In der Nachspielzeit hat es Rafal Gikiewicz nicht mehr ausgehalten. Der Trainer hatte dem Torwart drei Minuten vorher noch verboten dahin zu stürmen, wo Tore gemacht und nicht verhindert werden. „Urs Fischer hat Nein gesagt. Ich musste an der Mittellinie bleiben. Dann habe ich nicht mehr nachgefragt und bin einfach nach vorne“, erzählte der gefeierte Held kurz darauf. Gikiewiczs Ungehorsam hat Union einen Punkt gerettet und mit dem 1:1 (0:0) gegen den FC Heidenheim den Vereinsrekord von neun Partien zu Saisonbeginn ohne Niederlage.

Die erste punktlose Partie der Saison schien besiegelt, als sich der 30 Jahre alte Gikiewicz über den Willen seines Trainers hinwegsetzte. Er hatte ein gutes Gefühl, dass ihn in den gegnerischen Strafraum trug. Sein Zwillingsbruder Lukasz ist ja Stürmer und kann auch gut köpfen. „Ich wollte am zweiten Pfosten bleiben, weil alle zum Ball gehen, und habe gehofft, dass Hübi den Ball direkt zu mir spielt, dann macht es Andersson. Das ist auch okay“, sagte Unions Ausgleichstorschütze. Trotzdem war der Kopfball eine Wucht, kein glückliches Torhütertor, sondern ein mustergültiges Exemplar von Sprungkraft und Kaltschnäuzigkeit. Da staunte auch Kollege Christopher Trimmel: „Das haben wir im Training mit ihm noch nicht so trainiert. Rafal hat jetzt ein Tor und einen Assist auf dem Konto, Hut ab.“

Die Vorlage datiert aus der Partie gegen Duisburg, als Union in der Nachspielzeit ebenfalls zurücklag, ehe Gikiewicz auf Florian Hübners Kopf platzierte. Die erneute Rettungstat auf dem für ihn eigentlich falschen Platzende war nun aber Meisterstück. „Am Schluss musst du froh sein, dass du noch einen Punkt geholt hast“, sagte Urs Fischer. „Es freut mich für Rafal, aber ich habe mir das anders vorgestellt.“

Denn seine Mannschaft hatte auf die Taktik von Heidenheim kein Mittel gefunden. Die Gäste bauten ihr Mittelfeld als Raute auf und nahmen Manuel Schmiedebach in Manndeckung. Weil auch Unions Innenverteidiger abgeschirmt wurden, brach der Spielaufbau in sich zusammen. „Wir haben zu viele lange Bälle und vorne zu viel flach gespielt“, analysierte Gikiewicz, der, weil kaum beschäftigt, 90 Minuten den besten Blick aufs Geschehen hatte.

Trügerische Ruhe

In der Anfangsviertelstunde hatte das noch ganz ansehnlich ausgesehen, was seine Vorderleute fabrizierten, danach aber hatten die Eisernen jedoch zu sehr die Ruhe weg. Passten quer, warteten ab, verhielten sich passiv und waren irgendwann nur noch am Hinterherlaufen.

In der Ruhe liegt ja die Kraft, und die Köpenicker haben sich diese Ruhe in den vergangenen Monaten eindrucksvoll erarbeitet − mit einer stabilen Defensive und späten Toren. Wenn die sich die Gegner schon in der Halbzeitpause oder der Spielanalyse wähnten, schlugen die Eisernen zu. Das beruhigt die Nerven in den wöchentlich wiederkehrenden Stresssituationen und gibt Selbstsicherheit. Und fast schien sich in der Nachspielzeit der ersten Hälfte die Ruhe auszuzahlen. Akaki Gogia nutzte den Fehler seines Gegenspielers Norman Theuerkauf und legte zu Sebastian Andersson zurück. Drüber. Gogia hätte besser selbst den direkten Weg zum Tor suchen sollen.

In der Ruhe liegt aber auch das Risiko sich selbst einzuschläfern im Vertrauen auf das bessere Ende. Zunehmend überließ die Mannschaft von Fischer den Gästen das Spiel, was sich in der 56. Minute rächte. Im Anschluss an eine Ecke wurde der Ball nicht geklärt, hier hätte ein langer Schlag mal Wunder gewirkt. Robert Glatzel bedankte sich und schloss Heidenheims einzige richtig gute Chance mit der Führung ab. Danach gab es erst recht kein Durchkommen mehr für Union.

Polters Verzweiflung

Die Verzweiflung des eingewechselten Sebastian Polter wurde mehrfach deutlich beim Versuch einen Elfmeter einzufordern. Erst hatte er sich nach einem Foul in den Strafraum gerollt, bekam aber korrekterweise nur einen Freistoß zugesprochen, dann protestierte er gegen die Schiedsrichter-Entscheidung Ecke statt Handelfmeter. Grischa Prömel hatte den Ball aus der Distanz abgefeuert, Theuerkauf auf strittige Weise geblockt. „Wenn es zwei so Szenen gibt, muss es mindestens einen Elfmeter geben“, fand Trimmel zwar. Null Elfmeter war aber auch vertretbar. Und dann schritt ja Gikiewicz zur Tat, der sich um Diskussionen an diesem Tag zum Glück nicht scherte.  

Ansonsten kam von Union in der Offensive aber zu wenig Druckvolles zustande. Das bestrafte Robert Glatzel nach dem Seitenwechsel in der 56. Minute. Nach einer Ecke platzierte der Angreifer den Ball per Kopf im Union-Netz. Danach mühten sich die Köpenicker auch mit den eingewechselten Sebastian Polter, Simon Hedlund und Kenny Prince Redondo vergeblich. Ehe Gikiewicz genug zugesehen hatte und zum Glück der Fans selbst eingriff. „Auf diesen Moment habe ich 31 Jahre gewartet", freute er sich zweieinhalb Wochen vor seinem Geburtstag.