Berlin - Emanuel Buchmann studierte die Route der 109. Tour de France neugierig im Team-Camp im fernen Öztal, Tadej Pogacar plante im Pariser Palais des Congres beim Blick auf den Kurs schon den nächsten Angriff auf das Gelbe Trikot: Ein Favoriten-Showdown in Alpe d’Huez, Sturzgefahr auf dem Kopfsteinpflaster von Paris–Roubaix und ein Herzschlagfinale im Kampf gegen die Uhr – die Frankreich-Rundfahrt geizt auch 2022 nicht mit Höhepunkten.

„Es ist eine schöne Tour, aber auch eine anstrengende“, sagte Ralph Denk, Teamchef des deutschen Top-Teams Bora-hansgrohe, am Donnerstag: „Mit klassischen Anstiegen wie Alpe d’Huez oder Hautacam beschäftigt sich der Fan noch intensiver als mit anonymen Bergen.“ Der Deutsche Meister Maximilian Schachmann meinte: „Es wird eine spannende Tour, sie ist ausgewogen.“

Beide Zeitfahren dürften großen Einfluss nehmen

Einen großen Einfluss auf das Gesamtergebnis dürften neben den Bergetappen in Alpen und Pyrenäen die beiden Zeitfahren spielen. Der Startschuss fällt mit einem 13 Kilometer langen Kampf gegen die Uhr in Kopenhagen. Dänemark wird damit zehntes Gastgeberland des Grand Depart. Das Einzelzeitfahren der vorletzten Etappe nach Rocamadour ist stolze 40 Kilometer lang.

Dass sicher geglaubte Siege im Zeitfahren noch verspielt werden können, bewies zuletzt der Slowene Pogacar, als er 2020 seinem Landsmann Primoz Roglic vor dem Schlusstag noch das Gelbe Trikot entriss. Im kommenden Jahr peilt der 23-Jährige vom Team UAE Emirates den dritten Erfolg in Serie an. „Die Zeitfahren sind wichtig, sie werden mehr gewürdigt als in der Vergangenheit“, sagte Denk.

Pogacar gefällt auch der Rest: „Alpe d’Huez, das Kopfsteinpflaster. Das sieht gut aus. Das Kopfsteinpflaster ist eine Herausforderung, die mich reizt. Ich bin das noch nie gefahren“, sagte der Slowene am Donnerstag und schwärmte: „Es wird ein unglaubliches Rennen.“ Mit seinen Siegen 2020 und 2021 ist der erst 23 Jahre alte Slowene der Mann, den es zu schlagen gilt. Und mit den fast 20 Kilometern Kopfsteinpflaster auf der fünften Etappe stellen die Tour-Organisatoren Pogacar immerhin vor eine neue Aufgabe.

Für Diskussionen dürfte die fünfte Etappe sorgen, die für rund 20 Kilometer über die Kopfsteinpflaster-Passagen des Klassikers Paris–Roubaix führt. „Ich würde es mir wünschen, dass die Etappe für alle Favoriten gut über die Bühne geht“, sagte Denk: „Man kann die Tour dort durch Pech verlieren.“ Das sei auch auf den anderen Etappen der Fall, aber „man fordert es durch solche Aktionen heraus“.

Nach Abstechern nach Belgien und in die Schweiz warten mit den Bergankünften am 2413 Meter hohen Col du Granon und L’Alpe d’Huez zwei Favoriten-Showdowns in den Alpen. In den Pyrenäen sind drei Etappen angesetzt. Auf dem Weg von Kopenhagen nach Paris sind insgesamt 3328 Kilometer im Sattel zu absolvieren.

Ob der deutsche Hoffnungsträger Buchmann im Juli sein Tour-Comeback feiert, ist noch offen. Der Ravensburger ist ein exzellenter Kletterer, der Kampf gegen die Uhr allerdings nicht seine größte Stärke und die erhoffte Podestplatzierung dadurch nur schwer zu erreichen. „Wer nicht so gut im Zeitfahren ist, geht mit einem virtuellen Rückstand ins Rennen“, sagte Denk.

Direkt im Anschluss an die Männer werden sich im kommenden Jahr auch die Frauen ins Rampenlicht fahren. Ein feierlicher Start im Schatten des Eiffelturms, acht Etappen und ein schweres Finale an der Planches des Belles Filles: Die Neuauflage der „Tour de France Femmes“ soll den Frauen-Radsport im kommenden Jahr mit einem anspruchsvollen Kurs ins Rampenlicht stellen. Das rund einwöchige Rennen müsse eine „Referenz für den Frauen-Radsport“ werden, erklärte Tour-Direktor Christian Prudhomme am Donnerstag.

Frauen starten am Schlusstag der Männer

Der Start erfolgt am Schlusstag des Männer-Rennens am 24. Juli in Paris. Dabei werden nach dem Start am Wahrzeichen der französischen Hauptstadt mehrere Runden auf den Champs-Elysees absolviert. In der Folge führt die Strecke in die Vogesen, ehe die Entscheidung um den Gesamtsieg an der aus der Männer-Tour bekannten Planches des Belles Filles fällt. Die Gesamtlänge der Strecke beträgt 1029 Kilometer. „Der Fakt, dass wir in Paris am Tag des Männer-Finals starten, gibt dem Rennen Rückenwind. Die Medien können das Rennen besser begleiten“, sagte Prudhomme.

Zwischen 1984 und 1989 war die Frauen-Tour unter dem Namen Grande Boucle Feminine gerollt, 2009 kam das vorläufige Aus des bedeutungsschwachen Nachfolge-Rennens. Seit 2014 wurde im Rahmen der Frankreich-Rundfahrt das Eintagesrennen „La Course“ ausgetragen. Es weicht 2022 der Rundfahrt.