Vor seinem ersten Aufschlag in Paris rechnet Timo Boll bewusst mit dem Schlimmsten. Für seine Ehefrau Rodelia, die ihn bei der Einzel-WM begleitet, hat der Tischtennisprofi bislang nur ein einziges Ticket organisiert: Eine Tageskarte für Mittwoch, den Erstrundenspieltag. Ein weiteres Ticket folgt erst, wenn der Weltranglistenfünfte tatsächlich die erste Hürde genommen hat. „Ich habe noch nie einen Gegner unterschätzt“, sagt Boll, „und bin damit immer gut gefahren.“

Die Rückkehr ins Palais Omnisports, wo er bei der Weltmeisterschaft vor zehn Jahren als Weltranglistenerster in der zweiten Runde ausschied, scheint Boll nicht unbedingt zu beflügeln. „Da gibt’s noch einiges an Steigerungspotenzial“, sagte der 32-Jährige nach der ersten Trainingseinheit mit seinem Teamkollegen und guten Freund Dimitrij Ovtcharov.

Wo genau er steht, weiß Boll aufgrund mangelnder Spielpraxis selbst nicht recht genau. Nach einem kraftraubenden Jahr 2012 mit Team-Weltmeisterschaft, Olympischen Spielen und Europameisterschaft legte er eine Pause ein und musste danach seine Form neu aufbauen. Trotzdem will der Rekord-Europameister bei der WM wie vor zwei Jahren der chinesischen Übermacht die Stirn bieten und eine Medaille gewinnen.

Erinnerungen an Rotterdam

Bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Rotterdam war er ins Halbfinale eingezogen und scheiterte dort am späteren Titelträger Zhang Jike aus China. Nun ist Boll an Position fünf gesetzt und würde im Viertelfinale wohl auf Ma Long treffen, ausgerechnet auf den Weltranglistenzweiten, den der Deutsche vor dem Turnier als den „gierigsten“ der Chinesen ausgemacht hatte, weil diesem noch ein großer Einzeltitel fehlt. Boll will allerdings so weit noch nicht denken: „Erst muss ich ins Viertelfinale kommen, dann sehen wir weiter.“

Die chinesische Dominanz, da ist sich der für die Männer zuständige Bundestrainer Jörg Roßkopf sicher, ist aus europäischer Sicht nur von seinen Spielern zu durchbrechen. „Ansonsten sehe ich aktuell keine anderen Europäer, die den Chinesen gefährlich werden können“, sagte Roßkopf.

Ivancan vor deutschem Duell

Im Frauen-Team um die ehemalige Europameisterin Jiaduo Wu aus Kroppach sind die meisten Spielerinnen ein gutes Stück von ihrer Topform entfernt, so dass Überraschungen ausgeschlossen zu sein scheinen. „Ich bin gespannt, wo unsere Frauen stehen“, sagte DTTB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig. In der zweiten Runde könnte es zu einem deutsch-deutschen Duell kommen. Gewinnt Irene Ivancan vom Berliner Bundesligisten TTC eastside ihr Auftaktmatch und tut es ihr Wu Jiaduo gleich, treffen sie dann aufeinander.

„Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass beide gegen Spielerinnen aus anderen Ländern antreten und gewinnen“, sagte Bundestrainerin Jie Schöpp, die zugleich fordert: „Die Spielerinnen müssen sich auf die erste Runde konzentrieren und sollten lieber nicht darüber nachdenken, was in der zweiten Runde auf sie zukommen könnte.“

Abseits der Tische wird es in Paris am heutigen Mittwoch auch aus sportpolitischer Sicht interessant. Adham Sharara, Präsident des Weltverbandes ITTF, bewirbt sich um eine weitere Amtszeit bis 2017. Herausgefordert wird der Kanadier von Stefano Brosi. Der Präsident des Europa-Verbandes ETTU hatte Sharara, seit 1999 an der Spitze der ITTF, der Korruption bezichtigt. (sid)