Vor einiger Zeit durfte Dimitrij Ovtcharov gemeinsam mit Timo Boll Co-Pilot spielen. Beide wurden auf einem langen Flug von Deutschland nach Schanghai im Jumbo-Jet ausgerufen. Der Flugkapitän lud sie für kurze Zeit ins Cockpit ein. „Da merkte man unsere gestiegene Popularität“, sagt der 24-jährige Ovtcharov, zusammen mit Boll, 32, der beste deutsche und zugleich beste europäische Tischtennisspieler. In Schanghai schmetterten beide für eine Weltauswahl gegen Gastgeber China, der das Prestigeduell wieder einmal gewann – deutlich 4:0.

Ovtcharov, der bei den Olympischen Spielen 2012 in London die Bronzemedaille im Einzelwettbewerb ergatterte und damit bester Europäer war, ist gerade dabei, seinen Freund und Teamkollegen in der deutschen Nationalmannschaft, Timo Boll, zumindest einzuholen. Irgendwann scheint die Wachablösung in der seit vielen Jahren festgezurrten Hierarchie zu kommen. Bei der gerade laufenden Weltmeisterschaft im Palais Omnisport in Paris will Ovtcharov, in Kiew geboren, erneut angreifen. „Eine Medaille ist mein Ziel“, sagt er selbstbewusst.

Dass Ovtcharov fest an sich und seine Fähigkeiten glaubt, zeigt eine kleine Episode. Für seine schwedische Freundin Jenny, einst Jugend-Nationalspielerin, die in Paris weilt, hat er Tickets bis zum kommenden Montag reservieren lassen – dem Tag der Finals im Einzelwettbewerb. Auf Nachfrage sagt Ovtcharov moderat: „Es wird viele spannende Spiele bis zum Schluss geben. Es lohnt sich, das anzuschauen.“ Natürlich wäre er aber glücklich, wenn er am Finaltag noch selbst im Wettbewerb stünde.

Beste Platzierung im Ranking

Gestern griff Ovtcharov zum ersten Mal ins WM-Geschehen ein. Er besiegte zum Auftakt im Einzel souverän Wijatscheslaw Burow aus Russland, die Nummer 208 der Weltrangliste, mit 4:0 (11:3, 11:2, 12:10, 11:6).

Ovtcharov hat sich auf Rang sieben der Weltrangliste geschoben, seine bislang beste Platzierung im populären Ranking der Besten. Zum ersten Mal gelangte er Ende 2011 unter die Top Ten. Konkurrent Boll aber ist bereits seit 2004 permanent in dieser Liste vertreten und eroberte gar im Januar 2011 Platz 1, wo er drei Monate vor den Chinesen thronte. Zurzeit steht er auf Rang 5. In Paris wollen Boll und Ovtcharov in die Phalanx der Chinesen einbrechen. Der Ort ist symbolträchtig: An gleicher Stelle gewann mit dem Österreicher Werner Schlager vor zehn Jahren ein Europäer zum letzten Mal den Weltmeistertitel.

Ovtcharov hat versucht, die Abläufe in Paris so ähnlich zu gestalten wie einst in London bei Olympia. „Das hat sich bewährt.“ Schon früh um 7.00 Uhr trainierte er in der riesigen Halle („Die Örtlichkeit ist sehr gut“) und hatte sich wie in London auch, den Taiwanesen Chuang Chih-Yuan – Sechster der Weltrangliste – als Sparringspartner auserkoren. Der schmettert in der Bundesliga für Werder Bremen.

Legendärer Aufschlag

Frühaufsteher Ovtcharov jedenfalls hat Boll, der gut zehn Jahre das deutsche Tischtennis uneingeschränkt beherrschte, zuletzt ein wenig die Show gestohlen. Es begann in London, wo Boll schon im Achtelfinale scheiterte, und es setzte sich fort, als Ovtcharov bei den German Open in Bremen im November vorigen Jahres im Finale Boll bezwang. Zudem gewann Ovtcharov mit seinem Verein Fakel Orenburg aus Russland zum zweiten Mal in Serie die Champions League, was erneut seine Reputation steigerte. In Orenburg, von Gazprom gesponsert, verdient Ovtcharov sehr gutes Geld. „Das Umfeld dort ist perfekt“, sagt Ovtcharov. Dafür nimmt er auch die zehnstündige Anreise über Moskau in Kauf.

Das interne deutsche Duell hängen beide Profis jedoch nicht sehr hoch. Ovtcharov sagt: „Wenn ich top vorbereitet bin wie bei Olympia, dann habe ich eine gute Chance gegen Timo.“ Ovtcharov gilt als akribischer Arbeiter, der sich auf jeden Gegner mit einem Videostudium einstimmt. Er kommt vor allem über die Athletik und seine Kampfkraft zum Ziel. Und durch seine gefürchteten Aufschläge. Sein Rückhand-Aufschlag aus der tiefen Hocke ist schon legendär und ließ schon die Chinesen verzweifeln.

Das Time Magazin ordnete diese raffinierte Spieleröffnung einst auf Rang 36 der besten 50 Sporterfindungen ein. Bundestrainer Jörg Roßkopf sagt: „Die Chinesen haben Respekt vor Ovtcharov. Er bringt viel Kampfgeist und Power mit.“ Ovtcharov sieht dabei die Konkurrenz zu Boll sehr positiv: „Wir müssen uns gegenseitig pushen, damit irgendwann unser großer Traum in Erfüllung geht, die Chinesen zu schlagen.“

Im Sommer werden beide – egal wie sie bei der WM in Paris abschneiden – erneut nach China reisen. Dimitrij Ovtcharov wird in der chinesischen Superliga für Guangdong spielen und Boll für Jiangsu. Boll versuchte sich in der Höhle des Löwen als Gastspieler schon 2005, 2006 und 2011, für Ovtcharov ist diese Erfahrung neu. Vielleicht dürfen die beiden auf dem Flug wieder kurz ins Cockpit steigen, denn das hat beiden schon gut gefallen.