Friedrichshafen - Einige Zeit nach der Siegerehrung kamen die Berliner Volleyballer noch mal halbnackt aus der Kabine gerannt. Die meisten trugen nur Turnschuhe und ihre schwarzen Trikothosen. Scott Touzinsky hatte bloß noch die Unterhose an, andere stürzten mit Handtüchern um die Hüften herbei. Aber das alles war am Mittwoch kurz vor Mitternacht nach dem 3:1 der BR Volleys über den VfB Friedrichshafen egal. Denn die Berliner brauchten das Feld nach dem Gewinn des dritten deutschen Meistertitels hintereinander nicht mehr zum Blocken und Schmettern, sondern zum Bierpfützenrutschen.

Der Brauereisponsor des VfB hatte als Gastgeschenk Gerstensaftfässchen verteilt, nach dem Motto: „Für jedes Ass ein Fass.“ Dort, wo vorher das Netz gestanden hatte, flutschten die Spieler bäuchlings durch den flüssigen Inhalt übers Parkett. Mittelblocker Felix Fischer nahm barfuß Anlauf und schlitterte per Hechtbagger ins Bier. Und weil sich die Charaktere innerhalb so einer Mannschaft nicht nur im Spiel, sondern auch beim Feiern offenbaren, schaute Tomas Kmet dem Trubel still, aber zufrieden zu.

Trainer Mark Lebedew dagegen war als Analyst gefragt. Ob es sein schwierigster Titel gewesen sei? Oder der einfachste? Lebedew sagte: „Es war der dritte.“ Dann erläuterte er: „Nach der Enttäuschung vom Pokalfinale mussten wir uns in den Playoffs erst zurückkämpfen. Wir mussten unseren Geist wiederfinden. Zwischen dem ersten und dem zweiten Spiel ist uns das gelungen.“ Grundsätzlich aber habe jeder Titel seine eigene Geschichte.

Dieser etwa die der Berliner Mittelblocker. Auf dieser Position war der Titelverteidiger stark wie nie. Mit dem Slowaken Kmet, 32, dem besten Blockspieler dieser Playoffs, dem stillsten Mann im Team, den Manager Kaweh Niroomand „eine Maschine“ nennt. Er war am Aufschlag als es im vierten Satz 24:23 gegen die Berliner stand. Er brachte die letzen drei Flatteraufschläge sicher übers Netz.

Später, als die Meisterfeier in der Pizzeria des Luftsportclubs neben dem Rollfeld des Friedrichshafener Flughafens weiterging, war Kmet einer der wenigen, der nicht in die Mitte des Restaurants kam, um eine Tanzeinlage zu bieten. Er genoss den Trubel lieber still an die große Stahlsäule gelehnt. „Er ist eben nicht der große Entertainer“, sagt Niroomand. Muss er auch nicht sein. Diese Rolle besetzt Fischer, 31. Der Mann mit dem Stirnband ist der berlinernde Kommunikator im Team.

Nicht nur die Pullerspiele

In dieser Saison verlor er allerdings seinen Stammplatz an Srecko Lisinac, 21, der neu zum Team stieß. „Jetzt haben sie einen geholt, der richtig gut ist“, erkannte Fischer schnell. Er musste zurückstecken, blieb aber motiviert und einsatzbereit. In den Playoffs spielten meist Kmet und Lisinac. Für Fischer blieben nur ein paar Aufschläge. Aber am Mittwoch wechselte ihn Lebedew zu Beginn des zweiten Satzes ein. Er war sofort mit der Vehemenz dabei, für die das Publikum ihn liebt. „Es hat mich gefreut, nicht nur die Pullerspiele in der Saison zu kriegen, sondern auch einen Anteil an den Playoffs“, sagte er dankbar.

Fischer war schon dabei, als die BR Volleys noch SCC hießen und in der Sömmeringhalle vor 400 Zuschauern Meister wurden. Niroomand sagt: „Felix ist moralisch für die Mannschaft sehr wichtig. Er gehört zum Inventar.“ Fischer ist einer, der die Fanclubmitglieder persönlich kennt und Nähe zum Publikum schafft. Jetzt hat er den dritten Titel nach dem Umzug in die Max-Schmeling-Halle gewonnen, wo neulich wieder knapp 8 000 Zuschauer auf den Rängen saßen. Am Mittwoch resümierte Fischer: „Nach dem dritten Titel kann man so arrogant sein und sagen, wir haben Friedrichshafen wirklich abgelöst.“

VfB-Trainer Moculescu gratulierte den Berlinern zwar zum verdienten Titelgewinn, das mit der Wachablösung sah er aber anders: „Davon können wir vielleicht einmal reden, wenn sie sieben Mal hintereinander Meister geworden sind.“ Niroomand wiederum sagte, dass er den Vergleich mit Friedrichshafen gar nicht so wichtig nimmt.

Sein Blick geht längst über die deutsche Liga hinaus. „Mit dem, was wir in Sachen Veranstaltung und Zuschauerschnitt schaffen, müssen wir uns an Europa messen“, findet er. Schon länger hat er die Vision, das Champions-League-Finale 2015 nach Berlin zu holen, weil er glaubt, dass der Volleyball in Deutschland Großveranstaltungen zur Popularitätssteigerung braucht. Er sieht die BR Volleys nicht weit hinter den besten zehn, zwölf Teams in Europa. Um die Kombination aus Erlebnis und sportlichem Erfolg aufrecht zu halten und den Schritt weiter zu gehen, brauche das Team „eine Verjüngung, ohne dabei groß auseinanderzubrechen“.

Fischer ist seit 2003 ein Teil der Entwicklung der Volleys gewesen. Er hat bei der Meisterfeier mit den Leuten des Fanclubs „7. Mann“ im Luftsportclub getanzt. Aber er weiß im Gegensatz zu Kmet noch nicht genau, wie es für ihn weitergeht und ob er noch mal durch potenzielle Bierpfützen flutschen kann.

Kmet hat voriges Jahr einen Dreijahresvertrag erhalten. Er wird bleiben, wie auch die Stammsechs: Robert Kromm, Touzinsky, Libero Martin Krystof, Paul Carroll, vermutlich auch Zuspieler Kawika Shoji. In den kommenden Wochen soll Lebedew nun das neue Personalkonzept erarbeiten und auch für die Mittelblocker eine neue Geschichte anlegen.

Maschinenmann Kmet wird darin seine Rolle spielen. Lisinac muss wohl zurück zu seinem polnischen Klub. Fischer sagt: „Berlin ist meine Vergangenheit, meine Zukunft und meine Gegenwart. Ich würde gerne hier in ein paar Jahren meine Karriere beenden. Aber ich muss eben sehen, ob es in das Konzept des Vereins passt.“