Chennai - Frechheit siegt. Magnus Carlsen zeigte keinen Respekt vor Schachlegende Viswanathan Anand. Ausgerechnet in dessen Heimatstadt Chennai nahm der 22 Jahre junge Norweger dem Inder den Weltmeistertitel ab. Dabei gönnte er dem 43-Jährigen nicht einmal eine Gewinnpartie. In der zehnten Partie genügte Carlsen am Freitag ein Remis. Doch er spielte auf Gewinn und quälte Anand noch mal mehr als fünf Stunden.

Spannend war ihr ungleicher Zweikampf nur bis zur Hälfte. Nach Carlsens Siegen in der fünften und sechsten Partie war sein Erfolg abzusehen. Am Ende hieß es 6,5:3,5 für den Norweger – das ist eines der klarsten WM-Resultate der letzten hundert Jahre und für Anand eine Demütigung. Eine Überraschung ist es nicht. Das Ergebnis entspricht Carlsens 95 Elopunkten Vorsprung in der Weltrangliste.

Trockenes Schach

In seinem ersten Statement als Weltmeister zollte Carlsen seinem Gegner Tribut: „Vishy ist einer der Größten aller Zeiten.“ Doch das bezog sich auf die Vergangenheit. Anands Titelverlust war eigentlich überfällig. Schließlich ist er nur noch die Nummer acht der Welt.

Für seine Jugend bevorzugt Carlsen ein überraschend trockenes, technisches Schach. Damit hat er einfach am meisten Erfolg. Er versteht es wie kein Zweiter, seinen Gegner vor Probleme zu stellen und Fehler zu provozieren. Weniger als bei anderen basiert sein Spiel auf Eröffnungsanalysen. Dafür ist er fitter als andere. Selbst während des WM-Kampfes spielte er wiederholt Fußball, Basketball und Beachvolleyball, ging schwimmen, bowlen und in den Fitnessraum.

Mitreißende Partien sah man in Chennai selten. So richtig brannte das Brett nur ein Mal. In der neunten Partie schien Anand dem Ehrentreffer nahe. Alle Figuren Carlsens außer seinen Bauern standen auf der eigenen Grundreihe. Sein einziger Trumpf war ein vorgerückter Bauer. Dieser reichte dem Norweger, das Blatt zu wenden. Der Bauer wurde zur Dame, der stärksten Figur im Schach. Und als Carlsen seine stärkste Figur symbolträchtig nach e1 zog, auf das Ausgangsfeld von Anands König, war die Sache entschieden.

Anands Aufstieg und seine fünf WM-Siege lösten in Indien einst einen Schachboom aus. Er basierte aber vor allem auf öffentlichen Subventionen: Großmeister stehen auf den Gehaltslisten staatlicher Unternehmen. Starke Junioren erhalten Universitätsstipendien. Tausende Schachlehrer tingeln von Schule zu Schule. Mancher fürchtet, dass die Party nach Anands Abgang nun vorbei ist.

In Norwegen war die Schach-WM das mit Abstand meistberichtete Ereignis der letzten drei Wochen. Schachsets sind in vielen Läden ausverkauft. Das Staatsfernsehen NRK berichtete fast hundert Stunden. Die größte Tageszeitung VG richtete eigens für das Match ein Fernsehstudio ein. Anderswo hat das Match allerdings weniger Resonanz gefunden, als wenn es in Paris oder New York ausgetragen worden wäre.