BerlinEin Foul hier, ein Foul dort, ein Fehlpass auf der einen Seite, ein Ballverlust am anderen Ende des Feldes- es gibt sicherlich weniger zerfahrene Phasen in einer Partie, in denen man seine ersten Spielminuten bekommt. Und so hatte man mit Tim Schneider beinahe ein wenig Mitleid, als er nach fast 17 Minuten auf der Bank zu seinem ersten Einsatz am Donnerstagabend  in der Euroleague gegen Fenerbahce Istanbul (89:63) auf das Feld durfte. Es passte ins Bild dieser Schlussphase der ersten Halbzeit, dass auch Schneider nach einem nicht idealen Pass beim Korblegerversuch ziemlich unglücklich aussah, im Anschluss die Kontrolle über seinen Körper verlor und Kontakt mit der Korbanlage aufnahm.

Trainer Aito Garcia Reneses fordert Emergie

Das, was der Trainer sich aktuell von Alba Berlins Flügelspieler wünscht, zeigte er in diesen ersten Einsatzminuten ohne Zweifel. „Aito möchte, dass ich in meiner Spielzeit Energie auf das Feld bringe“, sagt Schneider. Und das tat er. Schneider war in diesen drei Minuten in ziemlich jedem Angriff seiner Mannschaft als Erster unter dem Korb und danach wieder schnell hinten. Trotzdem wirkte diese Phase vor der Pause höchst unglücklich. Gut für das Selbstvertrauen des 23-Jährigen war sie jedenfalls nicht, eher wie ein Spiegelbild des fast abgelaufenen Jahres.

Im Januar musste sich Schneider nach einem Bandscheibenvorfall operieren lassen, konnte den Pokalsieg nur als Zuschauer verfolgen. Selbst das Finalturnier in München, bei dem seine Teamkollegen Deutscher Meister wurde, sah Schneider nur von der Tribüne. „Da ging so ein bisschen der Kontakt verloren, weil man sich nicht sehen durfte“, erzählt der Flügelspieler mit dem weichen Händchen von der Dreierlinie. Das hat er auch in den zurückliegenden Monaten nicht verloren. Gegen Fenerbahce zeigte er das kurz nach dem Seitenwechsel mit einem erfolgreichen Distanzwurf. Drei Punkte für die Seele, drei Punkte auf dem Weg zu alter Form und dem richtigen Rhythmus.

Dass er diese Punkte weiter für Alba Berlin erzielen darf, war eine der wenigen positiven Nachrichten in diesem Jahr. „Die vertragliche Situation war relativ früh Gesprächsthema, weil es absehbar war, dass ich die Saison nicht mehr spielen werde“, erzählt er. Alba wollte das Eigengewächs halten, Schneider wollte bleiben – eine Einigung war nur eine Frage der Zeit und der Umstände in diesem schwierigen Corona-Jahr. „Das war gut für den Kopf, das hat mir auch Zeit und Ruhe gegeben“, sagt er.

Zeit, um sich auf die Reha zu konzentrieren und den Körper nicht zu früh zu stark zu belasten. „Ich hatte eine tolle Behandlung in der Physiotherapie und super Trainingsmöglichkeiten“, sagt er, „ich habe relativ schnell wieder mit Einzeltraining in der Halle angefangen. Nicht intensiv, sondern die Basics. Ein ganz normaler Wurf, ein einfaches Dribbling.“ Das komplette Programm sei ein stetiger Prozess gewesen, wo von Tag zu Tag alles besser wurde. Die neue Saison sollte auch für Tim Schneider ein Neustart werden. Für zwei Jahre hat er bei Alba Berlin im Sommer unterschrieben, auch das war gut für den Kopf.

Sich auf dieser Sicherheit auszuruhen, ist dennoch nicht Schneiders Ding. Sein Leistungsvermögen hat ihn bei Alba Berlin zum Nationalspieler gemacht, der eigene Anspruch ist damit natürlich gewachsen, die Rolle als zehnter Spieler in der Rotation nicht mehr das Ziel. Trotzdem musste er sich zu Beginn dieser Saison erst einmal hintenanstellen, sich Einsatzzeit im Training erarbeiten. Bis zum nächsten Rückschlag: „Unsere Coronafälle haben natürlich alles wieder ein bisschen ausgebremst“, sagt er und spricht er über die zweiwöchige Quarantäne.

Einsamkeit in der Quarantäne

Allein habe er diese Zeit verbracht, nur die Eltern gesehen, wenn die das Essen vor die Tür stellten. „Die zwei Wochen haben sich auf die Trainingssituation und die Form ausgewirkt. Ich merke es nicht nur am Wurf, sondern auch bei der Kondition. Dass ich relativ schnell eine Pause brauche“, sagt er. Mit 13 Spielen im Dezember und den ständigen Reisen aber sei es schwer, an den Defiziten zu arbeiten. „Der Rhythmus muss jetzt halt durch die Spiele kommen, aber man darf nicht vergessen, dem Körper dann auch seine Ruhe zu geben. Es bringt nichts, jeden Tag acht Stunden zu trainieren, in der Hoffnung, dass man dann fitter wird“, so Schneider.

Fast luxuriös wirken die zwei Tage in dieser Woche zwischen dem Spiel gegen Fenerbahce Istanbul und dem Duell mit Bamberg am Sonntag (18 Uhr) in Berlin. Zwei Tage, die Tim Schneider nutzen kann, um seinem Körper die benötigte Regeneration zu geben. Die Bandscheibe wird schließlich immer eine Schwachstelle bleiben. Deshalb macht er jetzt vor jedem Spiel extra Übungen, die alles mobilisieren, um „möglichst gut entgegenzuwirken. Mit Stretching oder extra Krafttraining“, sagt er, „das wird etwas sein, wo immer der Fokus drauf liegen wird.“ Und ganz nebenbei möchte er weiter seine Form finden, damit er vielleicht auch wieder etwas früher auf das Feld darf.