Wird seit elf Jahren von Jörg Hoffmann trainiert: Rückenschwimmer Christian Diener.
Foto: Imago Images/Soenar Chamid

PotsdamGibt es eigentlich den Deutschen Schwimm-Verband noch? Und was macht er so? Ohne Präsidentin – unter kommissarischer Führung – auf dem Weg nach Tokio? Seit Thomas Kurschilgen im September 2018 als Leistungssportdirektor anfing, ist einiges passiert: Zuerst trat Gabi Dorries, die den vom Bundesrechnungshof gescholtenen DSV gerade einigermaßen konsolidiert hatte, als Präsidentin zurück, weil sie die internen Scharmützel satthatte. Daraufhin schmiss Bundestrainer Henning Lambertz hin. Sein Nachfolger heißt Hannes Vitense.

Mittlerweile, so ist zu hören, sollen mindestens 30 Mitarbeiter, die vor Kurschilgens Amtsantritt im Verband tätig waren, nicht mehr dort arbeiten. Die Fluktuation ist enorm. Wie der DSV am Donnerstag vermeldete, wird künftig auch Jörg Hoffmann nicht mehr Bundesstützpunktleiter in Potsdam sein. Sein Vertrag, der zum 31. Dezember 2020 endet, wurde vom DSV nicht verlängert.

Stattdessen beginnt schon am 1. November Reiner Tylinski, 58, am Potsdamer Luftschiffhafen, ein Diplom-Trainer, der in Niedersachsen und Württemberg Landestrainer war, Kuwaits Nationalteam anleitete, zuletzt Chefcoach beim SV Waiblingen war und bei Olympia 2000 und 2004 in Sara Harstick mal eine Sportlerin hatte, die in der Staffel mit Franziska van Almsick Bronze gewann.

Nun betonen Funktionäre ja gern, alles dafür zu tun, um beste Voraussetzungen für die Athleten zu schaffen. Der Potsdamer Rückenspezialist Christian Diener stellte bei den Spielen in Rio de Janeiro als einziger deutscher Schwimmer in allen Rennen eine persönliche Bestzeit auf. Über 200 Meter Rücken qualifizierte er sich fürs Finale, wurde Siebter, gehörte zu den wenigen Lichtblicken im Beckenteam, das wie schon 2012 medaillenlos blieb.

Von der Nachricht, fünf Monate vor der Qualifikation zu seinen letzten Olympischen Spielen plötzlich ohne Hoffmann dazustehen, der ihn seit elf Jahren betreut und in die internationale Spitze geführt hat, war Diener erst mal geschockt. Das Gespann gehört ja zu den erfolgreicheren im aktuellen DSV-Team: Diener gewann 2014 bei der EM in Berlin über 200 Meter Rücken die Silbermedaille, 2018 mit der Lagenstaffel EM-Bronze. Auf der Kurzbahn sammelte er bei Europameisterschaften einen Titel und fünf zweite Plätze, außerdem startet er in der International Swimming League.

Diener, 27, bat in seiner Not den Leistungssport-Vorstand des Deutschen Olympischen Sportbundes Dirk Schimmelpfennig um Hilfe. Auch die 16 Jahre alte Chiara Klein aus seiner Trainingsgruppe, die auf der Freistilstrecke als Talent mit Olympiapotenzial gilt, war wenig amüsiert angesichts des drohenden Trainerverlusts. Schließlich war sie mit ihren Eltern und Geschwistern extra aus Hessen nach Potsdam gezogen, um bei Hoffmann zu trainieren.

Offenbar merkte der DSV irgendwann, dass die Ausbootung des Trainers weder geräuschlos noch kritiklos vor sich gehen würde. Hoffmann ist eine Gallionsfigur. Der 50-Jährige, der bis 1990 für die DDR schwamm, war 1991 in Perth Weltmeister über 400 Meter Freistil und stellte über 1500 Meter einen Weltrekord auf. Ein Jahr später gewann er in Barcelona Olympiabronze. Zwischen 1989 und 1995 dominierte er in Europa die 1500- Meter-Strecke.

Nicht nur als Sportler hielt er die Potsdamer Fahne hoch, sondern seit 2005 als Trainer der dortigen Spitzengruppe. Er brachte Yannick Lebherz zu Olympia, Jaana Ehmcke schwamm ihre schnellsten Zeiten bei ihm. Auch wenn Hoffmann manchmal brummig wirkt, gehört er zu den Kommunikativen seiner Zunft, vor allem aber zu den Innovativen. Zu denen, die international bestens vernetzt sind, fachlich im Bilde, welche Trends oder Methoden in Amerika oder anderswo gesetzt werden. Sein Portfolio dürfte deutlich größer als das des aktuellen Bundestrainers sein.

Nun soll also Tylinski in Abstimmung mit Vitense und Co. die Fachaufsicht in Potsdam übernehmen, sportartspezifische Strukturen in Brandenburg weiterentwickeln. „Potsdam kann sich jetzt zu einem Exzellenzzentrum im Schwimmsport entwickeln“, wird DSV-Leistungssportdirektor Kurschilgen in der Verbandsmitteilung zitiert. Er kommt eigentlich aus der Leichtathletik. 

„Ich möchte niemandem zu nahe treten, aber kann das klappen, wenn deutlich weniger erfolgreiche Trainer einen der besten der letzten Jahre führen sollen? Ich habe meine Zweifel“, kommentierte der frühere Bundestrainer Lambertz auf Facebook. Wobei für Hoffmann momentan ja noch nicht mal eine Stelle am Beckenrand gesichert ist.

Um Olympiakandidaten wie Diener oder Klein nicht völlig aus der Bahn zu werfen, versucht der DSV nun offenbar, einen Weg zu finden, Hoffmann doch über das Jahresende hinaus zu beschäftigen. „Möglichkeiten einer weiteren Einbindung bis zu den Olympischen Spielen und darüber hinaus werden aktuell mit den regionalen Partnern abgestimmt, insbesondere im Sinne der in Potsdam beheimateten Spitzenathleten. Die optimale Olympiavorbereitung der Bundeskaderathleten hat für alle Beteiligten oberste Priorität“, ließ Kurschilgen verlauten. Hoffmann und seine Athleten sind sicher gespannt, worauf das hinauslaufen wird.