Alles im Griff: Tomas Zorn führt aktuell den größten russischen Fußballverein. 
Foto: zvg/Spartak Moskau

MoskauZu Hause ist es doch am schönsten. Deshalb war Tomas Zorn für das spielfreie Wochenende nach Berlin gereist. Am Samstag wurde der in Moskau tätige Fußballfunktionär 33 Jahre alt und feierte seinen Geburtstag mit der in Berlin-Dahlem lebenden Familie. Im Kreise seiner Ehefrau sowie dem Sohn (5) und der Tochter (2) kommt Zorn zur Ruhe. Da kann er mal für ein paar Stunden abschalten und Abstand nehmen vom kräftezehrenden Geschäft. Ein 24/7-Job sei das, „in dem man ständig erreichbar sein muss“, sagt Zorn. Der Berliner ist seit sechs Monaten Generaldirektor von Spartak Moskau und damit der jüngste Manager in der russischen Premjer Liga.

Über Umwege kam Zorn zu seinem Posten. Der Deutsch-Russe ist studierter Volljurist und arbeitete damals parallel zum Studium der Rechtswissenschaften an der Freien Universität als Spielerberater. Er gründete im Alter von 22 Jahren eine Agentur und vertrat Fußballer weltweit, unter anderem Kevin Kuranyi und Pawel Progrebnjak. Auch Hertha-Profi Jordan Torunarigha zählte zu seinen Klienten. Als Fifa Match Agent organisierte Zorn zudem Freundschaftsspiele. Zu seinen Klienten gehörte auch Spartak Moskau. Dadurch stand Zorn, der in Moskau geboren wurde und in Charlottenburg-Wilmersdorf aufwuchs, in Kontakt mit Leonid Arnoldowitsch Fedun.

Wunschkandidat vom Oligarchen

Der 63-jährige Fedun ist Eigentümer von Spartak und Vizepräsident des größten russischen Ölkonzerns Lukoil. Feduns Privatvermögen schätzte das Manager Magazin zuletzt auf 7,4 Milliarden Euro. Im März klingelte der einflussreiche Oligarch bei Zorn durch und bat um dessen Rat. Wie der Berliner denn die sportliche Situation und die Qualität des Kaders bewerte, wollte Fedun wissen – und ob er denn für ihn als Sportdirektor arbeiten wolle. Zorn war Feduns Wunschkandidat. Der Klub-Boss schätzte den gewieften Fachmann für sein hohes Arbeitspensum, sein fußballerisches Wissen und sein weitreichendes Netzwerk. Und so unterschrieb Zorn im Mai einen Vertrag bei Spartak und darf plötzlich als Strippenzieher in seiner Geburtsstadt die fußballerischen Fäden ziehen. Als Generaldirektor ist der Familienvater im Übrigen Geschäftsführer und Sportchef in Personalunion.

In erster Linie deckt Zorn das Sportliche ab. Neben den Profis fallen auch die U23, die U19 und die schicke Nachwuchsakademie, in der aktuell 191 Talente ausgebildet werden, in seine Verantwortungsbereich. Aber auch für die Bereiche Marketing, Finanzen und Scouting kommt er auf. 355 Mitarbeiter – die 130 Fußballer und Trainer ausgenommen – führt Zorn. Ein Arbeitstag kann schon mal von halb neun bis in die späte Nacht hinein gehen. Meetings in Moskauer Restaurants, Bars oder Cafés und Treffen auf den Geschäftsstellen der anderen Vereine gehören zum Arbeitsalltag. „Es ist ein Vorteil, dass sich die russische Fußballwelt zum großen Teil in Moskau abspielt“, sagt Zorn, so könne man problemlos handelnde Personen aus dem Business treffen. Mit Spartak, Dynamo, Lokomotive und ZSKA gibt es gleich vier große Erstliga-Klubs in der Millionen-Metropole.

Zorns Auftrag nach Dienstantritt war sofort klar: Den Rekordmeister, den schillerndsten und populärsten Klub des größten Landes der Welt, aus der tiefen Krise führen. „Wir befinden uns hier bei Spartak in einem sehr großen Umbruch“, meint Zorn. „Wir wollen den Verein europäischer ausrichten und mehr Struktur reinbringen. Als ich kam, war keine klare Linie zu erkennen. Es war nicht klar, wohin sich der Verein eigentlich entwickeln möchte.“ Im Jahr 2022 feiert der als „Narodnaya komanda“ („Das Volksteam“) bezeichnete Hauptstadtklub 100-jähriges Jubiläum. „Bis dahin wollen wir die eine oder andere Trophäe eingefahren haben.“

Erster Coup: Im Juli holte Tomas Zorn (l.) Weltmeister André Schürrle
zvg/Spartak Moskau

Spartaks Glanz liegt in der Vergangenheit. Die großen Erfolge liegen schon länger zurück. Zwölf sowjetische und zehn russische Meisterschaften fuhr der Klub ein. In den Neunzigerjahren war Spartak Serienmeister. In den letzten 18 Jahren holten die Rot-Weißen aber nur eine Meisterschaft (2017) und einen Pokalsieg (2003). Vier Trainerwechsel gab es zuletzt innerhalb von zwölf Monaten. Zorn weiß aber auch: Trotz der sportlichen Talfahrt ist die Erwartungshaltung ungebrochen groß. „Der Druck ist immer da, die Fans wollen Erfolge sehen.“ Und die gegnerischen Mannschaften wollen den Rekordmeister in jedem Spiel schlagen. „Spartak hat schon eine Wucht“, verrät Zorn. Regelmäßig wird das Team von tausenden Fans auswärts begleitet. Der Druck sei enorm. Auch medial würde jede kleine Nachricht aufgebauscht. „Wenn Mannschaft X einen neuen Spieler holt und bei uns Spieler Y orangene Schuhe trägt, wird eher über die Schuhe berichtet“, stellt Zorn plakativ dar.

Spartak ist der beliebteste Verein des Landes. Seine Anhängerschaft wird auf 26 Millionen Russen geschätzt. Klar, dass der FC Bayern Russlands nach Titeln lechzt. Dauerhaft in der Champions League spielen, das ist der Anspruch. „Wir müssen Einnahmen generieren und Ausgaben minimieren, um wieder sukzessive erfolgreich sein zu können“, sagt Zorn. Seit Winter gab der Klub 17 Spieler ab. Nur noch fünf Spieler aus der Meistersaison 2016/2017 sind noch im Kader. „Wir haben einen Generationswechsel eingeführt und setzen überwiegend auf jüngere Spieler“, sagt Zorn.

Tedesco und Schürrle verpflichtet

Allein im Sommer verzeichnete Spartak unter dem neuen Chef Zorn Abgangseinnahmen von rund 30 Millionen Euro – Vereinsrekord! Auch kürzten die Verantwortlichen die Gehälter, sparten so rund 10 Millionen Euro netto ein. Nicht nur im Spielerpersonal, auch in der Vereinsführung und im Scouting stellte sich der Verein neu auf. Aktuell sucht Zorn einen Scoutingchef. Gut möglich, dass er in Deutschland fündig wird. Spartak ist aktuell nämlich so Deutsch wie nie. Zorn sorgte kürzlich für Aufsehen, als er Weltmeister André Schürrle, 28, vom BVB auslieh und den früheren Schalker Domenico Tedesco, 34, als Coach verpflichtete. Als Co-Trainer holte Zorn Andreas Hinkel, 37, als Torwarttrainer wurde Max Urwantschky, 38, von Erzgebirge Aue verpflichtet. „In Russland sind Deutsche gerne gesehen“, sagt Zorn. „Sie werden mit Qualitätsarbeit verbunden. Es wird sehr positiv aufgenommen, dass Deutsche hier sind und den Klub nach vorne bringen wollen.“ Über den Tedesco-Deal sagt Zorn: „Er war mein Wunschkandidat. Ich wollte einen Trainer haben, der ohne Vorurteile nach Russland kommt und eine externe Sicht hat. Unser Ziel ist es, wieder europäisch zu spielen. Domenico war von unserem Projekt hier begeistert. Für unsere Entwicklung ist er der richtige Mann.“

Zweiter Coup: Im Oktober stellte Tomas Zorn den neuen Trainer, Domenico Tedesco, vor.
zvg/Spartak Moskau

Sorgen, mit Spartak unter dem Radar zu laufen, hat Zorn indes nicht. „Das Niveau der russischen Liga wird im Ausland etwas unterschätzt. Die Liga ist sehr anspruchsvoll und taktisch auf einem guten Niveau.“ Es gab fünf verschiedene Meister in den letzten zehn Jahren. „Das ist attraktiv“, findet der Stratege. Auch profitiert die russische Liga von den modernen Trainingszentren und den Stadien, die für die WM 2018 gebaut wurden.

An diesem Montag ist Tomas Zorn wieder zurück in seinem Moskauer Büro. Die Arbeit ruft. Er muss das Spartak von Morgen entwickeln.