Timo Boll denkt auch mit 39 Jahren noch nicht ans Aufhören.
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BerlinEs gibt ein kleines Geheimnis, das Timo Boll einst selbst lüftete. Es geht dabei um die Reaktionsschnelligkeit, um das sogenannte „dynamische Sehen“, das den mittlerweile 39 Jahre alten siebenmaligen Tischtennis-Europameister im Einzel auszeichnet und eine der Ursachen für seinen unglaublich lang anhaltenden Erfolg ausmacht. Bei Tests, in denen „dynamisches Sehen“, also die Fähigkeit, einen sich schnell bewegenden Gegenstand mit den Augen zu verfolgen, gemessen wurde, lag Boll bei 180 Prozent und mehr über dem durchschnittlichen Wert.

Boll erklärte, dass er im Spiel beim Aufschlag des Gegners den Firmenstempel auf dem kleinen Ball fixiere, um dessen Rotation einzuschätzen und zu kalkulieren, in welchem Winkel er abspringen wird, wenn er im Spielfeld ankommt. Boll sagte auch: „Die Bälle kommen manchmal mit rund 140 km/h oder auch noch schneller an. Und wenn du bei diesen Geschwindigkeiten nicht weißt, wohin der Ball in deiner Hälfte geht, dann fliegt er dir sofort um die Ohren. Im Spitzen-Tischtennis hast du keine Zeit zu reagieren, du musst alles automatisch machen. Und das möglichst richtig.“ Experten haben errechnet, dass Boll und den anderen nur 22 Hundertstelsekunden bleiben, um zu reagieren. Nicht umsonst wird Tischtennis als das schnellste Rückschlagspiel der Welt bezeichnet.

Boll steht auf Platz zehn der Weltrangliste

Boll, der als vier Jahre alter Junge im Keller seines Elternhauses zum ersten Mal an der Tischtennis-Platte stand und vom Vater trainiert wurde, ist ein Naturtalent, das seine unglaublichen Fähigkeiten immer mehr verfeinert und ausgebaut hat. Und das bis zum heutigen Tag.

Im Moment steht der verheiratete Familienvater auf Platz zehn der Weltrangliste des Weltverbands (ITTF). Lediglich fünf Chinesen, ein Japaner, ein Brasilianer, ein Taiwanese und ein Schwede rangieren vor Boll. Diese Weltrangliste ist im Tischtennis so etwas wie das Nonplusultra, eine Platzierung unter den Top 10 oder noch weiter vorn ist für manchen Profi wertvoller als der Gewinn einer Medaille bei einer Europa- oder Weltmeisterschaft. Die Weltrangliste zeigt die Spielstärke der Aktiven an, die sich aus den Resultaten bei offiziellen Wettbewerben errechnet. Dabei geht es ums Prestige und um materielle Dinge. Sponsoren können mit Top-Athleten besser arbeiten und honorieren ihre Stars auch üppiger, wenn diese in der Hitliste weit vorn stehen. Wer dort einmal ganz oben stand, ist im Olymp dieses Sports angekommen und besitzt den höchsten Marktwert.

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Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen.

Boll kann man – wenn man diese Weltrangliste als Maßstab nimmt – ohne jegliche Übertreibung als Phänomen bezeichnen. Das erste Mal erklomm er als 21-Jähriger den Gipfel und hatte im Januar 2003 sämtliche Chinesen, die seit vielen Jahren das internationale Tischtennis beherrschen, hinter sich gelassen. Er stieg zum ersten deutschen Spieler auf, der auf Platz eins thronte. 1969 wurde Eberhard Schöler Vize-Weltmeister und schaffte es immerhin bis auf Rang zwei. Und im August 1992 drang Jörg Roßkopf, 50, der heutige Bundestrainer, bis auf Platz vier vor. Roßkopf steht schon viele Jahre an der Seite von Boll.

Mit 36 Jahren wieder ganz oben

Boll ließ sich 2003 bis zum Monat Mai nicht von der Spitze verdrängen, kam sogar im August und September des gleichen Jahres noch mal auf Rang eins. Dann dauerte es bis Januar 2011, ehe er erneut in die Phalanx der nur schwer zu bezwingenden chinesischen Spieler eindrang und zwei Monate die Konkurrenz von ganz oben grüßte. Und noch einmal sorgte der Linkshänder für Furore und ungläubiges Staunen, als er im Februar 2018 die Weltrangliste erneut anführte. Er war zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre und 356 Tage alt und damit der älteste Spieler, der bislang im so wichtigen Ranking ganz vorn stand. Er löste den schwedischen Olympiasieger Jan-Ove Waldner als „weltbester Oldie“ ab. Damals hatte er ausgerechnet seinen Freund, Konkurrenten und Nationalmannschaftskameraden Dimitrij Ovtcharov, der zuvor zum ersten Mal im „siebten“ Tischtennis-Himmel lebte, abgelöst. Der kraftvolle Athlet hatte zuvor den chinesischen Olympiasieger Ma Long verdrängt. Die Chinesen belegten seinerzeit 81 Monate lang den ersten Rang mit unterschiedlichen Spitzenspielern.

Timo Boll kritisiert aber auch das System der Weltrangliste, das 2018 verändert worden war. „Das begünstigt Vielspieler, die bei beinahe allen wichtigen internationalen Turnieren antreten. Das System gönnt dir keine Pause und nimmt auf Verletzungen keine Rücksicht.“ Wer sich verletzt oder krank wird, kann sehr schnell viele Plätze in der Rangliste verlieren. Die Terminhatz im internationalen Tischtennis-Geschehen ist riesengroß.

Friedhard Teuffel, Direktor des Landessport-Bundes Berlin (LSB), hat Boll einst auf Wettkampfreisen nach China begleitet und ist Autor des Buches über den Spitzenspieler mit dem Titel „Mein China – Eine Reise ins Wunderland des Tischtennis“. Gerade in China gilt Boll als Held und wird verehrt. Dort gehört er zu den bekanntesten und beliebtesten Sportlern aus Deutschland.

In China verehrt

Als Gast spielte er auch oft in der chinesischen Super-Liga, versuchte, die Geheimnisse der Besten zu entschlüsseln und holte sich Wettkampfhärte. Boll sagte mal: „In China herrscht eine brutale Konkurrenz. Dutzende Leute gehören zur absoluten Weltspitze. Die können sich bei großen Titelkämpfen kaum Niederlagen leisten, weil das ganze Land von ihnen Siege erwartet.“

In China herrscht eine brutale Konkurrenz, Dutzende Leute gehören zur absoluten Weltspitze. Die können sich bei großen Titelkämpfen kaum Niederlagen leisten, weil das ganze Land von ihnen Siege erwartet.“

Timo Boll

Teuffel lobt: „Timo hat inzwischen gegen Generationen von Chinesen gespielt, vehement gekämpft, verloren und ab und an auch gewonnen. Das waren ganz unterschiedliche Spielertypen, mit unterschiedlicher Taktik und meist unglaublich hoher Athletik. Timo hat sein hohes Niveau immer gehalten.“

Boll selbst sagt, dass er neben seiner Reaktionsschnelligkeit vor allem auch die Psyche, die Gedanken seiner Gegner gut „lesen“ kann. „Das ist eine meiner großen Stärken, zu spüren, was der Gegner denkt und plant.“ Boll selbst geht nie mit einem festen Plan in ein Spiel. Er beobachtet den Gegner, analysiert dessen Schwächen und zeigt seine eigenen Stärken.

In China verehrt

Bundestrainer Roßkopf erklärt: „Seine mentale Stärke, sein großes taktisches Geschick und seine Konzentrationsfähigkeit sind enorm und damit kann er auch die Vorteile der Chinesen oft ausgleichen.“ Nicht zu vergessen ist auch der unbändige Siegeswille von Boll, der oft Spiele in aussichtslos erscheinenden Situationen noch herumriss.

Fünfmal startete Boll, ein introvertierter, aber stets freundlicher Typ, auch bei Olympischen Spielen, gewann zweimal Bronze mit dem deutschen Team. 2016 in Rio de Janeiro hatte er die große Ehre, die deutsche Fahne bei der Eröffnungszeremonie tragen zu dürfen.

Auch für Tokio 2020 ist er bereits qualifiziert – mit dem deutschen Team und auch für den Einzelwettbewerb. Bei den European Games 2019 in Minsk hatte sich Boll das Ticket für Tokio gesichert. Im Finale bezwang er den Dänen Jonathan Groth. Ob die Spiele aber wegen des Coronavirus tatsächlich stattfinden werden, steht im Moment noch in den Sternen und scheint immer unwahrscheinlich zu werden.

Boll, der bodenständige Typ aus dem Örtchen Höchst im Odenwald, 9.000 Einwohner, ist nicht von Verletzungen verschont geblieben. Knie, Rücken, Schulter oder auch der extrem belastete Schlagarm machten ihm zu schaffen, auch einige Infekte. Aber er kam stets zurück. „Es gab auch Momente, in denen ich dachte: vielleicht reicht es nicht mehr, um die Großen der Branche zu schlagen.“ Noch aber, sagt Boll, sei er nicht bereit, sich intensiv mit seinem Karriereende zu beschäftigen. Ihm mache der Gedanke sogar ein wenig Angst. Vielleicht nimmt er sich den Schweden Jörgen Persson, 53, aus Halmstad zum Vorbild. Der Einzel-Weltmeister von 1991 ging noch einmal bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking an den Start und landete im Alter von 42 Jahren auf Rang vier. Beide Frontmänner dieses Sports schätzen sich sehr.