BerlinMit wundersamen Geschichten kennt man sich in der Familie von Halvor Egner Granerud aus. Der Urgroßvater des 24 Jahre alten Skispringers aus Norwegen, der als Topfavorit auf den Sieg der kommenden Vierschanzentournee gilt, hat sich nachhaltig ins Gedächtnis des Landes gebrannt. Die literarische Grundlage zum Puppenfilm Karius und Baktus, der Kinder zum Zähneputzen animieren soll, stammt aus der Feder Thorbjörn Egners, der 1990 verstarb.

Granerud steht kurz vor einem Rekord

30 Jahre später schreibt nun also der Urenkel an seiner eigenen, ganz speziellen Geschichte auf den Skisprung-Schanzen. Die letzten fünf Springen vor dem Tour-Auftakt am Dienstag in Oberstdorf gewann Granerud allesamt. Und das, nachdem er zuvor nicht ein Mal in seiner Karriere auf einem Podest gestanden hatte. Der Rekord steht bei sechs Weltcup-Siegen in Serie. „Er hat ein super System, eine tolle Anfahrtsposition, ist in einem wahnsinnigen Flow“, sagt der deutsche Bundestrainer Stefan Horngacher.

Anfang des Jahres war diese Erfolgsserie noch unvorstellbar. Nach einer völlig verkorksten letzten Saison und der Unsicherheit durch die heraufziehende Corona-Pandemie suchte sich Granerud einen Nebenjob – und heuerte in einem Kindergarten in Trondheim an. Die Geduld, die ein Skispringer braucht, um vor dem Absprung auf den richtigen Wind zu warten, zeichnete ihn auch im Umgang mit den Kindern aus. So berichtet es jedenfalls die Leiterin des Kindergartens, Theresa Dahl: „Die Jungs und Mädchen waren richtig glücklich bei ihm.“

Dennoch stachelte Granerud der Ehrgeiz an, sein bislang verborgenes Können als Skispringer zu beweisen. Und sein Comeback sollte sich sportlich wie auch finanziell auszahlen. Kassierte er in der vergangenen Saison nur ein Preisgeld von 800 Franken, beträgt die Summe an Prämien in diesem Winter bereits rund 58.000 Euro. Wenn sein Lauf bei der Vierschanzentournee anhält, wird er in kurzer Zeit gar zum Großverdiener.

Und natürlich frohlockt auch der norwegische Skiverband vor den beginnenden Wettkämpfen. „Es gab nur wenige Springer, die jemals ein größerer Tournee-Favorit gewesen sind“, sagt Clas Brede Braathen, Springerchef des Landes. Von einem Erfolg würden sich auch seine Urenkel eines Tages mit Sicherheit erzählen.