BerlinMan sagt ja oft, Spieler seien hungrig. Und so wie Büffeljäger Büffel jagen, sind Torjäger auf Tore aus. Gut, sie jagen sie nicht mit Speeren oder Gewehren, sie machen sie einfach: mit dem Spann, der Hacke, dem Kopf, manchmal sogar mit Knie oder Wade. Gerd Müller, der gerade 75 Jahre alt geworden ist, war so ein Typ: Immer dort, wo er sein musste, um rumsdibums ein Tor zu schießen.

Und wenn das, was Robert Lewandowski nach seinem Doppelpack beim 6:2-Sieg des FC Bayern in der Champions League diese Woche in den sozialen Medien kundgetan hat, nicht nur eine PR-trächtige Erfindung irgendeines Marketingmanagers war, sondern Lewandowskis wahren Empfindungen entspricht, dann hat ihn Gerd Müller von einem Tormacher tatsächlich zu einem echten Torjäger werden lassen.

Robert Lewandowski dankt Gerd Müller

Denn nach seinen Treffern Nummer 69 und 70, die Lewandowski der „wahren Legende“ Müller gewidmet hatte, konnte man von dem Polen lesen: die Errungenschaften von Gerd Müller, dem „Bomber der Nation“, trieben ihn tatsächlich jeden Tag an. Er wolle Müllers Größe zumindest ein Stück näherkommen. Womit der 1,84-Meter-Kerl natürlich die Größe gemeint hat, die sich in Toren messen lässt.

Für die Partie des Tabellenersten FC Bayern München gegen den Tabellenzweiten Borussia Dortmund an diesem Sonnabend (18.30 Uhr, Sky) hat sich Lewandowski am Dienstag bei RB Salzburg jedenfalls ordentlich warmgeschossen. In der Bundesliga jagt Europas Fußballer des Jahres nun schon eine ganze Weile unaufhaltsam Gerd Müllers Rekord von 40 Saisontoren aus der Saison 1971/72 hinterher. „Wenn man sieht, wie konstant er trifft und wie gefestigt die Mannschaft wirkt und auch immer wieder Chancen herausspielt, ist es auf jeden Fall im Bereich des Möglichen“, sagte Thomas Müller zuletzt auf die Frage, ob sein Teamkollege die 40 ebenfalls schaffen könnte.

Nach fünf Ligaspielen hat Lewandowski bereits zehn Tore auf dem Konto. Dabei behauptete er, der Rekord sei nicht sein Ziel und verwies auf die hohe Belastung in dieser Saison. Wegen des eng getakteten Terminplans könnte der 32-Jährige in der Liga öfter Verschnaufpausen erhalten, wie zuletzt beim Sieg der Bayern in Köln.

Das gilt auch für Erling Haaland. Der 20-Jährige avanciert immer mehr zum Mister Champions League. Den Doppelpack beim 3:0 von Borussia Dortmund beim belgischen Meister FC Brügge eingeschlossen traf der Norweger in der Königsklasse in elf Spielen bereits 14-mal. Auch das ist ein Rekord.

„Ich bin jetzt elf Monate hier. Die Chemie wird immer besser, ich bin sehr glücklich“, sagte Haaland gewohnt locker. Auch in der Liga wird der blonde Norweger mit 18 Toren in 20 Partien seinem Ruf als Tormaschine gerecht. So hatte ihn jedenfalls Thorgan Hazard genannt.

Folgt Haaland 2022 auf Lewandowski?

Zur Bestmarke von Gerd Müller fehlen dem Shootingstar allerdings noch einige torreiche Jahre. Die hat Lewandowski mit 246 Treffern in 326 Spielen schon hinter sich, doch die 365 Tore von Gerd Müller in 427 Spielen scheinen doch eher unantastbar zu bleiben. Bei gleichbleibender Torquote (0,75/Spiel) müsste Lewandowski noch mindestens fünf Spielzeiten in der Bundesliga dranhängen.

Das ist kein sehr wahrscheinliches Szenario. Dafür könnte sich 2022 eine ganz andere Situation ergeben, die mit einer angeblichen Klausel in Haalands Vertrag bei Borussia Dortmund zu tun hat und dem Stürmer offenbar erlaubt, für eine festgeschriebene Ablöse von 75 Millionen Euro den Klub zu verlassen: „Steht BVB-Star Haaland bereits als Lewandowski-Nachfolger beim FC Bayern fest?“, spekuliert jedenfalls die tz in München, nachdem Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bestätigte, dass sich die Bayern schon früher mit Haaland beschäftigt hatten.

Haaland jedenfalls will im dritten Duell mit dem FC Bayern und seinem Gegenüber Lewandowski erstmals als Sieger vom Platz gehen, zeigen, dass das Modell Tormaschine drauf und dran ist, das Modell Torjäger zu übertrumpfen – und so gleichzeitig mit Borussia Dortmund die Tabellenführung übernehmen. „Wir müssen weitermachen und das Spiel attackieren“, gab Haaland die Marschroute vor.

Sebastian Kehl, Leiter der Lizenzspielerabteilung des BVB, lobte indes den Ehrgeiz seines Topstürmers. „Verrückter Typ. Wie er sich reinhängt, wie engagiert er ist, wie leidenschaftlich er ist“, sagte er. Es klang mehr nach Torhunger als nach Maschinenöl. Kehl jedenfalls fügte noch an: „Wir werden ihn nicht bremsen, keine Sorge.“ Wer Hunger hat, wird Tore machen.