Pau - Die letzten Meter des Zeitfahrens von Pau waren die schwersten für Maximilian Schachmann in den 13 Tagen seiner ersten Tour de France. Ein heftiger Anstieg noch, Schachmann quälte sich mit Schmerzen nach oben, ganz langsam, in Schlangenlinien. Zuvor war er, gut im Rennen liegend, gestürzt, zu hohes Tempo, er hatte eine Kurve falsch eingeschätzt, es folgte ein Sturz: „Ich bin schnell da rein, dann ist mein Vorderrad gerutscht, ich konnte es noch abfangen, aber mir haben 20 Zentimeter gefehlt. Da kam schon das Gitter.“ Im Anschluss bereitete ihm die linke Hand Probleme. Am Abend im Krankenhaus dann die brutale Gewissheit: drei Mittelhandknochen gebrochen, zur weiteren Behandlung soll er schnellstmöglich zurück nach Deutschland. Das bittere Ende einer bisher aufregenden Fahrt durch Frankreich für den Berliner.

Zuvor war Schachmann ein lächelnder Tour-Debütant, erzählte nach den Etappen, was ihm liegt, weil er es schafft, immer wieder gehaltvolle Erkenntnisse mit humorigen Einlagen zu mischen. Schachmann, 25 Jahre jung, Dreitagebart, schlank, stets akkurat frisiert, sehr erfolgreich in diesem Frühjahr, sechs Siege bereits, aktueller Deutscher Meister, hat seinen Beruf genossen. Bis hierhin, sagt Schachmann, „ist es das beste Jahr meiner Karriere“. An dieser Einschätzung dürfte auch sein Unfall vom Freitag nichts ändern.

Teaminterne Privilegien

Dank seiner Erfolge im Frühjahr – unter anderem drei Etappensiege bei der schweren Baskenland-Rundfahrt, dazu Platz drei beim Eintagesmonument Lüttich-Bastogne-Lüttich – hat sich in die Weltklasse gefahren. Sein Status in der Radsport-Szene hat ihm teamintern Privilegien eingebracht, auch bei dieser Tour. Auf einigen Etappen „hätte er durchaus auch mal gehen können, unsere Erlaubnis hatte er“, sagt Enrico Poitschke, der sportlicher Leiter seines deutschen Teams Bora-hansgrohe. Dazu kam es am Donnerstag im Verlauf der ersten Pyrenäen-Etappe.

Im Team wird das als Teil eines großen Plans angesehen, erzählt Poitschke. Schachmann sei zum Lernen bei der Tour gewesen, dieser Tour der Leiden, „wir wollen ihm hier helfen, sich weiter zu entwickeln. Er hat hier viel gearbeitet und einen starken Eindruck hinterlassen. Wir sind sehr zufrieden mit ihm.“ Bis zum Ruhetag sei Schachmann eben nicht in der Lage gewesen, „in den entscheidenden Momenten mitzufahren“, sagt Poitschke, was angesichts seines erfolgreichen Frühjahrs und seiner Novizenrolle bei der Frankreich-Rundfahrt nicht verwunderlich sei. Auch ein großes Talent wie Schachmann, der in der Lage ist, Rennen zu animieren, muss sich erst einmal den Besonderheiten der Tour annähern, was vor allem heißt: Extremes Tempo gehen und gleichzeitig besonders aufmerksam fahren, um Stürzen auszuweichen, die wegen der erhöhten Nervosität in einem Tour-Peloton sehr häufig passieren – und in einem Zeitfahren Kurven richtig einschätzen.

Auf Actionkurs

Ausreißen, nicht immer im Feld fahren, sich zeigen und nicht verstecken – all das sind Eigenschaften, die Schachmann auszeichnen und ihn zu einem interessanten Fahrer machen. Nur mitrollen? „Viel zu langweilig“, findet er, stattdessen „möchte ich ruhig mal Action machen“, gerade bei Etappen, bei denen eher ein gewöhnlicher, also ruhiger Rennverlauf erwartet wird.

Alles in allem besitzt Schachmann eine ganze Reihe von Fähigkeiten auf dem Rad: Er kann aus einer kleinen Gruppe heraus erfolgreich sprinten, er ist ein starker Zeitfahrer und passabler Kletterer. Alles das sind Eigenschaften, die bei deutschen Radprofis nicht oft zu finden sind, und so hat sich schon längst eine Rundfahrer-Debatte um den deutschen Meister entwickelt, denn es ist die Schachmann-Mischung, die bei Mehretappenrennen gefragt ist. „Ob ich ein Rundfahrer bin oder werden kann, das kann ich nicht sagen. Das ist sehr schwer. Mir fehlt derzeit noch ein bisschen was am Berg. Da muss ich noch weiter vorne mitfahren“, sagt er. Aber selbst wenn das klappt, ist bei einer dreiwöchigen Veranstaltung wie der Tour auch noch das wichtige Detail der Beständigkeit gefordert: „Dazu braucht man viel Erfahrung, schwer zu sagen, ob ich das schon in mir habe.“

Konzentration auf die Gesamtwertung

Schachmann weiß nicht, ob er sich auf die mit noch mehr Entbehrungen verbundene Konzentration auf die Gesamtwertungen einlassen soll. „Wenn es Sinn macht, bin ich bereit dafür und würde es schon gerne ausprobieren. Dazu muss ich aber Rücksprache mit dem Team und meinem Trainer Dan Lorang halten. Denn man kann auch was verlieren. Ich habe Qualitäten und kann in bestimmten Radrennen wie bei schweren Klassikern gewinnen. Da würde ich dann Stärke einbüßen.“

Poitschke findet, es sei zu früh, sich auf Schachmann als Rundfahrer festzulegen. Allerdings habe er bereits eine dreiwöchige Rundfahrt bestritten, den Giro d’Italia im Mai, und dort überzeugt, zuletzt auch in den Bergen. In Prato Nevoso in den Ligurischen Alpen hat er sogar die 17. Etappe gewonnen. Zuvor jedoch hatte er mit einem Infekt zu tun, der ihn zurückwarf − den Giro beendete er auf dem 31. Platz. „Wir haben in diesem Jahr gesehen, dass Max Schachmann in den ganz schweren Rennen wie Lüttich-Bastogne-Lüttich zu den Allerbesten gehört. Aber wir wollen ihn kontinuierlich aufbauen, so haben wir es mit allen unseren jungen Fahrern gemacht.“

Keine Existenzängste

Einen lernwilligen Profi habe er mit Beginn dieser Saison verpflichtet, sagt Teamchef Ralph Denk. Nach seinem dritten Platz in Lüttich bezeichnete er Schachmann als „ein Juwel“. Zuvor fuhr Schachmann beim Branchenführer Quick-Step und ist auch dort schon als Siegfahrer aufgefallen, etwa als Etappengewinner bei der Deutschland-Tour. „Er ist ganz nah dran an Erfolgen bei großen Rennen“, glaubt Denk. Und: „Max ist selbstbewusst, hinterfragt Dinge, ist kein Befehlsempfänger. Aber er liefert eben auch. Das gefällt mir. Ich bin schon daran interessiert, den Max zu einem Leader aufzubauen.“

Trainingsfleißig sei er, bestätigt sein Coach Dan Lorang, aber Schachmann setzt nicht nur auf den Radsport. Sein Abitur schaffte er mit einem Notenschnitt von 1,3. Zudem hat er auch schon ein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens mit Maschinenbau begonnen. Mit dem Abitur „habe ich alle Türen offen. Vielleicht gibt mir das auch eine gewisse Leichtigkeit im Sport, weil er für mich nicht so Existenzängste auslöst“, sagte Schachmann vor dem Start der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt in einem Interview.

Auch sonst weiß er, was er mit seinem Leben etwas anzufangen. Um besser trainieren zu können, aber auch, um bei der Steuererklärung ein wenig Geld zu sparen, hat sich Schachmann mit seiner Freundin Josephine am Schweizer Ufer des Bodensees niedergelassen. Sein Sport sei fordernd, sagt Schachmann noch. Manchmal sei es für ihn als Familienmensch schwer, so viel unterwegs zu sein. Also versuchen die nahen Verwandten, den Radprofi zu besuchen. Schwester Carolin war in Lüttich, seine Mutter, eine Mathematik- und Physiklehrerin, bei der Teampräsentation in Brüssel. „Sie ist da schön rumgesprungen“, sagt Schachmann. Und lächelt. Wie so oft, wenn er Sätze beendet hat.