New YorkDer 17. März dieses Jahres war ein trister Tag in Boston. Das Frühjahrswetter des vorangegangenen Wochenendes war umgeschlagen, es hatte zu schneien angefangen. Die St. Patrick’s Day Parade, gewöhnlich eines der fröhlichsten Ereignisse des Jahres in der stark irisch geprägten Stadt, war wegen wachsender Bedenken angesichts der Coronavirus-Epidemie abgesagt worden. Rund um die Welt begannen die Börsenkurse abzustürzen. Und dann das. Gegen neun Uhr früh schrieb Tom Brady auf Instagram, dass er wohl Boston verlassen werde. 

Nach 20 Jahren als Kapitän der New England Patriots, sechs Super-Bowl Siegen und neun Finalteilnahmen werde er anderswo das letzte Kapitel seiner einzigartigen Karriere aufschlagen. Die Nachricht traf die ohnehin melancholische Stadt ins Mark. Boston wurde in den vergangenen 20 Jahren reich mit Sporttiteln gesegnet. Die Red Sox haben viermal die World Series gewonnen, die Celtics einmal die NBA, die Bruins 2011 den Stanley Cup. Und doch hat sich Boston mit nichts und niemandem so stark identifiziert wie mit den New England Patriots unter Tom Brady.

Trotzige Verehrung für Brady

Boston und das Umland haben sich in diesen 20 Jahren nicht zufällig „Patriots Nation“ genannt. Die Stadt hat ihr Selbstbewusstsein an das Team und seine Geschicke geknüpft, das von Brady und seinem Alter Ego, dem ewig grantigen Coach Bill Belichick, geprägt war. Mit dem Weggang von Brady implodiert nun nicht nur eine einmalige Erfolgsformation in der amerikanischen Sportgeschichte. Es geht ein Kapitel in der Geschichte einer der ältesten Städte Amerikas zu Ende.

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Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen.

Wie stark sich Boston mit Brady und den Patriots identifiziert hat, lässt sich alleine daran ablesen, dass die Stadt umso mehr zu Brady hielt, desto stärker er anderswo gehasst wurde. Und Brady wurde inbrünstig gehasst, beinahe überall in den USA, außer in Boston.

Jedes Jahr, wenn die Playoffs im American Football begannen, machte sich in Amerika ein kollektiver Überdruss breit. Gleich wie überragend oder mittelmäßig Brady und die Patriots während der regulären Saison gespielt hatten, man wusste, dass sie wieder ganz vorne landen würden. Im Football-Amerika stellte sich eine Art widerwillige Resignation ein. Man akzeptierte Brady und die Patriots als festen Bestandteil in den Endrunden, die Patriots waren ein ewiger, ungeliebter Favorit.

In Boston befeuerte das jedoch nur die trotzige Verehrung von Brady. Je mehr man ihn anderswo hasste, desto mehr liebte man ihn hier. Das wurde besonders im Jahr 2015 deutlich, als der nationale Brady-Hass einen Höhepunkt erreichte. Brady wurde beschuldigt, die Bälle manipuliert zu haben, um sie besser greifen zu können. Die „Deflategate“ genannte Episode wurde zum nationalen Skandal aufgepumpt.

Brady flog immer alles zu

In den Augen von Bradys Feinden war die Affäre der Beweis für Bradys krampfhafte Erfolgsbesessenheit. Sie machte deutlich, was man ohnehin vermutete, dass Brady nämlich um wirklich jeden Preis gewinnen will. In Boston hingegen verteidigte man trotzig den Helden der Stadt. Die Missgunst gegenüber Brady, das wusste man in Boston schon immer, entsprang dem nackten Neid.

Die Vermutung der Bostoner Fans, woher der Hass auf Brady stammt, war nie ganz verkehrt. Tom Brady war Zeit seiner Karriere ein Golden Boy. Dem gebürtigen Kalifornier mit dem Aussehen eines High-School-Mädchenschwarms flog immer alles zu. Brady hatte keine erkennbaren Kanten, keine dramatischen Hochs und Tiefs, er war der vollkommene Überflieger.

Bradys Glück in den entscheidenden Momenten

Ihm gelang von Beginn seiner Profi-Laufbahn an alles. Im Jahr 2001, seinem zweiten Profijahr und seinem ersten Jahr als Start-Quarterback, gewann er mit den New England Patriots die Super-Bowl. Er wurde erst der zweite Spieler in der Geschichte des Football neben Brett Favre, der das schaffte. Es war der Beginn einer Serie, die nie abriss. 17 Mal gewannen die Patriots die Divisions-Meisterschaft. Brady gewann 30 Play-off-Spiele in seiner Karriere. Kein anderer Spieler kann in dieser Statistik mithalten.

Zu dem Eindruck, dass Brady mit seinem Hollywood Lächeln und dem sexy Grübchen im Kinn alles im Leben zuflog, passte, dass er in entscheidenden Momenten stets Glück hatte. So gelang den Patriots in der Super-Bowl 2017 das schier unmögliche Kunststück nach einem 25-Punkte-Rückstand in den letzten zwei Sekunden des Spiels noch eine Verlängerung zu erzielen und dann den Pokal zu gewinnen. Das Spiel ging als das größte Comeback aller Zeiten in die Geschichte des Football ein.

Brady heiratet Supermodel Giselle Bündchen

Dieses unheimliche Glück blieb Brady auch im Privatleben treu. Nach einer Beziehung mit Schauspielerin Bridget Moynahan heiratete er das brasilianische Supermodel Giselle Bündchen. Heute sind die beiden eines der Glamour-Paare schlechthin. Sie jetten zwischen ihrem Luxusapartment in Manhattan, ihrem Haus in Boston und ihrer Ski Lodge in Montana hin und her und haben zwei bildhübsche Kinder. Wie es hinter dieser perfekten Kulisse wirklich aussieht, weiß man freilich nicht. Brady hat es stets geschafft, sein Privatleben abzuschirmen. Die wenigen, denen es gelungen ist, einen Einblick zu bekommen, berichten jedoch, dass es eher fad ist.

Glamourpaar: Tom Brady und das brasilianische Supermodel Giselle Bündchen.
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Brady ist tatsächlich ein besessener Arbeiter. Er trainiert auch nach der Saison unermüdlich und lebt vollkommen asketisch, ständig umgeben von seinem persönlichen Fitness-Trainer, dem guruhaften Alex Guerrero. Zu seiner täglichen Routine gehören Meditation, Yoga, eine strenge Diät und viel Schlaf. Nicht gerade das Material für Klatschspalten. Nicht zuletzt dieser Disziplin wird es zugeschrieben, dass er im Alter von über 40 nach beinahe 20 Jahren Football bislang nicht nur noch immer spielt, sondern noch immer Höchstleistungen abrufen kann.

Neues Zeitalter in Boston

Im vergangenen Jahr schienen jedoch sowohl sein unverschämtes Dauerglück als auch seine scheinbar unzerstörbare Konstitution Dämpfer erhalten zu haben. Aus in der ersten Runde Brady wirkte zwar noch immer gewieft auf dem Platz, aber sein Arm gab nicht mehr die Torpedowürfe her, die man von ihm gewohnt war. Die Fehler häuften sich, und so schlich sich auch das Pech ein. Die Patriots verloren das Wild-Card-Spiel gegen die Tennessee Titans und flogen erstmals seit zehn Jahren in der ersten Play-off-Runde raus.

Bradys Abschied aus Boston hat ganz sicher auch damit zu tun, dass er der Stadt und seinem Partner Belichick seinen langsamen Abstieg nicht zumuten möchte. Den verbringt er lieber in Florida, wo er einer Mannschaft mit niedrigeren Erwartungen noch etwas Gutes tun kann. Boston muss sich unterdessen an ein neues Zeitalter gewöhnen. „Es dauert bestimmt zwei Jahre, bis ich wieder ins Stadion gehen kann“, gab ein Fan zu Protokoll. Und auch dann wird es schwer werden, die Wehmut nach der großen Ära des Tom Brady abzuschütteln.