Wie ist es mit dem Schulsport in Berlin?

In Berlin findet der Sportunterreicht statt. Im Vereinssport existiert das Riesenproblem der Nutzung der Umkleidekabinen. In der Schule würde es ohne Umziehen in Kabinen gar nicht funktionieren, wenn da nur sechs Kinder in die Kabine dürften. Also macht es einen schon nachdenklich, warum nach 16 Uhr, wenn die Schule nicht mehr verantwortlich ist, die Nutzung der Kabinen nicht mehr möglich sein soll. Berlin ist rührig. Das zeigt das Ferienprogramm Schulschwimmen. Aber ich weiß, dass Berlin 825 Schulen hat und dass die Motivation von allen Schulen schwierig ist. Da kommt es eben auf das Engagement der Lehrer oder der Schulleitung oder der Haltung zum Schulsport an. Dort, wo eine Schulleitung mit seinen Sportlehrkräften dahintersteht, passiert etwas. Aber es gibt auch Schulen, wo ich mir mehr Engagement für den Schulsport und „Jugend trainiert“ wünschen würde. Deutschlandweit ist Berlin im Vergleich eher gut aufgestellt. Da erreichen uns ganz andere Nachrichten von Schulen, in denen Schulsport noch gar nicht möglich ist.

Weshalb ist dort Schulsport nicht möglich?

Das hängt mit den Strukturen zusammen. Bei uns in Berlin liegt die Trägerschaft der Sporthallen in den Bezirken. Es gibt die Hygieneverordnung Berlins. Aber man hat noch mal die zwölf Bezirke, die bestimmte Dinge unterschiedlich interpretieren und handhaben. So ist das teilweise auch in den Ländern. Da gibt es Verwaltungsbezirke und Regierungsbezirke, die Träger der Sportanlagen sind.

Sport-AGs am Nachmittag finden derzeit kaum statt.

Viele Schulen haben ihr Hygienekonzept auf dem Klassen- beziehungsweise Jahrgangsprinzip aufgebaut. Das hindert AGs oder Vereinskooperationen, die natürlich jahrgangsübergreifend sind, daran, stattzufinden. Vereine sind gar nicht darauf vorbereitet, so viele Übungsleiter bereitzustellen, um das durchzuhalten. Das ist ein großes Problem.

Die Kooperationen mit den Vereinen sind zum Erliegen gekommen.

Man muss Konzepte finden mit den Vereinen. Das Verrückte ist ja: Die Kinder gehen um 16 Uhr nach Hause. Wenn sie danach Vereinstraining haben und sich dort wiedersehen, sind sie gemischt. Es gibt Schulen, die versuchen, ihre Konzepte jahrgangsübergreifend zu machen: Sekundarstufe eins, Sekundarstufe zwei. In Berlin und Brandenburg ist es an Grundschulen mit sechs Jahrgangsstufen schwierig. Die anderen Bundesländer haben es hier einfacher mit vier Jahrgängen.

Kann der Aktionstag am Mittwoch beispielgebend sein?

Bundesweit sind 235.000 Schüler beteiligt. Wo gibt es das? Das ist ein Bekenntnis zum Schulsport und zum Wettbewerb. Und das finde ich gut. Das ist ein erster, kleiner Schritt, aus diesen Einschränkungen heraus Öffentlichkeit zu erreichen, auch in Richtung der Eltern. Oft spielt da Sport im Vergleich zu Englisch oder Mathematik nicht so die Rolle. Wenn der Mathelehrer fehlt, wird schnell diskutiert. Wenn der Sportunterricht ausfällt, dann ist es eben so.

Das Gespräch führte Karin Bühler.