Warnt vor den schmutzigsten Spielen überhaupt: Der Chef der amerikanischen Antidoping-Behörde Travis Tygart.  
DPA/Sebastian Gollnow

BerlinDer Triathlet Patrick Lange hat an seinem Wohnort Salzburg den Vorteil, dass an abwechslungsreichen Lauf- und Radstrecken kein Mangel herrscht. Seit geraumer Zeit ist der zweifache Hawaii-Champion, der 2017 und 2018 den berühmtesten Ironman gewann, nur noch alleine unterwegs. Dabei dachte er kürzlich: Was ist mit den Dopingkontrollen, wo selbst Reisen zwischen seiner Wahl-Heimat Österreich und Deutschland nur noch eingeschränkt möglich sind? 

„Die Grenzen werden geschlossen, wir werden sozial isoliert. Ich habe auch Angst, dass schwarzen Schafen jetzt Tür und Tor geöffnet ist. Das ist zwar ein sportspezifisches Problem, aber ansprechen möchte ich es, wenn auch die Kontrolleure nicht reisen können“, sagt der 33-Jährige und gibt zu bedenken: „Es könnte Sportler geben, die sich diese Situation mit Betrug zunutze machen könnten. Ich habe mir vorgestellt, dass der komplette Leistungssport gerade ohne Kontrollen dasteht.“ Womit einer der weltbesten Triathleten recht hat. Sowohl die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) als auch die Nationale Antidoping-Agentur (Nada) gestehen, dass gewaltige Lücken im Kontrollsystem klaffen – wenn es aufgrund von Grenzschließungen und Reisebeschränkungen nicht schon eine Leerstelle ist.

Kein normales Dopingkontrollsystem

Im ZDF-Sportstudio zeichneten beide Institutionen ein düsteres Bild. „Das ist ein riesiges Problem für uns alle, für die gesamte Antidoping-Gemeinschaft und den Sport“, sagte Wada-Chef Witold Banka. Viele Testprogramme seien weltweit aufgeschoben. Ähnlich äußerte sich Nada-Vorsitzende Andrea Gotzmann: „Derzeit können wir kein normales Dopingkontrollsystem durchführen. Das ist eigentlich schon seit etwa zehn Tagen, dass wir mit Aufkommen der Coronavirus-Problematik unsere Systeme des Kontrollaufwandes zurückgefahren haben.“

Athleten stellen fest, dass sich die im Ausnahmezustand zur Untätigkeit verdammten Dopingkontrolleure nicht mehr melden. Zudem sind international viele Labore geschlossen, was eingedenk der dringenderen Probleme in der Notlage der Gesundheitssysteme verständlich ist. Daraus folgert, dass die Leistungssportler jetzt unbehelligt tun können, was sie wollen: Das Einfallstor für den Missbrauch steht offen.

Es droht: "Eine Farce"

Marathonläufer Arne Gabius, der sich beim Frühjahrsmarathon in Wien (19. April) für die Olympischen Spiele qualifizieren wollte, begründet damit seine Forderung nach einer Absage der Spiele für 2020. Der Ausdauerspezialist drückte als Arzt in der Süddeutschen Zeitung zwar seine Hoffnung aus, dass sich noch einige Kollegen finden, „die Blutkontrollen abnehmen können“, aber er weiß, dass das aufgrund der sich fast stündlich zuspitzenden Lage kaum realistisch ist. Vielleicht müsse man 2020 „als ein Jahr sehen, in dem der Sport ruht“, sagt Gabius.

Jürgen Kessing, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), sagte im ZDF: „Wenn weltweit keine Dopingkontrollen stattfinden, ist das eine Farce.“ Gerade in dieser Trainingsphase seien Kontrollen wichtig. Wenn das nicht passiere, „kann man die Folgen an fünf Fingern abzählen.“ Steroide, Wachstumshormone oder das Blutdopingmittel Epo werden nicht im Wettkampf, sondern in der Vorbereitung eingesetzt, wenn die Grundlagen für Kraft und Ausdauer gelegt werden. Intelligente Trainingstests werden aus gutem Grund als beste Abschreckung gerühmt – bleiben sie aus, sind Wettkampfkontrollen nur noch ein Feigenblatt.

Für Travis Tygart gibt es keine Alternative

Travis Tygart, der Vorsitzende der US-Antidoping-Agentur (Usada), sieht „ernsthafte Probleme für das globale Antidoping-System“. Der einst im Fall Lance Armstrong unerbittliche Dopingjäger schlussfolgert: „Die Fairness gegenüber den Sportlern bleibt auf der Strecke, das ist ein sehr hohes Risiko. Andere Meinungen sind unwahr.“

Die Führungskräfte bei Wada und Nada erhöhen den Druck aufs IOC. Gotzmann gibt zu bedenken, dass auch die Fußball-EM bereits verschoben sei. „Ich glaube, man muss über einen Plan B nachdenken.“ Für Tygart gibt es keine Alternative: „Die Spiele müssen verlegt werden, um sicherzugehen, dass wir nicht die schmutzigsten Spiele überhaupt erleben.“