Hat Probleme mit dem Sportdirektor von PSG: Thomas Tuchel.
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BerlinDer Vertrag von Thomas Tuchel mit Paris Saint-Germain - viel ist darüber schon geschrieben, geredet und spekuliert worden. Doch seit vergangenen Freitag darf immerhin ein Detail als gesichert gelten: Der Vertrag enthält keine Klausel, die dem Trainer riskante sportliche Betätigungen verbietet. Die führten jetzt nämlich dazu, dass sich Tuchel den linken Knöchel verstauchte und einen Mittelfußknochen brach. Das teilte sein Arbeitgeber mit. Von Sanktionen war nicht die Rede.

Möglicherweise wird Leonardo Nascimento de Araújo bereut haben, dass er auf einen solchen Passus verzichtete. Denn der Pariser Sportdirektor will Tuchel loswerden. Zumindest berichten französische Medien seit Wochen mit einer Hartnäckigkeit darüber, dass es sich wohl um die Wahrheit handeln muss. Massimo Allegri ist demnach Leonardos Mann der Zukunft. Die könnte für den ehemaligen Trainer von Juventus Turin umso schneller anbrechen, wenn Thomas Tuchel an diesem Mittwoch mit seinem Team im Viertelfinale der Champions League an Atalanta Bergamo scheitert.  

Zwar ist hinlänglich bekannt, dass Tuchels Vertrag noch bis zum Sommer des kommenden Jahres läuft, dass dies im Profifußball nichts zu sagen hat, allerdings ebenfalls. Tuchel steht unter enormem Erfolgsdruck, wenn im Estadio da Luz in Lissabon der Ball rollt, einerseits. Andererseits hat er sich daran gewöhnen können in den zurückliegenden zwei Jahren bei dem fürstlich alimentierten Klub. „Für mich ist dieses Viertelfinale ein Geschenk“, behauptet Tuchel jedenfalls im vereinseigenen PSG TV. „Wir werden ein Viertelfinale bestreiten, wir sind unter den letzten Acht. Wir haben eine sehr starke Mannschaft beisammen, wir haben schon vier Titel in dieser Saison gewonnen, und ich bin sehr glücklich, Coach von Paris zu sein.“

Tatsächlich hat Saint-Germain nach dem Saisonabbruch die französische Meisterschaft, zudem den französischen Pokal, den französischen Liga-Pokal und den französischen Superpokal gewonnen. Was die katarischen Superinvestoren allerdings wirklich interessiert, ist die europäische Krone des Fußballs, der Titel in der Champions League. Sie haben inzwischen sieben Anläufe finanziert, die alle vorzeitig im Viertelfinale endeten.

Die Reporter der Sporttageszeitung L’Équipe registrierten bei Tuchel in den vergangenen Tagen dann auch eine gewisse Nervosität. Sie beobachteten das Verhalten des Trainers während der abendlichen Übungseinheiten, am Sonntag etwa, als der im Pokalfinale übel gefoulte, schwer lädierte Kylian Mbappé mit der Mannschaft nun erstmals wieder eine komplette Einheit bestritt. Die Reporter gelangten offenbar außerdem an vertrauliche Details eines möglichen Auflösungsvertrages. L’Équipe jedenfalls berichtete von 15 Millionen Euro, die als Abfindung bereitstünden.

Das Blatt hatte seinen Lesern zuvor schon mitgeteilt, dass Tuchel im Falle eines vorzeitigen Ausscheidens in Paris ein Sabbatjahr einlege, wie seinerzeit zwischen seinen Engagements bei den Bundesligisten in Mainz und Dortmund. Der Trainer sei auch deshalb angefressen, weil Leonardo angeblich ohne sein Wissen Teamarzt Laurent Aumont entließ, ein enger Vertrauter des Deutschen.

Als weiteren Hinweis für eine zerstörte Arbeitsgrundlage werteten französische Medien den Umstand, dass Leonardo Torjäger Mauro Icardi, von Inter Mailand ausgeliehen, fest unter Vertrag nahm. Tuchel soll dies ganz und gar nicht goutiert haben. Der Trainer und der Argentinier waren unlängst aneinandergeraten, weil Ersterer im Spiel gegen Borussia Dortmund Letzteren nicht in die Startelf gestellt hatte.

Tuchels Kapitän Thiago Silva, als Chef der Abwehr gesetzt und als verdienter Akteur an sieben Pariser Meistertiteln beteiligt, muss ebenso gehen wie Edison Cavani, der Rekordtorschütze des Klubs mit 200 Treffern in 301 Spielen. Weil Leonardo es so will.

Um nun die Gemengelage noch undurchsichtiger zu machen, zitierte L’Équipe in einer späteren Ausgabe einen Informanten aus dem Umfeld des Managements, der über Tuchel zu wissen glaubte: „Er wird kommende Saison hier sein. Es sei denn, er selbst will gehen. Was er in dieser Saison erreicht hat, hat seine Position gestärkt, und es gibt keinen Grund, sich von ihm zu trennen.“

Wie es aussieht, könnte sich der Vorlauf des Duells gegen Atalanta aufregender gestaltet haben, als dies die Partie selbst zu schaffen vermag. In einem fremden Stadion ohne die Unterstützung der Fans, ungewöhnlich, wie Tuchel zwar sagt, aber: „Wir sind bereit, denn wir haben zwei Pokalendspiele in Frankreich bestritten, um uns vorzubereiten. Davon eines mit Verlängerung und Elfmeterschießen. Am Ende bereiten wir uns auf dieses Match vor wie auf jedes andere Match.“

Und Atalantas Trainer Gian Piero Gasperini? Der hält sich natürlich aus alldem raus, auch wenn er vor der Begegnung einen Wunsch äußerte: „Ich hoffe, er wird nicht auf dem Platz stehen.“ Der Italiener meinte nicht den Kollegen Thomas Tuchel. Er sprach von dessen bestem Torjäger, von Kylian Mbappé.