Der deutsche Fußball hört auf die Ratschläge von Arzt Tim Meyer.
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Frankfurt am MainAuf den Tag genau kann Tim Meyer gar nicht mehr sagen, wann er das erste Mal vom neuartigen Coronavirus erfuhr. „Wenn ich mich recht erinnere, habe ich kurz vor dem Jahreswechsel im Urlaub das erste Mal davon gehört. Aber zunächst schien unklar, ob eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung möglich ist. Für mich war das zunächst nur eine Infektionsmeldung, wie man sie gelegentlich hört.“

Das sagte der Professor der Sport- und Präventivmedizin an der Universität des Saarlandes am 1. März, als der Erreger begann, sich auch in Deutschland zu verbreiten. In jener Phase stimmte sich die Medizinische Kommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) darüber ab, welche Auslandsreisen den DFB-Mitarbeitern oder Auswahlmannschaften gestattet werden können. Als letztes Team jettete – nach Meyers Einverständnis – die Frauen-Nationalmannschaft zum Algarve Cup an die portugiesische Atlantikküste. Covid-19 war in jener Region noch nicht angekommen, aber das Endspiel gegen Italien wurde trotzdem kurzerhand abgesagt, weil der Gegner fürchtete, wegen der Coronakrise nicht mehr zurückzukommen.

Meyer berät die DFL

Inzwischen macht auch Meyer nichts anderes mehr, als das tückische Virus zu bekämpfen: Am 31. März ernannte ihn die Deutsche Fußball-Liga (DFL) zum Leiter jener Task Force Sportmedizin und Sonderspielbetrieb, die die Rahmenbedingungen für eine „medizinisch vertretbare Fortführung des Spiel- und Trainingsbetriebs“ erarbeitet, wie es heißt. Der 52-Jährige ist also der wichtigste Mediziner für den deutschen Profifußball. Auch er arbeitet im Homeoffice, denn auf dem Campus im Saarland läuft nur noch ein Notdienst. „Für mich haben die aktuell im Fußball anstehenden Herausforderungen komplett die frei werdende Zeit aufgefressen“, hat Meyer gesagt.

Über seine inhaltliche Arbeit äußert er sich ansonsten nicht. Verständlicherweise: Es wäre schlimm, wenn die in den Videokonferenzen des vierköpfigen Gremiums ausgeklügelten Konzepte zuvor in der Öffentlichkeit zerredet würden. Womöglich noch von jenen Gesundheitsexperten, die mit Profilneurose von Talkshow zu Talkshow tingeln. In seinen Mitstreitern Prof. Barbara Gärtner (Fachärztin für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie), Dr. Werner Krutsch (Fifa Medical Centre) und Dr. Markus Braun (Mannschaftsarzt Borussia Dortmund und Sprecher der Mannschaftsärzte) kann der langjährige Mediziner der deutschen Nationalelf auf verschwiegene Verbündete zählen. Jene, die ihn über die Fußball-Ebene gut kennen, schätzen seine Ruhe und Klarheit. Der im Saarland beheimatete Australien-Liebhaber nimmt sich und seine Arbeit nicht zu wichtig. Effektivität geht ihm vor Effekthascherei. Gründlichkeit ist bei ihm oberstes Gebot.

Eine Eigenschaft, die zur Vorliebe des ausdauernden Norddeutschen passt, der bei Volksläufen die zehn Kilometer schon mal unter 31 Minuten zurücklegte. Er galt in seiner Nienburger Heimat als passabler Amateurkicker, auch wenn ihm nie die Tür zur Profikarriere offenstand. Seit 2001 gehört er dem Ärzteteam der DFB-Auswahl an. Er hat als junger Arzt miterlebt, wie es im deutschen Fußball unter Teamchef Rudi Völler kräftig rumpelte, ehe Revolutionär Jürgen Klinsmann viel veränderte – auch in seinem Arbeitsbereich. Dass Meyer immer noch eine leitende Position besetzt und von Bundestrainer Joachim Löw als Vertrauensperson geschätzt wird, spricht für ihn.

Warnungen vor der Fußball-WM 2014

Auf die Wichtigkeit der Handhygiene wies er schon hin, als Philipp Lahm und Kollegen zur WM 2014 das Campo Bahia bezogen. „In Brasilien ist die Infektionssituation eine andere als in Deutschland, weil der Körper mit neuen Erregern in Berührung kommt. Also haben wir die Spieler darauf hingewiesen, sich mehrfach am Tag gründlich mit Seife die Hände zu waschen. Und wir haben Desinfektionsmittel verteilt, um ein sichtbares Zeichen zu setzen“, erinnert sich Meyer.

Diesmal werden die Sicherheitsmaßnahmen deutlich drastischer sein, wenn die Bedingungen für die Geisterspiele am Donnerstag auf der nächsten virtuellen DFL-Mitgliederversammlung besprochen werden. Dass vielleicht auch Kameraleute und Balljungen Mundschutz tragen sollen, wäre eigentlich keine Überraschung. Man will ein System präsentieren, das auf die nötige politische und gesellschaftliche Akzeptanz trifft – und auch medizinisch natürlich möglichst wasserdicht ist.

Meyer scheint nicht nur wegen seiner Erfahrungswerte die Idealbesetzung auf einer Schlüsselfunktion. Ob es deswegen funktioniert, die Saison in einer Art virenfreien Sonderzone zu Ende zu bringen, ist trotzdem nicht sicher.