José Mourinho (vorne) geht voran, obwohl er auf Mauricio Pochettino folgt.
Foto: Marc Atkins/Witters

ManchesterAuch ohne Verein ist José Mourinho präsent gewesen in der englischen Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen. Ein Wettanbieter startete eine Werbekampagne mit dem Trainer aus Portugal in der Hauptrolle, außerdem arbeitete der einstige Special One als Experte bei den Übertragungen des Senders Sky Sports. Mourinho inszenierte sich als selbstironisch, charmant und fachkundig. Er verfolgte offensichtlich das Ziel, sein ramponiertes Ansehen in England zu sanieren, nachdem er nach seinem Aus bei Manchester United vor elf Monaten schon als erledigt galt, als Trainer von vorgestern, nicht zu vermitteln.

Die PR-Kampagne in eigener Sache führte in Rekordzeit zum Erfolg. Tottenham Hotspur stattete Mourinho jetzt als Ersatz für den abberufenen Mauricio Pochettino mit einem Vertrag bis 2023 aus. Der Wechsel vollzog sich am Dienstagabend und Mittwochmorgen als Donnerschlag in zwei Akten und ist eine der spektakulärsten Personalien, die Englands Fußball in den vergangenen Jahren erlebt hat. Er könnte Tottenhams Fan-Gemeinde spalten.

Pochettino formte Tottenham zu einem Spitzenverein

Die Entlassung Pochettinos gilt vielen als Zeichen für die brutale Schnelllebigkeit des Fußballs. Der Argentinier hat bei Tottenham Wunder bewirkt in fünfeinhalb Jahren, hat den Klub trotz finanzieller Unterlegenheit gegenüber der Konkurrenz zu einem Spitzenverein und zum Dauergast in der Champions League gemacht. Höhepunkt seiner Amtszeit war der Marsch ins Finale in der vorigen Saison (0:2 gegen den FC Liverpool). Dass Pochettino mit den Spurs keinen Titel holte, stellt sein Werk nicht grundsätzlich in Frage.

Die Trennung war dennoch unvermeidbar. Das ganze Jahr über präsentierte sich Tottenham in der Premier League in der Form eines Abstiegskandidaten. Den bisher letzten Auswärtssieg im nationalen Betrieb gab es im Januar. Die Mannschaft steht nach fünf sieglosen Spielen nacheinander auf dem 14. Tabellenplatz hinter Burnley, Brighton & Hove Albion und Newcastle United. Dazu kommen Blamagen wie das Aus im Ligapokal gegen den Viertligisten Colchester United und das 2:7 in der Champions League gegen den FC Bayern.

Pochettino hat immer wieder die Sparsamkeit von Klubchef Daniel Levy beklagt und genoss es vorige Saison, als Kandidat bei Manchester United und Real Madrid gehandelt zu werden. Anfang Juni kokettierte er offen mit seinem Abschied. Auch soll es Irritationen im Verein ausgelöst haben, dass sich der Trainer gleich nach der Niederlage gegen Liverpool in den Urlaub absetzte, anstatt seine Spieler bei der Trauerbewältigung zu unterstützen. Kein Wunder, dass Leistungsträger wie Christian Eriksen, Jan Vertonghen und Toby Alderweireld den Klub verlassen wollen. Trotzdem wird Pochettino als Held in Tottenhams Geschichte eingehen und dürfte schnell eine Anschlussbeschäftigung finden.

Mourinho hat den Ruf, Pokale zu garantieren

Anders als der Argentinier hat Nachfolger Mourinho den Ruf, Pokale zu garantieren. Er gewann mit dem FC Porto und Inter Mailand die Champions League, führte den FC Chelsea zu drei Meisterschaften und bescherte Manchester United die bisher letzten Trophäen mit Erfolgen im Supercup, im Ligapokal und in der Europa League. Allerdings bieten sein auf Zerstörung ausgelegter Fußball, die kalte Menschenführung und die egozentrische Art   Konfliktstoff. Die Daily Mail fürchtet: „Es ist Wahnsinn, dass Tottenham José Mourinho verpflichtet hat. Er wird das Leben, die Seele und den Spaß aus der Mannschaft saugen und alles ruinieren, was Pochettino aufgebaut hat.“

Auch wird es interessant zu sehen sein, wie die Zusammenarbeit mit dem sparsamen Levy funktioniert. Bei Manchester United klagte Mourinho trotz teurer Verpflichtungen wie Paul Pogba, Romelu Lukaku oder Fred über mangelnden Rückhalt auf dem Transfermarkt. Tottenham gelang vorige Saison das Kunststück, überhaupt kein Geld für neue Spieler auszugeben und erfolgreich zu sein. Pochettino nutzt das ein knappes halbes Jahr danach nichts mehr.