Paris - Zum Abschluss präsentierten die Regisseure der Tour de France noch einmal formidable Bilder ihres Landes, diesmal aus dem Herzen von Paris. Sonnenuntergang über den Champs-Élysées, die noch verbliebenen Strahlen des Tages sammelten sich zu einer Linie vom Triumphbogen bis zum Podium der Tour de France auf Frankreichs Prachtstraße in Höhe der Place Clemenceau. Und oben auf dem Siegerpodest stand, bei gerade einbrechender Nacht, hell illuminiert Egan Bernal, 22, aus Zipaquira in Kolumbien im finalen Gelben Trikot. Freude, Verbeugung, die Hymne seines Landes wird gespielt, Bernal hält eine Rede, die große Menge kolumbianischer Fans will sich gar nicht mehr beruhigen, so ausdauernd feiert sie ihren Mann in Gelb, den Sieger der Frankreich-Rundfahrt.

Später versammelt sich diese riesige Exilgemeinde vor dem Team-Bus von Bernals Ineos-Auswahl, der wiederum unweit der berühmten Kirche „La Madeleine“ parkte, was weitere idyllische Bilder produzierte. Heitere Stimmung und dazu ein Teamchef Dave Brailsford, der sich ins Fußballnationaltrikot von Kolumbien gewandet hatte. Eines mit der Farbe gelb natürlich.

Vorteil der Anden

Egan Bernal selbst hatte die für ihn wertvollsten kolumbianischen Menschen zu diesem Zeitpunkt längst empfangen, gedrückt und geküsst: Vater German, Mutter Floresita, Bruder Ronald, 14, die Verlobte Xiomara. Neben Worten des Dankes und der Ungläubigkeit, das schwerste Radrennen der Welt als erster Kolumbianer gewonnen zu haben, sprach Bernal auch über seine Herkunft und die zunehmend vielen starken Radprofis aus den Anden, die gerade überall auftauchen: „Es ist eine Welle. Die Teams schauen schon länger nach Kolumbien. Aber wir kommen von der anderen Seite der Welt. Es war lange Zeit schwer, den Schritt nach Europa, der Heimat des Radsportes, gehen zu können. Das ist einfacher geworden. Das ist gewiss ein Grund dafür, dass es nun so viele Profis aus Kolumbien gibt.“

Es ist ja auch nicht nur Bernal, der auf sich aufmerksam macht. Vor allem Nairo Quintana, 29, hat eine große Radsportbegeisterung in Kolumbien entfacht. Quintana, klein, leicht, dazu ein außergewöhnlicher Kletterer, feierte große Erfolge: Giro-Sieger 2014, Gewinner der Spanien-Rundfahrt 2016, drei Etappensiege bei der Tour, die er 2012 und 2015 als Zweiter und 2016 noch einmal als Dritter beendete.

Quintana ist aktiv, bei dieser Tour sicherte er sich eine Tageswertung in den Alpen. In Quintanas Schatten entwickelten sich weitere herausragende Fahrer wie Rigoberto Uran, Tour-Zweiter 2017, oder Esteban Chavez, der 2016 die Lombardei-Rundfahrt gewann. „Diese Entwicklung hat die Teams motiviert, nach uns Ausschau zu halten“, sagt Bernal – nach Talenten wie ihm, die inmitten der Anden aufgewachsen sind, als exzellente Bergfahrer auffallen und die sich zu exzellenten Rundfahrern entwickeln. Kolumbien hat in Fernando Gaviria auch einen Weltklasse-Sprinter. „Es hat schon immer viele Talente in Kolumbien gegeben. Ich bin sicher, es werden in Zukunft noch mehr von ihnen nach Europa kommen.“

Vom Verdacht begleitet

Darüber hinaus gibt es einen weiteren Könner aus einer anderen Region Südamerikas: Richard Carapaz, 26, aus Ecuador, der im Mai den Giro d’Italia gewann. Und nun mit dem Team Ineos in Verbindung gebracht wird, das sich damit – neben Bernal und den ehemaligen Tour-Siegern Geraint Thomas und Christopher Fromme – noch einen Rundfahrer mit Potenzial sichern würde.
Bernal nennt die Höhe von 2 600 Metern, in der er in Zipaquira groß wurde, dazu sein Trainingsrevier, das hinauf führt nach Pacho − 3 600 Meter über dem Meeresspiegel gelegen − , „als Vorteil“ für sich, und andere kolumbianische Talente. Das wird so falsch nicht sein, gleichwohl werden auch die aufstrebenden Südamerikaner wie alle anderen Spitzenfahrer auch vom Dopingverdacht begleitet.