Ein März-Abend in München: Toni Kroos feiert sein Debüt im Nationalteam gegen Angel di Marias Argentinier.
Foto: Imago Images

KölnDer Rahmen passt nicht. Auch wenn Toni Kroos nicht der Typ ist, der auf dem Fußballplatz zu Gefühlsausbrüchen neigt, hätte sich der 30-Jährige aus Mecklenburg-Vorpommern zum 100. Länderspiel ein volles Kölner Stadion gewünscht. Doch statt 50.000 dürfen am Dienstag (20.45 Uhr/ARD) beim Nations-League-Spiel gegen die Schweiz wegen zu hoher Corona-Zahlen in der Domstadt wohl wie schon zuletzt gegen die Türkei wieder nur ein paar Zuschauer zusehen.

„Man hat sich schon an die ganzen Umstände gewöhnt“, sagte Kroos jüngst zu den Einschränkungen und Herausforderungen, die das Leben mit dem Virus mit sich bringt. Der Aufstieg als 15. Spieler in den elitären Club der Hunderter, der von Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus (150 Länderspiele) angeführt wird, ist auch für Kroos eine besondere Wegmarke in seiner Karriere. „Das hat bestimmt eine Bedeutung“, sagte er - mit dem Kroos-typischen Nachsatz: „Ich hoffe, dass es erfolgreich wird. Sonst kann ich mir nichts dafür kaufen.“

Das Hundertste ist für ihn eine Durchgangsstation. Kroos zählt eher nicht die Spiele, sondern Erfolge und Titelgewinne. Und da fehlt dem Weltmeister von 2014 und viermaligen Champions-League-Sieger mit dem FC Bayern München (2013) und Real Madrid (2016-2018) noch etwas. „Das Hauptziel ist die Europameisterschaft“, sagte er zur Spielzeit 2020/21. Den EM-Titel hat er noch nicht in seiner Sammlung.

Die EM-Mission verbindet Kroos auch mit Joshua Kimmich, der seinerseits vor seinem 50. Länderspieleinsatz steht. Er ist sein ständiger Partner im Zentrum des deutschen Spiels seit dem Desaster bei der WM 2018 in Russland. Das veranlasste Bundestrainer Joachim Löw am sportlichen Tiefpunkt zur Sofortmaßnahme, den Außenverteidiger ins Mittelfeld zu versetzen. Kroos bewertet diese Rochade als gelungen - gerade auch mit Blickrichtung EM: „Der Wechsel von Jo von außen nach innen hat uns eine andere Komponente gebracht. Ein Mannschaftsteil gewinnt keine Titel. Aber wir brauchen ein starkes Mittelfeld, um Spiele auf hohem Niveau zu gewinnen.“

Kroos ist der Boss, Kimmich der Juniorchef - noch! Der Münchner ist der ehrgeizige Anführer der Generation 1995, die beim FC Bayern und auch im DFB-Team in die erste Reihe drängt. Kimmich will DFB-Partner Kroos gerade beim Sammeln internationaler Titel nacheifern. Nach dem erstmaligen Gewinn der Champions League sagte er selbstbewusst: „Wir wollen eine Ära prägen - auch mit der Nationalmannschaft. Da hat meine Generation mit Blick auf Titel ja noch einiges vor sich.“

Während Kroos kurz vor der WM 2010 in Südafrika bei einem 0:1 gegen Argentinien in München im Nationaltrikot debütierte, wurde Kimmich von Löw erstmals unmittelbar vor der EM-Endrunde 2016 in Frankreich beim 1:3 gegen die Slowakei in Augsburg eingesetzt. In ihrem Temperament und auch in der Spielweise unterscheiden sich beide stark, aber mit ihren Qualitäten ergänzen sie sich gut, wobei Kroos mit seiner unaufgeregten und ruhigen Art nicht nur Kimmich, sondern auch seine jeweiligen Nebenleute bei Real Madrid besser macht.

Das imponiert auch Joachim Löw: „Toni verfügt über eine extrem hohe Spielintelligenz. Er ist der Dreh- und Angelpunkt in unserem Spiel. Ihn kann man immer anspielen, er findet immer eine Lösung. Er hat sich neben dem Platz zu einer Führungspersönlichkeit entwickelt. Er ist in der Lage, andere zu beeinflussen und ist hoch respektiert in der Mannschaft.“ Bisweilen auch gefürchtet, wenn er junge Kollegen zurechtweist.

Doch werden sie alle zugleich stets ehrfürchtig zu ihm aufschauen. Denn die goldene 100 spiegelt den Stellenwert wider, den Kroos für den deutschen Fußball hat. Dafür benötigt es dann auch kein volles Stadion.