Er hat diesen Schmerz nicht zum ersten Mal gefühlt. Er kennt dieses Gefühl aus seiner langen Karriere als Profispieler, wenn die Überlegenheit auf dem Fußballplatz groß ist, aber nur eine knappe 1:0-Führung herausspringt, die man trotz guter Chancen nicht erhöhen kann – und dann trifft der Gegner zum Ausgleich. Wie am Sonntagnachmittag im Jahnsportpark, als Regionalligist BFC Dynamo gegen Mitaufsteiger Budissa Bautzen nur ein 1:1 (1:0) zustande brachte. „Es tut noch weh“, sagte BFC-Trainer Thomas Stratos am Tag danach. „Es war sehr einseitig, wir haben es im Angriff einfach nicht ordentlich zu Ende gespielt.“

In seinen drei Wochen bei Dynamo hat Stratos sehr schnell lernen müssen, dass seine Mannschaft momentan vor allem die eigentliche Quintessenz des Fußballspiels sträflich vernachlässigt: das Toreschießen. In seiner ersten Pflichtpartie auf der Dynamo-Bank langte es vor zwei Wochen in Neustrelitz nur zu einem 0:0, schon in den vier Duellen zuvor war die Mannschaft jeweils ohne eigenen Torerfolg vom Platz geschlichen.

Diese Flaute sorgt nun dafür, dass die erste Euphorie wieder verflogen ist. Als sich der BFC bis in den Frühherbst hinein in der Nähe der Aufstiegsränge tummelte, schwadronierten die ersten Tagträumer vom Durchmarsch in die Dritte Liga. Nun hängt der BFC im Mittelmaß fest: siebter Tabellenplatz, elf Punkte Abstand zu einem Aufstiegsrang, neun zur Abstiegszone. Stratos sagt: „Wir arbeiten sehr gut, bekommen auch einige Chancen. Jetzt müssen wir uns nur noch belohnen.“ Wenn’s denn mal so einfach wäre.

Da der Aufstieg mittlerweile außer Reichweite geraten ist, denkt der Chefcoach nicht mehr in Wochen, sondern bereits in Jahren. Stratos will diese Saison nutzen, um den Grundstein für eine erfolgreiche kommende Spielzeit zu legen. „Es ist gut, wenn man im Umfeld offensiv denkt“, sagt der 48-Jährige. „Aber es geht darum, dass wir jetzt vernünftig weiterspielen. Und uns im Sommer so verbessern, dass wir die Möglichkeit haben, konstant oben dabei zu sein.“

Um seinen ambitionierten Plan umsetzen zu können, hat Stratos schon die Schwachstellen ausgemacht, die er flugs beheben muss. Zwar sei er mit den vorgefundenen Bedingungen zufrieden, sagt er, aber auf dem Fußballplatz, da müsse er nachjustieren. Stratos will den Spielern zunehmend sein System einbimsen, das vor allem eine größere Handlungsschnelligkeit vorsieht. „Wir wollen es hinbekommen, dass sich alle miteinander bewegen und jeder weiß, was der andere macht“, sagt Stratos. „Wir müssen noch besser die Möglichkeiten erkennen, die uns der Gegner durch Fehler gibt.“ Der Deutsch-Grieche favorisiert das schnelle, offensive Spiel, er gewinnt lieber 3:2 als 1:0. Es liegt noch viel Arbeit vor ihm.

Persönlicher Lackmustest

Doch dass er mit seiner Spielidee erfolgreich sein kann, hat er in der Vergangenheit schon bewiesen. So führte er in der zurückliegenden Saison den Drittligisten Jahn Regensburg zum frühzeitigen Klassenerhalt. Trotzdem erhielt Stratos zum Unverständnis vieler keine Vertragsverlängerung angeboten. Im Umfeld heißt es, dass der Geschäftsführer Christian Keller Stratos die Teamentwicklung nicht mehr zutraute, das Verhältnis zwischen beiden zerrüttet war. Das sorgt noch immer für Unruhe, gerade jetzt, da Jahn Tabellenletzter ist und Stratos’ Nachfolger Alexander Schmidt entlassen wurde.

Für Stratos gerät die Aufgabe beim BFC Dynamo nun zu seinem persönlichen Lackmustest. Es wird sich zeigen, ob der Erfolg in Regensburg ein einmaliger Effekt war oder ob er konstant einer Mannschaft das in ihr steckende Potenzial entlocken kann. Das Vertrauen von höherklassigen Vereinen in seine Fähigkeiten scheint indes noch nicht allzu groß zu sein, denn nach seinem Abgang in Regensburg wartete er zunächst vergeblich auf eine neue Aufgabe.

Stratos erklärt das damit, dass offiziell erst im vorigen April sein Abschied aus Regensburg feststand. Dass er zudem bis 2012 brauchte, um die Fußballlehrerlizenz zu erhalten, verdarb ihm wohl 2011 die Chance auf eine Aufgabe in der Zweiten Liga. Es heißt, sein ehemaliger Profiverein Arminia Bielefeld soll interessiert gewesen sein. Empfohlen hatte sich Stratos mit seiner Arbeit beim ostwestfälischen Provinzklub SC Wiedenbrück. Den hatte er von der sechsten in die vierte Liga gehievt.