Schlägt im Juli in Berlin auf: Tommy Haas.
Imago Images/Hasenkopf

BerlinVor knapp drei Jahren hat Tommy Haas in Kitzbühel sein letztes Tennismatch auf der Profitour bestritten. Es war damals ein Abschied, der sich länger angekündigt hatte, der sich hinzog, dann aber eher still vor sich ging und erst 2018 offiziell verkündet wurde. Der Körper des Hamburger Tennisprofis, der schon mit 14 Jahren nach Florida gezogen war, um an der Academy von Startrainer Nick Bolletieri ausbilden zu lassen, wehrte sich. 

Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney hatte Haas die Silbermedaille gewonnen, 2002 war er die Nummer zwei der Tenniswelt, er holte 15 Titel auf der ATP-Tour. Aber all die Jahre zwischen Wimbledon, Paris, Melbourne und New York sowie und neun Operationen an Schulter, Fuß und Hüfte konnte der Leib irgendwann nicht mehr kompensieren. Sein Manager Edwin Weindorfer organisierte 2017 für ihn eine Abschiedsparty in Wimbledon, kurz darauf wurde Haas Turnierdirektor in Indian Wells. „Der Körper ändert sich“, sagte er zum Abschied, das war kurz vor seinem 40. Geburtstag.

Am Mittwochnachmittag saß der Österreicher Weindorfer vor seinem Laptop und wartete darauf, dass Tommy Haas in Bild und Ton darauf erscheinen möge. „Tommy? Ist noch nicht da?“, fragte der Geschäftsführer der Emotion-Group, die voriges Jahr die Lizenz für ein neues Frauen-Turnier im Berliner Steffi-Graf-Stadion bekommen hatte. Als Ersatz für dieses wegen Corona abgesagte Turnier findet nun von 13. bis 19. Juli ein Turnier mit sechs Frauen und sechs Männern statt, das Bett1 Aces heißt. Haas gehört neben Julia Görges, Andrea Petkovic und Alexander Zwerev zu den deutschen Teilnehmern, die erst auf dem Rasen des Steffi-Graf-Stadions und dann im Hangar 6 auf dem Tempelhofer Feld antreten.

In Florida war es 9 Uhr morgens zu diesem Zeitpunkt. Ein paar Minuten später erschien Haas auf dem Bildschirm, hinter ihm war ein riesiger Spiegel zu sehen. Er wuschelte die Haare aus der Stirn, als käme er grade vom Duschen und Weindorfer sagte, es habe sich eine neue Situation ergeben: der Berliner Senat habe bis zu 1 000 Zuschauer bei einem Event im Freien erlaubt. Emotion versucht nun, die 5 000 Plätze im Stadion im Grunewald unter den Auflagen eines strengen Hygienekonzepts mit 1 000 Menschen zu füllen. „Es wäre toll, wenn wir von der Geisterspiel-Atmosphäre wegkommen würden“, sagte Weindorfer.

Tommy Haas fände das auch ziemlich toll. Denn wenn er in den vergangenen knapp drei Jahren etwas vermisst hat, dann waren es die Nächte vor dem Wettkampf, die Ungewissheit: „Wie gehe ich da raus?“ Dieses Gefühl, vor Zuschauern auf dem Platz zu stehen, Matchball zu haben, „dieses Wohlbefinden: Wow, ich hab’s mal wieder geschafft, ein Match zu gewinnen.“ Solche Höhen und Tiefen, wie sie der Wettkampf im Leistungssport mit sich bringt, habe er zuletzt nicht mehr gespürt. „Man hat ja ein ziemlich ausbalanciertes Leben“, meint Haas.

Für das Aces-Turnier in Berlin hat er sein Leben ein bisschen aus der Balance gebracht. Sich selbst und sicher auch seinem Wegbegleiter Weindorfer zuliebe. Der Name Haas ist noch immer prominent, der 42-Jährige hat sich in all den Jahren als sympathischer, unkomplizierter Typ im Tenniszirkus etabliert, als eine Art Traumschiff-Kapitän auf Sand und Rasen.

Und es ist ja durchaus eine Geschichte, wie er nach drei Jahren Pause nun mit den jungen Wilden klarkommt. Wie er auf dem Platz aussieht in Spielen gegen Zverev, 23, oder den 18 Jahre alten Jannik Sinner. Der Südtiroler gewann voriges Jahr als bislang jüngster die Next Gen ATP-Finals der unter 21-Jährigen. „Ich könnte sein Vater sein“, sagte Haas. „Das Tennis geht ja in die Richtung, dass die Schläger druckvoller werden, als ich sie gewohnt bin. Wenn man ein, zwei Schritte zu spät kommt, sieht man natürlich schlecht aus.“ Aber auf Rasen, habe er sich gedacht, „gibt es vielleicht nicht allzu viele längere Ballwechsel“.

Haas hat schon angefangen, sich auf das Berliner Turnier vorzubereiten. Für eine dreiviertel Stunde oder Stunde auf hohem Niveau müsste seine Form reichen, glaubt er. Wenn er auf der Senioren-Tour auf Gegner wie Andy Roddick oder David Ferrer treffe, habe er in der Nacht darauf manchmal Krämpfe, am Tag darauf „bin ich sehr, sehr platt“.

Seit 1992 ist Haas nicht mehr in Berlin gewesen. Er war damals mit Coach Nick Bolletieri hier. Warum genau? Haas kann sich nicht erinnern. Das Turnier im Juli will der Vater zweier Töchter auch nutzen, um sich mal in den Bus zu setzen und die Stadt kennenzulernen, um später seiner Partnerin, der Schauspielerin Sara Foster und den Kindern alles zu zeigen und dabei „schon zu wissen, wo wir hin müssen. Das ist für uns ja Kultur“, sagte Haas.

Für Weindorfer ist das Aces-Turnier ein Signal, dass die Tennis-Kultur wieder lebendig wird, „dass der Sport auch in der Krise neue Wege finden kann. Wir sind gerade dabei, die TV-Vermarktung zu organisieren. Ich gehe davon aus, dass das Turnier in 60, 70 Ländern übertragen wird.“ Der Name Tommy Haas wird dem Interesse  zuträglich sein.